(c) Magdalena Błaszczuk
(c) Magdalena Błaszczuk

Arte Povera mit Grandezza

Fritz Ostermayer, Tausendsassa in Sachen Subkultur von Musik bis Literatur, spielt beim skug.at Relaunch-Fest am 18. Jänner 2018 im Wiener fluc auf. Ein Anlass, sich per E-Mail zu unterhalten – über seine berauschend-schönen neuen Song-Dichtungen, fantastische Bandprojekte und CD-Kompilationen, frivole Performances, abseitige Themen der schule für dichtung, den Nazi-Ersatzvater, Masse, Macht und Kapitalismus, das Versagen der Linken und Sound-Dystopien.

skug: Vor genau zehn Jahren warst du am Cover von skug #73, 1–3/2008. Einige Male konnten wir dankenswerterweise auch auf dich als Autor zurückgreifen, wenn es möglich war, einen Radiobeitrag zu verschriftlichen, zuletzt in skug #102, 4–6/2015. Wie hat sich dein Bezug zu skug verändert, seit es nur noch ein Online-Medium ist?
Fritz Ostermayer: Als Freund regelmäßiger Intervalle fehlt mir das skug als Periodikum schon sehr. Nun bestimmen Zufall und spontaner Funke mein Online-Leseverhalten. Es geht natürlich auch das Gemeinschaftserlebnis verloren, wenn jeder und jede sich halt irgendwann auf der skug-Seite tummelt. Meine einstige häufige Frage »Hast du dies und das schon im neuen skug gelesen?« hat sich damit leider erledigt.

Unsere Wertschätzung für die aus der Ö3-»Musicbox« hervorgegangene FM4-Sendung »Im Sumpf« ist nach wie vor riesig. Persönlich kann ich ohne eure radiophilen Worte und Klänge zum Sonntag nicht leben. Viele von dir gespielte Songs tragen eine hohe Dosis Melancholie in sich. Woher kommt dein ausgeprägter Hang zum Sentimentalen?
Wenn ich das nur wüsste. Vielleicht ist es auch nur das Yin zu meinem nicht minder ausgeprägten Yang, dem Hang zum ausgelassenen Poltern und deftigen Blödsinn. Was dann womöglich eine milde Form manisch-depressiven Irreseins wäre.

Zu deinen neuen Songs: Ein ausladend schönes Ostermayer-Lied ist »I Was Wrong«, ausgeschmückt mit Gebläse. Geprägt von einer gewissen Romantik, dem Wunsch, dass die Liebe ewig andauert. Ist das nicht ein Widerspruch zum erotischen Freigeist in dir?
Der Vierzeiler geht genau so:

He was my north, my south, my east and west
My working week and my Sunday rest
My noon, my midnight, my talk, my song
I thought that love would last forever. I was wrong.

Diese mich sehr berührenden Zeilen stammen aus dem Gedicht »Funeral Blues« von W. H. Auden, einem Epitaph an einen schwulen Freund. Mich reizte dabei die Sehnsucht nach Dauer im Angesicht des Todes als Auflistung von Himmelsrichtungen, Wocheneinteilung, Tageszeiten und am Ende dann noch Gespräch und Lied. Es geht von prosaischer Auflistung also hin zur Poesie. Auden wollte diese Zeilen vertont sehen und Benjamin Britten tat ihm den Gefallen. Dessen Version klingt natürlich ein wenig kostbarer als meine kleine Arte Povera.

»Rühm meets Artaud« ist als elegisch untermaltes Aufeinandertreffen zweier großer Fürsten der Sprachkunst angelegt. Wie bei manchen Songs/Tracks funktioniert hier das Ineinandermischen auf magische Weise. Der sich entäußernde Artaud und das Flüstergedicht von Gerhard Rühm werden eins. War es für dich als Mensch mit Gespür »kinderleicht«, diesen Track hinzukriegen?
Es war tatsächlich nicht schwer. Es sollte eine Hommage an zwei sehr unterschiedliche Künstler werden, die auf ihre je verschiedene Weise radikale Avantgarde waren. Bei Gerhard Rühm entsprang die literarische Entgrenzung einem konzeptuellen Denkakt, Antonin Artauds schier totalitäre Entgrenzung hingegen schoss aus dessen Gedärmen. Das letzte Wort in diesem Dialog hat zwar Rühm, aber Artaud gehört dafür der Abgesang, Artauds »verrückte« Entäußerung geht tiefer und verschmilzt mit den traurigen Geigen.

Ein Song für die Ewigkeit, ich musste dabei kurz an das Werk La Monte Youngs denken. »Meine drei Akkorde warten auf den Regen« entfaltet scheinbar wie ein langanhaltender Drone einen Sog. Könnte ich mir ob seiner abgehobenen Getragenheit auch als Begräbnismusik vorstellen. Was ist deine Intention dazu?
Hehe, daran habe ich nicht gedacht. Es gibt so großartige Begräbnismusik, da reißen meine drei Akkorde kein Leiberl. Ich wollte nur ausprobieren, ob mit dem ausgeleiertsten Musikmaterial, eben den klassischen drei Akkorden der europäischen Volksmusik, des Blues und Pop noch so etwas wie Anrührung erzeugt werden kann. Bei mir funktioniert das ja solange ich lebe, aber ob viele andere Menschen auch so langmütig und genügsam sind? Als Ausgleich habe ich aber eh immer auch was von Big Black oder dem Fire! Orchestra auf meinem Handy.

Diese drei neuen Songs machen Hoffnung: Wird es in absehbarer Zeit wieder ein Ostermayer-Soloalbum geben oder ist eher mit einer Veröffentlichung mit einem anderen Projekt zu rechnen?
Es wären genug Songs für ein weiteres Very-Pleasure-Album mit Oliver Welter beisammen, aber erstens gehen es Naked Lunch nun wieder mit einem neuen Album an und zweitens bin ich mir gar nicht sicher, ob eine Freizeit- und Liebhaberband, wie wir es sind, überhaupt noch ein Medium der Dokumentation braucht. Neues Material live präsentieren und im Netz verschenken sollte eigentlich genügen.

Für mich waren alle nun aufgezählten Bands, an denen du beteiligt warst, grandios. Gerne aber würde ich diese im Schnelldurchlauf charakterisiert von dir selber haben.
Viele Bunte Autos: Eine Feier der billigen Rhythmusmaschinen und des ersten Volkssynthesizers Korg MS-20. Und natürlich der göttlich hysterische Gesang von Angie Modepunk!

Der Scheitel: Bis heute für mich das beste Projekt, an dem ich je beteiligt war. Ich liebe das alte Zeug noch immer und wundere mich, wie fantastisch zeitlos es produziert ist. Meine Liebe zu den wenigen großen Schlagern ist ungebrochen.

The Very Pleasure: Was für ein Glück, für eine der schönsten Popstimmen (Oliver Welter) Melodien schreiben zu dürfen. Ich krächze sie Oliver auf jämmerlichen Demos vor und er macht dann daraus genau das, was ich im Kopf gehabt habe. Ein unverschämtes Geschenk, dieser Freund.

Neigungsgruppe Sex, Gewalt und gute Laune: Zum einen eine Art Fortführung gewisser schlageresker Scheitel-Ideen ins sehr leicht Elektropoppige von meiner Seite, zum anderen der Versuch, die unpeinlichen Seiten von Austropop, wovon es ja eh nicht einmal eine Handvoll gibt, ins Indiepoppige rüberzuziehen von den anderen Herren. Dafür, dass wir als Jux-Combo begannen, haben wir schon ein paar sehr schöne Lieder zustande gebracht.

(c) Magdalena Błaszczuk

»Dream Baby Dream«, das Suicide-Remake von Der Scheitel lief am Schluss Deiner Xmas-»Im Sumpf«-Sendung 2017. So schön! Ebenso Anja Plaschgs »Stille Nacht, heilige Nacht«. Schade, dass es für solche Preziosen keine »Im Sumpf«-CD mehr gibt – es erschienen nur zwei davon, dann kam nichts mehr. Warum?
Weil damals das Medium CD als Zusammenschau obskurer bis obskurster Pop-Außenposten noch Sinn machte. Als all die liebenswerten Spinner-Blogs im Netz sich dann um genau diese idiosynkratischen Bands und Projekte zu kümmern begannen, war unsere kleine Mission erfüllt bzw. ging sie in einem viel größeren Sammlerwahn auf und unter.

Ebenso warst du Kompilator für Trikont: Die Trauermarsch- und Totenlieder-Sammlungen sowie der Mariachi-Sampler sind in bester Erinnerung. Welchen Trauermarsch würdest Du für Philipp LʼHeritier, der wie Susi Ondrušová oder Kathi Seidler bei skug zu schreiben anfing, wählen, um ihn zu ehren?
Philipp sollte nicht mit einem Trauermarsch geehrt werden, die meisten haben zu wenig bpm. Auf »Funeral«, dem ersten Arcade-Fire-Album aber, fände ich genug Songs, die diesem wunderbaren Kollegen ins Grab nachgespielt werden könnten. Am besten aber wäre wohl »All My Friends« vom LCD Soundsystem mit John Cale als Gastsänger.

Du hättest sicher weiterhin Ideen für Kompilationen. Scheitert es an deiner Zeit oder der gesunkenen Möglichkeit, überhaupt einen Tonträger zu finanzieren?
Beides: Einerseits fehlt mir als schlechter Multitasker und zunehmend schlimmerer Prokrastinierer tatsächlich die Zeit für noch zusätzliche Liebhabereien. Andererseits leidet auch das hochverdienstvolle Label Trikont, das mich meine musikalischen Obsessionen ausleben ließ, am Niedergang der Tonträgerindustrie und der gesamten Popmusik als noch irgendwie relevante Massenkultur.

Fein wäre ein Narco-Corridos-Sampler, das macht man wohl nicht, weil mit der mexikanischen Drogenmafia will man ja wohl nicht zusammenarbeiten, aus ethischen Gründen …
Meinem ewigen Sehnsuchtsort Mexiko habe ich schon vor vielen Jahren alle Romantik entzogen. Dass auch böse Menschen gute Lieder haben, wissen wir eh, aber Minnesänger im Dienste der Drogenbarone muss ich nicht mehr sammeln. Da wäre auch jeder Radikal Chic nur noch deppert.

Als Direktor der schule für dichtung (sfd) hast du seit einiger Zeit eine feste Anstellung. Damit hat sich dein unstetes Leben stabilisieren können, weil du nicht mehr auf DJ-Brosamen angewiesen bist. Rück- und Ausblick: Ständig Freelancer sein müssen, fühlt man sich da oft ausgebrannt? Und auch mit geringem Budget lässt sich doch einiges machen. Was waren bislang deine Lieblingsprojekte des sfd bzw. hast du für 2018 und weiter vorausgeplant?
Ich bin ja mein ganzes Leben ohne irgendeine Anstellung durchgekommen: was für ein Privileg. Vom »Sumpf«-Honorar allein aber lassen sich keine hungrigen Mäuler stopfen. Nicht nur, aber auch deshalb tingelte ich viele Jahre durch die Venues und Kulturhäuser des Landes, um auf ein halbwegs anständiges Gerstl für einen Familienvater zu kommen. Dank der schule für dichtung muss ich jetzt als Mann in den »besten Jahren« zum Glück nicht mehr bis 4 Uhr früh auflegen. Meine Leber kann ich mir eh auch woanders ruinieren. Zur sfd: die öffentlich wahrgenommenen Highlights sind sicher unsere alljährlichen Festivals im Literaturhaus. Nach den psychophysiologischen Themenschwerpunkten »Lachen« und »Weinen« in den Künsten soll im Herbst 2018 ein weiterer Affekt die Hauptrolle spielen: der Ekel. Wem do ned schlecht wird, des kann ka Guada sein …

Ein Highlight der sfd war zuletzt »Cross the Order«. Welches Interesse deinerseits führte im Speziellen zu diesem außergewöhnlichen Minifestival? Sozialgeograf Alistair Bonnet war zu Gast. Kamen auch für dich noch unentdeckte Flecken Erde zum Vorschein?
Den Impuls dazu verdanke ich meiner Frau Verena. Die sammelt seit Jahren herrliche Atlanten über imaginäre Kontinente, Länder und Inseln. Aber auch Reisebücher zu den entlegensten Orten der Welt usw. Das alles im Hinterkopf, kam mir die Idee einer Verknüpfung dieser fantastischen Geographien mit den realen Schrecken von lebensbedrohlichen Räumen, unwirtlichen Stätten und natürlich den zahlreichen Kriegsgebieten. Da kippt die schönste »imaginäre Geographie« schnell in die grausame Realität von Kriegen um gewinnträchtige Ressourcen, Fluchtrouten und Flüchtlingslagern. Dieser Dialektik wurde in Wort und Musik nachgegangen. Ein Tipp für Entdecker unbekannter Orte: googelt »Neutral Moresnet« und euch werden die Augen übergehen!

(c) Magdalena Błaszczuk

Würdest du dich wie vor zehn Jahren noch Generaldilettant nennen, auch wenn du nun der sfd vorstehst?
Nein, das hat sich erledigt. Irgendwann beherrscht du das, was du jahrelang machst, zumindest halbwegs. Aber das »Dilettantische« bezog sich bei mir stets mehr auf die ursprüngliche Bedeutung des Wortes als »Liebender«. So gesehen möchte ich doch ein Dilettant bleiben, General braucht’s keinen mehr.

Eine der spektakulärsten Ostermayer-Performances: Als du beim Donaufestival deinen Schwanz paniertest. Erzähle bitte mehr über den Hintergrund und wäre das legitim noch zu toppen?
Das Schwanzpanieren war Teil meiner Performance »Gott ist ein Tod aus der Steckdose«, bei der es um den Zusammenhang von autoerotischen Unglücksfällen und der Pataphysik geht. Kurz: um Verkomplizierungsstrategien. Im Fall von jährlich zu Tausenden tödlich verunglückenden Masturbanten um die pataphysische Idee, dass man den simplen Handakt des Wichsens mithilfe von aufwendigen Maschinen, Strom und Strangulierungsmechanismen extrem verkompliziert. Wenn dann in diese Apparaturen keine Sicherheitsvorkehrungen eingebaut sind, hängt da plötzlich ein Toter im Gestänge. Mein Panieren des Schwanzes ist das pataphysische Paradox eines exhibitionistischen Aktes, bei dem das Geschlecht rausgeholt wird, nur um es sogleich wieder zu verhüllen, indem ich es unter einer Panier aus Mehl, Eiern und Bröseln verschwinden lasse. Was Christo jahrzehntelang mit Gebäuden, Brücken und sonstigen Riesendingern tat – verhüllen nämlich – das mach ich im Kleinen, indem ich etwas panierend verhülle. Bei einer »Sumpf«-Aktion im WUK haben wir massenweise Schallplatten paniert und rausgebacken und diese kreisrunden Schnitzel dann mit Ketchup serviert. Allein habe ich die Bibel paniert, eine schlechte Übersetzung von »Ulysses« und einmal eine ganze Gitarre. Toppen könnt ich das nur, wenn ich am Ende meinen panierten Schwanz noch ins heiße Öl reinhängen würde. Aber das hätten sich nicht einmal ein Rudolf Schwarzkogler oder Chris Burden am Höhepunkt ihrer Aktionskunst angetan. Sich für die Kunst aufzuopfern, ist sowieso eine vollkommen hirnrissige Idee.

Gibt es für dich als langjährigen Radiomacher, Autor, Musiker, CD-Kompilierer und seit einigen Jahren gar Leiter der schule für dichtung noch etwas, was du beruflich gerne machen würdest?
Wirt! Aber das würde ich als mein bester Gast nicht lange überleben.

Kürzlich hast Du auch Ahnenforschung betrieben. Dein »Clan« kommt aus Augsburg. Gibt es Querverbindungen zu anderen Ostermayers?
Nicht zum Autor und nicht zum Theatermacher gleichen Namens, sehr wohl aber zu Josef Ostermayer, unserem Ex-Kunstminister. Er ist ein weitschichtiger Verwandter und ein mir lieber Freund.

Hat Besinnung auf Ahnen mit der allmählicheren Bewusstwerdung der Lebensendlichkeit zu tun? Wie geht es dir mit deiner körperlichen Gesundheit, die geistige sprüht ja nach wie vor wie aus einem Jungbrunnen.
Ach, meine Ahnen wurden mir ungefragt von einem leidenschaftlichen Ahnenforscher meines Heimatdorfes aufs Aug gedruckt. Die unguten Gedanken an die eigene Endlichkeit stellen sich auch ohne tote Vorfahren immer häufiger ein. Meine verdammte MS in der Wirbelsäule, die mein linkes Bein immer mehr erlahmen lässt, deprimiert mich und verleidet mir Konzertbesuche, weil ich keine Stunde mehr vor einer Bühne stehen kann. Und Sitzkonzerte waren halt nie so meines.

Noël Akchoté hat im umfassenden Gespräch mit dir in skug Vol. 73 vielleicht alle Facetten deiner Persönlichkeit ausgeleuchtet. Besonders berührt – weil es mit der politsozialen Großwetterlage und der immer wiederkehrenden Transformation der menschenverachtenden, ausbeuterischen Produktionsweisen des Kapitalismus zu tun hat – hat mich folgender Abschnitt daraus: »Der letzte Nazi, den ich persönlich kannte, war ein ehemaliger HJ-Pimpf, der bis zu seinem Tod vom Dritten Reich schwärmte. Gleichzeitig war der Mann der Vater meines besten Volksschulfreundes und mein Ersatzvater. Einen im alltäglichen Leben gütigeren und auch ›menschlicheren‹ Herren habe ich kaum kennengelernt. Scheiße, nicht?«
Der Mann ist leider schon tot. Bei seinem Begräbnis habe ich mehr geweint als bei dem meines Vaters. Was allerdings auch leicht war, denn meinem Vater weinte ich keine Träne nach.

Vermutest du auch, dass das damit zu tun hat, dass es die reichen Eliten auch schon damals schafften, via Medien die meisten Menschen zu steuern und aufgrund gewisser Urinstinkte (Schüren von Neid funktioniert immer, nicht gesellschaftskonforme Menschen sind Feinde – Untermenschen verschiedener Kategorien wie Jude, Slawe, heutzutage weltweit Asylanten und Migranten bis zum Menschenrechte verteidigenden Intellektuellen) den Bürgern einimpften, dass die Ursache für die wirtschaftliche Misere nicht die Politik ist, sondern der Schwächere, der mir etwas wegnimmt?
Der Einzelne kann Fragen stellen und Manipulation erkennen, »die Masse« stellt keine Fragen und ist stets leicht manipulierbar. Man muss kein brillanter Demagoge mehr sein, um den gewünschten »Volkswillen« zu erzeugen, es genügt der »Wille zur Macht« und der Segen niederträchtiger Medien. Meine Empathie für den »kleinen Mann von der Straße« hält sich trotzdem in Grenzen, denn blöd sterben müsste heute niemand mehr. Wer es dennoch tut, stirbt gern blöd und hasserfüllt.

Kein Mensch wird böse geboren. Erst Faktoren wie Elternhaus, soziale Umgebung, fatale Umstände und soziales Ungleichgewicht führen dazu, dass es Kriminalität gibt bzw. – die Geschichte wiederholt sich – die Sündenböcke nicht oben, sondern unten gesucht werden. Kannst du dir erklären, warum aus deinem Ersatzvater kein Kommunist, sondern ein Nazi geworden ist?
Das beste Elternhaus und die liebevollsten sozialen Umstände können gewisse Verbrechen nicht verhindern: Töten im Affekt etwa. Und solange Liebe mit Besitz und Herrschaft verwechselt wird, stirbt auch der Mord aus Eifersucht nicht aus. Dass der warmherzige Vater meines Freundes, also mein Ersatzvater, kein Kommunist geworden ist, liegt schlicht daran, dass er zur falschen Zeit am falschen Ort geboren wurde. Im Wien der 1930er-Jahre wäre er wahrscheinlich Mitglied der Roten Falken gewesen. Den jugendlichen Wunsch nach Zugehörigkeit und Gemeinschaft erfüllten ihm im Dorf nur die Nazis. Als Geschäftsmann war er später eine Niete, weil er großzügig ständig Runden schmiss und auch die Habenichtse des Dorfes umsonst verköstigte, was seiner Frau gar nicht passte. Dieser Mann teilte wie ein Urchrist, dachte wie ein Kommunarde und feierte jeden 20. April Hitlers Geburtstag. Sehr traurig, aber wahr.

Heute leben wir in einem der reichsten Staaten der Erde und trotzdem schafft es die Linke nicht, darzulegen, dass Ungleichheit kein Naturgesetz ist, sondern ein politisches Problem. Globaler Kapitalismus und Neoliberalismus, der noch dazu die Versagensschuld dem Einzelnen zuschiebt, sind wie Religionen, nur viel gefährlicher. Doch wie bekämpfen?
Die gemäßigte »Linke« in Form der sozialdemokratischen Parteien ist schon vor Jahrzehnten zum Feind übergelaufen und längst Teil des Problems. Vorgeblich linke Theorie ist in kulturalistischen und identitäten Glaubenskriegen gefangen. Anstatt endlich wieder den Klassenkampf ins Zentrum der Debatte zu stellen, belegen akademische Moralwächter der Political Correctness jeden und jede mit einem Bannfluch, der oder die es heute noch wagt, mit Dreadlocks herumzurennen oder in indianischen Schwitzhütten abzuhängen. Es kann doch nicht sein, dass Triggerwarnungen, Save Spaces und Cultural Appropriation als letztes Auf- und Angebot einer fortschrittlichen Politik betrachtet werden. Auch wenn es dieser abgehobenen Diskurselite davor graust: Ich bin für einen linken Populismus als politische Mobilisierungslogik, wie der Philosoph Oliver Marchart ihn als mögliche Strategie denkt. Der »liberale Antipopulismus« ist ja auch nur eine Taktik, um alle legitimen Fragen nach Klasseninteressen, Solidarisierung, Verteilungsgerechtigkeit etc. zu diskreditieren.

(c) Magdalena Błaszczuk

Markus Binders Kommentar in »Der Standard« vom 5. Jänner 2018 gegen die türkis-blaue Regierung fand ich großartig, mir fehlt darin aber eine Marx’sche Zusatzanalyse. Kurz’n’Strache sind die Handlanger von Großkonzernen und reichen Eliten, die die Medienhoheit haben. Ein profitgieriger Kapitalismus braucht solche Leute, die Leistung propagieren. Wachsen bis zum Untergang ist systemimmanent. Global und in Österreich. Und Zerstörung durch Krieg (zum Glück halt woanders) die einzige Option, dass das marktgläubige Vehikel weiterläuft. Eigentlich sollte die Klassenfrage gestellt werden und nicht Blendung allgegenwärtig sein, oder?
Eh. 🙂

Mit diesen Fragen wollte ich ausdrücken, wie enorm wichtig es ist, Haltung zu zeigen. Besonders bereichernd fand ich deswegen, dass 2017 eine nicht westzentrierte, neokolonialkritische Weltsicht auch anhand der Werke von Pankaj Mishra, Youssef Rakha oder Achille Mbembe im »Sumpf« abgehandelt wurde, und die Auseinandersetzung mit aktuellen Büchern von Didier Eribon bis Robert Pfaller Argumentationshilfen lieferten.
Dieses Lob gebe ich sehr gern meinem weit beleseneren Freund und Kollegen Thomas Edlinger weiter. Er ist das Sumpfhirn, ich bin das Ei.

Doch kehren wir abschließend zurück zur Musik, die uns Lebenselixier ist. Aktuelle Soundentwürfe widerspiegeln die immer mehr zu Dystopien ausartende Gegenwart. Was sind deine Lieblingsmusiken diesbezüglich?
Nadah El Shazly, Yves Tumor, The Caretaker, Fever Ray, Protomartyr, noch immer E.M.A. und ja ja ja: die fantastische, zurzeit in Wien wohnhafte junge Musikerin Farce. Deren erste EP hat den wunderschönen Titel »Ich sehe im vorbeifahrenden Auto den Unfall mitvorbeifahren, in Zeitlupe und rückwärts« und haut mich einfach um. Ganz groß! Unbedingt lauschen!

Links:
https://sfd.at/
http://fm4.orf.at/radio/stories/fm4imsumpf/

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