Heart of Noise Festival © Daniel Jarosch

Bass! Bums! Brimborium!

Diese Highlights vom Heart of Noise Festival 2022 bleiben in Erinnerung.

Mit dem Heart of Noise (HoN) Festival in Innsbruck verhält es sich wie mit einem guten Freund, der sich viel zu selten blicken lässt: Man freut sich aufs Wiedersehen, lauscht den Neuigkeiten und verliert sich irgendwann im Rausch – Stichwort: Love Action! Nach drei Tagen Draufgang und Dröhnung in der Düsternis ist man trotzdem froh, die Nacht im Sinne des Vitamin-D-Haushalts wieder aufzugeben. Weil das HoN – immer noch Österreichs bestes Festival für Entdeckungen aus dem Underground – in diesem Jahr eine Bandbreite von Harsh-Noise-Grunzen über Techno-Punk bis hin zu Zimmerbrunnen-Ambient und Anspeiber-Subbässen geliefert hat, haben sich viele Momente in den Frontallappen gebrannt. Sechs davon haben wir im inoffiziellen Festivaltagebuch zusammengefasst.

Rettenwandert den Gaga-Noise
Am HoN findet man sie alle: Männer, die auf Laptops starren. Frauen, die vor ihnen hocken. Solche, die ihn zuklappen. Und andere, die ihn gleich ganz vergessen. Lissie Rettenwander, Ur-Innschbruckerin und Wienwählerin, gehört zur seltenen Gattung jener Künstler*innen, die selbst bei Elektronikfestivals auf die Authentizität des Analogen vertrauen. Soll heißen: Sie jodelt und kreischt, als hätte sich Netrebko nach zwei Flaschen Jelzin ins Treibhaus verirrt. Mit Abendgarderobe und Opernball hat »die Rettenwander«, wie der Lokalkolorit sie nennt, trotzdem nichts am Hüttenhut. Im rosaroten Jumper packt sie den Malkasten aus, verstreut Spiegel (?) und Verstärker und holt mit dem Pinsel zum Crashkurs im Jackson-Pollock-Gedächtnis-Painting aus. Nach zwei Schlaftabletten zum Festivalauftakt lächeln bei ihrem Gaga-Auftritt sogar die verbittertsten Noise-Veteran*innen heimlich in der Finsternis. Für mehr Rettenwandern auf Elektronik-Festivals!

Schwitzen mit Stil
Als Treibhaus bezeichnet man ein lichtdurchlässiges Bauwerk zur Pflanzenkultivierung. Alle, die sich schon einmal in den eigenen vier Wänden für Hobbygärtnerei und Eigengebrauch interessiert haben, wissen, dass die meisten Wurzler am liebsten nach Wärme und Feuchtgebieten trachten. Ob dabei die Sonne scheint oder 1000-Watt-Strahler den Stromverbrauch einer Kleinfamilie verursachen, ist den Dingern aber ziemlich wurscht. Deshalb hat man das Treibhaus in Innsbruck vor vielen Jahren als achteckigen Betonkübel ohne Fenster in den Stadtkern gezimmert. Deshalb herrschen an Hundstagen im Inneren Temperaturen wie in einer finnischen Sauna nach dem fünften Aroma-Aufguss. Wenn einem sogar bei sitzfleischzehrenden Ambient-Gigs die Suppe in die Ritze rinnt, friday-for-futuret man sich fürs nächste Jahr eine Klimaanlage als Polarstation.

Lissie Rettenwander © Daniel Jarosch

Von Schreien und Drehmotoren
Wer die ersten zwei Tage Panoramasauna gut überstanden hat, kann sich im Treibhauskeller verdienterweise abkühlen. Und nirgends funktioniert die Entschleunigung besser als zu PLF, wo Freyas Edmondes betörende Sirenenstimme selbst gefeedbackte Lichtinstrumente zum Stillstand bringt. Das Trio, das neben Freya aus Elektroniker Peter Kutin und Schlagzeuger Lukas König besteht, schafft es innerhalb von vierzig Minuten, nicht nur kopfnickende Noise-Fans zum Zappeln zu bringen, sondern gleichzeitig tanzbegeisterte Elektro-Nerds durch ständige Brüche in seltsam anmutenden Achterschleifen zu einem Stop-and-go-Ballett zu verführen. Der Sound verbleibt dabei so spannend wie schräg, bis selbst der Drehmotor der Lichtmaschine irgendwann streikt und sich im Flow des Unzuordenbaren kampflos ergibt.

Mehr Bass, mehr Freude
Dub-Heads wissen: Es kann nie genügend Subwoofer geben. The Bug, Tiefseetaucher und falscher Archäologe für Ausgrabungen in der Beckenbodenregion, hantiert mit Frequenzen, die einen zu archaischen Bewegungen und rituellen Verrenkungen verleiten. Dass sogar gemeine In-der-Ecke-Steher nervös mit dem Knie zucken, während die ganz Oargen den Betonboden küssen, hat einen Grund: Bass! Bums! Brimborium! Zwölf Subs haben die Leute vom HoN in den Keller des Treibhauses geschleppt. Für Kevin Martin, den Kapuzenschlingel hinter The Bug, immer noch zu wenig. Wer deshalb auf Gnade hofft, hat die Rechnung ohne Flowdan gemacht. Der MC aus East-London trägt den Flow schließlich nicht ohne Grund in seinem Namen. Im Sparring mit The Bug zündet er drei Tonnen Dynamit und will »more energy«. Die Nebelmaschine macht Überstunden. Von der Decke tropft Schweiß. Nach einer Stunde stoppen die beiden ihre Probebohrung – unter dem Treibhaus sei man auf eine Ölquelle gestoßen.

The Bug © Daniel Jarosch

Doppelter Abbruch
Nach drei Tagen Noise-Ekstase ist jede*r froh, am Sonntagnachmittag im Musikpavillon ein letztes Makava zu ergattern, um sich dann schweigend bei den szenischen Ambient-Sets von Judith Hamann oder Maya Shenfield auszukatern. Wer hätte zu diesem Zeitpunkt nur erahnen können, dass die cinematographischen Wolkenberge, die sich über die 28 Grad ballernde Sonne schieben, tatsächlich auf einen bevorstehenden Sturm verweisen würden und nicht Teil der Show sind? Spätestens beim Set von Alaska Al Tropical und dem Pollenregen, der selbst Nicht-Allergiker*innen die Tränen aus den Augen drückt, wissen es alle: Vor dem Pavillon wurde ein Baum umgenietet und das Set muss wegen Sturmwarnung abgebrochen werden. Der post-apokalyptische Spaziergang durch Innsbruck wirkt wie inszenierte Kuratierung der Festivalveranstalter*innen und die ungeplante Pause wird genutzt, um doch noch letzte Reserven für den Closing-Abend aufzufüllen.

Machine Girl © Daniel Jarosch

Rave Against The Machine
Und es wird kein Funken Restenergie ungenutzt bleiben, wenn man zu Machine Girl am Sonntagabend ein letztes Mal in den Keller stapft. Erstmal durch die kräftig geschrienen Vocals von Matt Stephenson aufgeweckt, gibt es kein Zurück mehr – schon werden die Glieder von Sean Kellys verrückt schnellem Schlagzeug aufgegriffen und in eine headbangende Mosphit-Action überführt. Das Crossover, das sich das New Yorker Duo aus Techno, Punk und Hardcore leistet, ist dabei so abwechslungsreich und kantig, dass man irgendwann vergisst, auf welchem Festival man ist. Doch vielleicht ist genau das der Kern der Sache. Wenn man Sean Kelly dabei zuschaut, wie er nur mit einer Badehose bekleidet die fünfte Flasche Wasser runterschüttet, während Matt Stephenson kreischend auf der Empore herumklettert, um den Moshpit anzufeuern, wird klar: Auch das ist Noise! Umso schöner, wenn der Abend nach geballter Teenage-Rebellion-Energie mit einem Set von Electric Indigo seinen Ausklang in den Pfingstmontag findet und man seine Trommelfelle wohlverdient in den Wellness-Urlaub schicken kann.

Link: https://www.heartofnoise.at