Once Upon A Time in The American East

Der Osten; unendliche Weiten. Den Sprung über den großen Teich in Richtung Amerika getan, das ja trotz aller Verstecktheiten und Konkurrenz-Affären durch die Europäer nach wie vor gute bis sehr gute Musik produzieren kann.

Die Ostküsten-Impro-Szenerie ist nicht gerade arm an Exponenten dieser klanglichen Ergüsse. Allerdings ist zu uns Mitteleuropäern bisher eher der französische (via Metamkine), der Ruf aus Quebec (empreintesDigitales/iMédia) oder Japan (Digital Narics) erfolgt. Die Amis haben sich mit Elektroakustik ein wenig bedeckt gehalten. Gut, deren Improvisationen reichen von der Knitting Factory bis zu den Releases des aus Massachusetts stammenden Traditionslabels RRRec. New England scheint ein kreatives Pflaster zu sein, und hier besonders Massachusetts: die beiden Labels Intransitive Rec. (www.intransitiverecordins.com) und ::Create.transmit.records:: (www.create-transmit.com) sind so etwas wie »brothers in mind«, nicht wirklich Konkurrenten, sondern Leute, die sich selbst die Möglichkeit offen lassen, ihren persönlichen Geschmäckern freien Lauf zu lassen. Intransitive wurde 1997 von Howard Stelzer gegründet. Die Packages sind von Richard Chartier designt. Beide Homepages sind im obligatorischen Minimal-Stil gehalten: Transmit gefällt mit einer satten blauen Einfärbung, während Intransitive auf funktionales Design setzt.
Intransitive ist mittlerweile bei Katalognummer 016 angelangt. Für den Einstieg in das Experimental/Post-Industrial/Ambient/Elektroakustik-Universum dieses Labels ist der 2-CD-Sampler »VARIIUOS« ziemlich geeignet. Namedropping bürgt für Qualität: John Waterman, Michael Prime, Kevin Drumm, Jerome Noetinger, Voice Crack und viele andere plus Text von Achim Wollscheid. Was will man mehr. Clicks’n???Cuts außerhalb des breitgetretenen Techno-Kontextes. Ohne der Release »Figure 2« von JOHN HUDAK und JASON LESCALLEET und der Full-Time-Debüt-Scheibe von LIONEL MARCHETTI mit »Knud Un Nom De Serpent (le cercle des entrailles)« ist???s aber auch nur die halbe Miete. Die fünf warm fließenden, vereinnahmenden Klangmanipulationen des Duos Hudak/Lescalleet resultieren als No-Overdubs von einer Performance aus der historischen Lindsay Chapel in Cambridge, MA. Stille ist hier genauso Stimmungsträger wie Weißes Rauschen. Eine Gratwanderung zwischen abstrakten Gebilden und konkreten Schichtungen. Eine Ambient-Platte im besten Sinn. Bei Marchetti (Kollaborateur mit Jerome Noetinger und Ralf Wehowsky) wird es schon vertackter. Ausgangsidee war der afrikanische und asiatische Schamanismus. Dafür sind Feldforschungs-Samples genauso dienlich wie verstaucht gehaltene Rhythmus-Passagen, die sich ihre Grooves im Traditonalismus abgeschaut haben. Die für Marchetti typischen Cuts und Fades aus Radiophonem, Elektroakustik und extremen Schwankungen in der klanglichen Textur sind selbstredend, nichts desto weniger gut getimt. Ein konzeptionelles Masterpiece: selten wurde mit den Koordinaten von Klang und Stille so virtuos gespielt, dass die Grenzen so ineinander verlaufen.
Das Create-Transmit-Label gibt sich ein wenig bedeckt: Ein Blick auf die Homepage verrät nichts über die Daten, die man so braucht, um ein neues Label vorzustellen. Alles ein wenig kryptisch. Auf jeden Fall ist dem aus Sommerville, MA stammenden Label mit den Katalognummern 001 und 002 mit JOHN HENRYs »A Gentleman???s Anaesthetic« und »Not Out« von BRENDAN MURRAY ein Treffer ins Bull???s Eye gelungen. Eigentlich sollte die Verpackung ja nicht über den Inhalt hinwegtäuschen; Hier allerdings sind die Packages äußerst liebevoll und straight gearbeitet. John H. Zipps aka John Henry spielt in seinen acht Stücken die präparierte Gitarre gegen Keyboards und einige f/x aus: Das Resultat sind weiche und äußerst »warme« Drones, die sich mit dem Naheverhältnis Emotionalisierung und Frequenz beschäftigen. Henry findet seine eigene Nische der freischwebenden Gitarren-Klangkörper, die nicht so sehr auf Langatmiges aus ist, sondern konkret auf den Punkt kommt. Auch hier ist das Timing essentiell. Ähnliches gilt für Murray. Ständig zwischen Abstrakt und Konkret, zwischen gerade-nicht-Neo-Klassik und im Detail herausgearbeiteter Kakophonie driftend, kümmert sich Murray nicht lange um Tradiertes, sondern bricht zu einer Soundreise jenseits der kopfübergebeugten Schubladen auf. Da macht Harmonik wieder Spaß.
Diese beiden Labels sollte man sich schon mal bookmarken.