Schmyt © Lea Bräuer

Mit Bumms in die Solokarriere

»Universum regelt« heißt nicht nur Schmyts Debütalbum, sondern beschreibt auch den Start seiner Solokarriere ganz gut. Denn bereits jetzt liegen Fans wie Musikkolleg*innen dem deutschen Nicht-ganz-Newcomer zu Füßen. Warum, lässt sich beim Konzert in der SiMM City am 2. November 2022 live erleben.

Zwei Jahre ist es her, dass Schmyt mit seiner Debütsingle »Niemand« Pop- wie HipHop-Fans gleichermaßen begeisterte. Untermalt von soften Klavierklängen, tiefen Beats und verzerrtem E-Gitarren-Sound verarbeitete er in dem Song das miese Gefühl, für eine geliebte Person in der Bedeutungslosigkeit zu versinken – ein Gefühl, das das lyrische Ich im Track lieber verleugnet, statt dem eigenen Schmerz Raum zu geben. Als Schmyts zweiter Track »Taximann« sich als ebenso poetisch, musikalisch, stimmlich, melancholisch-mitreißend on point erwies wie sein erster, war schnell klar: Das Label »Niemand« wird diesem Typen nicht mehr lange anhaften.

Dabei war Julian Schmit – so sein bürgerlicher Name – schon vor seinem Projekt Schmyt kein Unbekannter in der deutschen Musikszene. 2013 trat er als »Triebwerk 1« der Band Rakede bei, die sich irgendwo zwischen HipHop, Electro und Reggae bewegte und u. a. mit Seeed, Samy Deluxe und Tua zusammenarbeitete. Er schrieb außerdem Songs für namhafte Musikgrößen wie Peter Fox und Till Lindemann. Als Rakede im Juni 2020 nach beinahe drei Jahren Funkstille die Auflösung bekanntgaben, flog Schmit weiter in Richtung Solokarriere. Nach diversen Featurings mit Rappern wie Yassin, Haftbefehl, Bausa, RIN oder Megaloh und dem Release seiner ersten zwei Tracks unter dem Namen Schmyt veröffentlicht er im Herbst 2021 seine erste EP »Gift«. Nun ist sein langersehntes Debütalbum »Universum regelt« beim Label Division erschienen, produziert von Bazzazian und Alexis Troy.

Brücke zwischen Pop und HipHop

Ein klares Genre verfolgt Schmyt nicht. Singer-Songwriting trifft auf HipHop-Beats tritt auf Trap-Patterns. Was Schmyts Musik zu einem Erlebnis macht: Er stellt hohe Ansprüche, hat ein Gehör fürs Detail, fürs Besondere, fürs Extreme. Da passt es, dass sein Sound gerne mit ebenso detailtreuen Musikern wie James Blake oder Frank Ocean verglichen wird. In Interviews nennt Schmyt vor allem Rihanna als maßgebliche Inspiration. Auf ihrem Album »Anti« (2016) habe sie es geschafft, »eine Brücke zwischen Pop und HipHop« zu schlagen. Ein Ziel, das auch Schmyt verfolgt. Thematisch dominierten Liebe, Herzschmerz und Verlust sowie das Ertränken negativer Gefühle in Vollsuff und Drogenrausch die »Gift«-EP. Das Motiv ist auf dem Album nicht ganz verschwunden. Schmyt singt von unerwiderter Liebe (»Ich wünschte du wärst verloren«), dem Verlassen und Verlassenwerden (»Liebe verloren«), toxischen Beziehungen (»Scherben und Schnittwunden«).

Doch obwohl sich mit dem Suhlen im Selbstmitleid gebrochener Herzen wahrscheinlich ganze Platten füllen lassen, katapultiert uns Schmyt diesmal mit lyrischer Wucht auch in andere Realitäten. In »Keiner von den Quarterbacks« verarbeitet Schmyt seine Mobbingerfahrungen in der Schulzeit – »Hab’ in der Schule immer eingesteckt, immer gejagt so lange bis die Luft nach Eisen schmeckt« – und singt vom Aufgeben als Prozess der Selbstermächtigung: »Kann sie nicht mehr sehen, optimierte Gesichter / Trägst du da Goldkette oder ist das ein Strick, ja«. Denn wer nicht mehr nach »Coolness« strebt, kann endlich er*sie selbst sein. Der Track »Bumms« transportiert die Beklemmnis deutscher Käffer, in denen Einwohner*innen schon Mitte 30 in umzäunten Reihenhäusern – »so wie Särge« – vor der Glotze versauern. Schmyt fragt ganz zurecht: »Ist das Leben oder Zeitlupe sterben?« Die Jugend kippt derweil vor lauter Langweile Bacardi ins Aquarium und im Hintergrund lauern Faschos, Klimawandel und Eltern, die eher um die ökonomische Verwertbarkeit ihrer Kinder besorgt sind als deren psychisches Wohlergehen. Dorfkids can relate.

Leben geht weiter, Universum regelt

Feel-good vibes gibt es auf der Platte auch hier und da, etwa bei »Alles anders (weniger im Arsch)« featuring CRO oder »Tangobounce Freestyle« mit Majan. Zwar nie ganz ohne die gewohnte Melancholie, aber das ist vielleicht auch die Kunst, die Schmyt so einzigartig beherrscht: Weltschmerz und Weitermachen in einem Track zu vereinen. Eine Kunst, die im letzten Song ihre Vollendung erreicht. In »Mach kaputt« singt Schmyt von Niederlagen, zerplatzten Träumen und dem Gefühl, dass nur noch die völlige Zerstörung das Potenzial zur Entfaltung eines neuen Selbst birgt. Ab der Hälfte des Tracks übernimmt der Mannheimer Rapper OG Keemo das Mikro, bringt ihn mit seinem ionisierenden Flow zum Zenit – und schließt dann nicht mit dem erwarteten Knall, sondern entlässt die Hörenden mit einem sanften »Ich lasse los« in die Stille. Message: Ist auch bumms. Leben geht weiter. Universum regelt.

Wer Schmyt kannte, bevor der Hypetrain auf ihn zurollte, konnte ihn bereits im Mai 2022 live im Flex erleben. Im Herbst geht er erneut auf Tour, mit einem Stopp am 2. November in der SiMM City. Die schlechte Nachricht: Das Konzert ist bereits ausverkauft. Die gute Nachricht: Der Suchagent vom Oeticket-Fansale tut manchmal Wunder.

Schmyt: »Universum regelt« (Division)

Link: https://schmyt.de/