Selbstporträt mit Sportgeräten © Fritz Ostermayer

Quarantänetalk #3 mit Fritz Ostermayer

In dieser Serie schauen wir, wie’s unseren Künstler*innen geht. Heute: Person der Öffentlichkeit und »Tausendsassa in Sachen Subkultur« Fritz Ostermayer.

Fritz Ostermayer hat viele Professionen: Als Radiomacher gestaltet er mit Donaufestival-Intendant Thomas Edlinger die FM4-Sendungsinstitution »Im Sumpf«. Als Musiker veröffentlicht er grandiose Soloalben und kollaborierte u. a. mit Der Scheitel, The Very Pleasure, Otomo Yoshihide, Christoph Kurzmann, Sir Tralala u. v. m. Seit dem Jahr 2012 ist der 64-Jährige zudem künstlerischer Leiter der Schule für Dichtung in Wien. Vor allem aber ist er wohlbekannt für sein umtriebiges Leben/Schaffen in der Wiener Subkultur und war nicht zuletzt deshalb Coverboy von skug #73 und Gast beim einen oder anderen Salon skug – und jetzt auch in unserer Serie »Quarantänetalk mit …«

skug: Auf einer Regenbogenskala von Rot bis Lila: Was ist gefühlsmäßig dein persönliches Corona-Farbspektrum?
Fritz Ostermayer: Lang war alles im grünen Bereich, langsam wird es »blue«. Nicht nur als Gesellschaftstrinker fehlt mir das Beisammensitzen mit lieben Menschen sehr. Unlängst hatte ich meinen ersten Skype-Rausch, eine eher traurige Experience.

Wie ist deine Quarantäne-Wohnsituation?
Ich wohne mit meiner Frau in einer großen Wohnung, die wir beide nun als Home Office nutzen. Eine sehr privilegierte Situation, in der es schon leicht obszön wäre, sich auch noch ein Balkönchen zu wünschen. So stehʼ ich halt viermal am Tag bei den Mistkübeln im Hof und paffe kontemplativ vor mich hin.

Wie oft gehst du raus? Wie schützt du dich und andere?
Einmal wöchentlicher Großeinkauf muss reichen. Mit Schutzmaske und Desinfektionsmittel. Ansonsten drehʼ ich gelegentlich in der Dämmerung eine Runde um den Häuserblock. Ich suche dabei den größtmöglichen Abstand zu anderen Fußgängern, tragʼ aber bis jetzt im Freien keine Maske.

Wie ist dein Tagesablauf in der Krise? Hast du Rituale?
Innerhalb kürzester Zeit wurde ich zu einem Meister der Prokrastination. Um nicht vollständig zu versumpern, muss ich mir selbst Kleidungsvorschriften auferlegen. Inklusive Straßenschuhe am Schreibtisch. Ein Ritual: Das tägliche Umkreisen eines unlängst gekauften Ergometers und dabei lang überlegen, ob ich jetzt wirklich eine halbe Stunde radeln oder mir nicht doch lieber noch eine Folge von »Ozark« anschauen soll.

(Wie) hältst du dich fit und bei Laune?
Ich habe mich mein Leben lang nicht fit gehalten, also warum jetzt noch damit anfangen? Und wie sich selbst »bei Laune halten« geht, das weiß ich nicht. Eine Portion Eskapismus könnte dabei nicht schaden, nehmʼ ich an.

Wie intensiv verfolgst du öffentliche Debatten?
In Wellen. Ein paar Tage fresse ich so viel Expert*innentexte wie geht, bis mir dann alles zu viel wird und ich mich – wieder nur ein paar Tage lang – auf die Informationen der ZiB2 beschränke. Dann wieder fressen und verzagen …

Welche Handcreme benutzt du?
Seit Kindertagen Nivea. Very Old School.

Welche Musik, Filme, Serien, Bücher empfiehlst du?
Höre so viel Jazz wie noch nie in meinem Leben. Ob aus Altersgründen oder der langen Zeit wegen, das trauʼ ich mich gar nicht fragen. Unbedingte Empfehlung: »Get Up With It« von Miles Davis, »Tijuana Moods« von Charles Mingus, Chris McGregorʼs Brotherhood Of Breath (same) und alles von Albert Ayler! Und John Coltrane und Ornette Coleman und …
Filme: Alles von Roy Andersson! Fast alles von John Waters.
Serien: »The Americans«, »Ozark«, »Fleabag«, »Avenue 5«, »Zerozerozero«.
Bücher: »Naturgeschichte der Gespenster« (Roger Clarke), »Idiocracy: Denken und Handeln im Zeitalter des Idioten« (Zoran Terzić), »Die Infantin trägt den Scheitel links« (Helena Adler), »Wie die Schweine« (Augustina Bazterrica).

Wähle aus und begründe (Mehrfachauswahl möglich):
– A: Dosenwerfen aus Passata-Dosen
– B: Höhle bauen und Hörspiele hören
– C: Bier-Yoga
– D: …
Zum Höhlebauen reicht ein großes Leintuch über den Tisch geworfen und schon kann man unter ihm großartig der Weltflucht huldigen. Z. B. mit dem Hörspiel »The Pejote Dance«, in dem sich Werner Herzog und Patti Smith über Antonin Artaud hermachen. Grenzgenial! C: Ich mag keine Trendsportarten, untrendige allerdings auch nicht.

Was wünscht du dir für nach der Krise?
Dass allen Notleidenden geholfen wird, dass endlich ein bedingungsloses Grundeinkommen kommt, das es den Menschen erlaubt, in Würde zu leben. Zur Not wäre ich aber auch schon mit einer Revolution zufrieden.