Busse des Dänischen Roten Kreuzes am Ende des Zweiten Weltkriegs. © mit freundlicher Genehmigung des Schwedischen Roten Kreuzes, gemeinfrei
Busse des Dänischen Roten Kreuzes am Ende des Zweiten Weltkriegs. © mit freundlicher Genehmigung des Schwedischen Roten Kreuzes, gemeinfrei

Fahrt in die Freiheit

Die »Weißen Busse« retteten gegen Ende des Zweiten Weltkriegs rund 20.000 Menschen vor der Ermordung durch die Nationalsozialisten. Aus Faszination für diese Aktion komponierte Benjamin Koppel ein Werk, das auf Stimmen von Überlebenden aufgebaut ist und ihren Worten Raum gibt.

Die Rettung der Jüd*innen in Dänemark während des Zweiten Weltkriegs stellt eine bemerkenswerte Geschichte humanitärer Anstrengungen und Solidarität in einer der düstersten Zeiten überhaupt dar. Der Geschichtswissenschaftler Bo Lidgaard hebt im beiliegenden Booklet des sich darauf beziehenden Albums »White Buses – Passage to freedom« von Benjamin Koppel die starke Zivilgesellschaft in Dänemark hervor, in der die jüdischen Mitmenschen vor allem als Mitbürger*innen gesehen wurden, nicht als »Juden« – und sich die Frage nach dem »jüdischen Problem« für die Mehrheit der Menschen nicht stellte. Ausnahmen gab es natürlich, nicht unerwähnt bleiben soll die 5. SS-Panzer-Division »Wiking«, die sich gänzlich aus nichtdeutschen Freiwilligen zusammensetzte, der sich auch Dänen, Schweden und Norweger anschlossen. Kollaborateur*innen und Antisemit*innen gab es auch hier, was in der Geschichtserzählung der skandinavischen Länder oftmals unterschlagen wird. Doch die Situation war nichtsdestotrotz eine besondere. Nachdem Dänemark 1940 von den Nazis besetzt wurde, einigte man sich vorerst auf eine Politik, die dem Land Neutralität und eine relative innenpolitische Freiheit gestattete und Jüd*innen vor Diskriminierung bewahrte. Die Nazis benötigten das Land vor allem als zuverlässigen Lieferanten von Nahrungsmitteln. Der Fokus der Nazis auf den Osten Europas war ebenso ausschlaggebend dafür, dass der Norden vorerst von Deportationen verschont blieb. Das sollte sich 1943 ändern.

Die Geschichte der Weißen Busse

Durch Verbindungen zum deutschen Funktionär Georg Ferdinand Duckwitz, der sich vom Nationalsozialismus abgewandt hatte, erfuhren die Dänen von der für die Nacht von 1. auf 2. Oktober 1943 geplanten Operation, in der Jüd*innen festgenommen werden sollten. Teile der dänischen Politik, Widerstandsgruppen und zivile Helfer*innen sowie die Regierung in Schweden setzten sich zum Ziel, diese Menschen vor der Deportation zu bewahren. Neben dem Transportschiff Wartheland, das am 1. Oktober im Hafen von Kopenhagen eintraf, halfen vor allem Fischer mit ihren Booten, die vorerst aus ihren Wohnungen geflohenen und versteckt gehaltenen Menschen außer Landes und nach Schweden zu überführen. Durch das solidarische und entschlossene Handeln waren die meisten Mitglieder der jüdischen Bevölkerung in Sicherheit gebracht worden – insgesamt spricht man heute von 7.742 Menschen, etwa 90 Prozent aller Jüd*innen in Dänemark. Der dänische Diplomat Frants Hvass erhielt die Genehmigung, Pakete an die Inhaftierten im KZ Theresienstadt zu senden und reiste schließlich mit einer Gruppe des Internationalen Roten Kreuzes im Juni 1944 selbst an. Dieser Konvoi rettete weiteren 425 dänischen Jüd*innen, die bereits in den Lagern auf ihren Tod warteten, das Leben.

Heinrich Himmler, Chef der Gestapo, war sich bewusst, dass der Krieg für Deutschland verloren war, und begann, sich um mögliche Verbündete im Zuge eines angestrebten Teilfriedens mit den Briten zu bemühen – gegen Hitlers Willen. Niels Christian Ditleff, Repräsentant der norwegischen Exilregierung in Stockholm, schlug Folke Bernadotte für Verhandlungen vor. Dieser war der deutschen Sprache mächtig, von adeliger Abstammung und Vize-Präsident des Internationalen Roten Kreuzes und schien deswegen wohl passend. In einer ersten Reise im Februar 1945 erreicht er die Zusage für den Transport von politischen Gefangenen nach Neuengamme bei Hamburg – allerdings mit eigenen Fahrzeugen. Am 21. April verhandelten er dann die Freilassung sämtlicher überlebender Frauen (etwa 7.000) aus dem KZ Ravensbrück. Nachdem man in diplomatischen Gesprächen mit Himmler im Juni 1944 neben der Umsiedlung der norwegischen und dänischen KZ-Häftlinge nach Deutschland auch den Einbezug der Jüd*innen unter ihnen erkämpfte, fuhr am 15. April 1945 ein Konvoi durch Deutschland nach Dänemark. Sämtliche erforderlichen Fahrzeuge wurden vom schwedischen Roten Kreuz und der dänischen Regierung gestellt und – nach Aufforderung der Alliierten zum Schutz vor Friendly Fire – weiß lackiert sowie mit einem roten Kreuz versehen. Man verfügte über insgesamt 75 Fahrzeuge, davon 36 Busse, die am Ende etwa 20.000 Menschen das Leben retteten. Im Lichte dieser Geschichte steht »White Buses – Passage to Freedom«.

Die Stimmen der Überlebenden

Benjamin Koppels Ausgangslage ist bereits eine sehr musikalische. Sein Großvater Herman D. Koppel war Komponist klassischer Musik, sein Vater Anders Koppel Komponist und Multiinstrumentalist der 1967 in Kopenhagen gegründeten Progressive-Rock-Band The Savage Rose. Koppel fand entsprechend früh selbst zu seiner eigenen Musik, veröffentlichte mit 18 sein Debütalbum, arbeitete seitdem mit Musikern wie Charlie Mariano, Phill Woods, Kenny Werner, Jack DeJohnette oder Paul Bley zusammen und rief im Laufe der Zeit einige Formationen ins Leben. Seine Werke handeln nicht selten von Geschichten menschlicher Größe und den Schicksalen, die darin eine Rolle spielen. So veröffentlichte er 2010 mit »The Adventures of a Polar Expedition« ein Album, das sich mit den Abenteuern von Fridtjof Nansen, Roald Amundsen und Knud Rasmussen beschäftigt und die Kälte und Weite, das Eis und den Schnee als Ausgangspunkt hat. »Anna’s Dollhouse« porträtiert die Geschichte seiner Tante, die sich über nahezu ein ganzes Jahrhundert zog (1921–2019). Diese floh während des Zweiten Weltkriegs nach Schweden, um sich dem Widerstand anzuschließen, und lebte dann 60 Jahre in einer arrangierten Ehe. Erst in ihren letzten Jahren wandte sie sich wieder ihrer Passion, dem Klavierspiel zu. Das Album basiert auf einem Roman von Benjamin Koppel und handelt von Flucht, unerfüllter Liebe und der Unterdrückung von Frauen.

Grundlage für sein neuestes Album »White Buses – Passage to freedom« waren von Benjamin Koppel selbst durchgeführte Interviews mit Augenzeug*innen und Überlebenden der Lager. Sechzehn Testimonials mit Interviewausschnitten von durchschnittlich 20 Sekunden bilden eine Art Gitter, durch und über das die Kompositionen sich wie Blumen ranken und teilweise die Aussagen mitziehen und einweben. Die Musik ist also nicht Begleitwerk und die Aussagen sind nicht ein Schmuck, sondern beides funktioniert nicht ohne das jeweils andere. Dafür hat Koppel eine Art All-Star-Gruppe zusammengestellt, die aus der Sängerin Thana Alexa, Uri Caine am Piano, Scott Colley am Bass, Henrik Dam Thomsen am Cello, Søren Møller am Klavier und Antonio Sánchez am Schlagzeug besteht. Die Musik ist durchwegs harmonisch und wunderschön, kommt dabei ohne jedes Pathos aus und erzählt eine Art Geschichte mit wenigen Worten, ausgehend von der Lagererfahrung bis hin zur Befreiung durch die Weißen Busse. Betitelt sind die einzelnen Stücke mit Bezug auf die Testimonials, beginnend mit »The Devil Under The Skin«, in der Alexa mit ihrem wunderbaren Gesang brilliert. In »The Woman With Her Violin« findet die Erzählung in der Musik durch die Präsenz eines Streichers ganz direkt ihren Ausdruck.

In »I Was Terrified« soliert Koppel auf dem Saxofon, das den Schrecken, aber auch einen Hauch Sehnsucht zum Ausdruck bringt. »Dreaming About Food« handelt von den täglichen Gesprächen der Insassen, die sich oft um Essen drehten. Hier ist vor allem Uri Caines Spiel ein Genuss, wenn er seine Hände über die Tasten gewissermaßen fließen lässt und der Stimmung etwas impressionistisch Verträumtes verleiht. Langsam beginnt sich die Stimmung zu ändern. Es gehen Gerüchte durch die Lager. Als dann die Busse ankommen, ist das Misstrauen vor den Fremden, die sie mit Fahrzeugen durch Deutschland transportieren sollen, groß. Und dann folgt der Abschied von anderen Lagerinsassen: Gerettet wurden nur dänische Gefangene. So führt »White Buses« in 33 Tracks, wovon die Hälfte Jazzstücke sind, durch eine Geschichte, die zwar groß ist, aber durch die großartige Musik am Ende sehr kurzweilig wird, ohne dem Geschehen die Ernsthaftigkeit zu nehmen – im Gegenteil. Die Grandezza des Klangkosmos verleiht den Überlebenden und ihren Erzählungen Würde und gibt ihrer Erinnerung einen Raum, den sie verdienen.

Link: https://benjaminkoppel.com/ 

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