Various Artists

»New German Ethnic Music ..«

Karaoke Kalk

In der letzten Ausgabe dieses Journals schrieb Pico Be über den Sampler »Songs Of Gastarbeiter, Vol. 1«, und das angemessen wütend – wütend über die richtigen Leute, zu denen wahrscheinlich du, Leserin, und ich auch gehören. Ich verweise nur noch einmal darauf, weil dort schon alles gesagt war, was auch zu dem parallel stattfindenen Projekt »Heimatlieder Aus Deutschland« zu sagen ist, wenn auch dessen Fokus woanders liegt. Es geht Initiator Mark Terkessidis nicht so sehr um Lieder, die deutsche Realitäten aus migrantischem Blickwinkel kommentieren, sondern um Lieder, die Heimatlieder sind aus einer Heimat, die denen, die sie singen, schon nur noch imaginäre ist, nicht nur räumlich, oft genug auch zeitlich. Es ist ein Meta-Migrationsprojekt, das (post-)migrantische Chöre und Folkloregruppen aus Berlin versammelt, die regionale Musikdialekte fortführen, aufleben lassen, rekonstruieren; die vielleicht dort, wo sie beheimatet sind, längst schweigen und in dieser anderen Heimat, so zweideutig ist dieses Wort im Titel des Projekts, ein »doing Heimat« möglich machen. Das größte Vielleicht aber ist die nächste Drehung an der Schraube, die unter dem Titel »New German Ethnic Music – Immigrant’s Songs From Germany Electronically Reworked« bei Karaoke Kalk erschienen ist. 13 dieser Third-Order-Heimatlieder werden hier von in Deutschland lebenden Elektronik-Künstlerinnen re-interpretiert, umgeschraubt, neu zusammengesetzt, bis so etwas wie ein Ursprung als die verrückte Idee erscheint, die sie, zumal in der nicht-notierten Folklore-Musik (und eben auch der elektronischen) nun ohnehin ist. Ganz »iterabilité« und »differance«, um es theoretisch zu machen, ist hier jedes Zeichen schon immer woanders, und der Sinn rennt etwas verloren umher, bis er dann auch tanzt zum »Arab Disco Dub«, den Thomas Mahmoud aus einem Stück der Caravane du Maghreb herausdestilliert hat, zum Trademark-Groove, den Mark Ernestus der deutsch-mosambikischen MahuGang mitgibt, zum kubanischen Son aus Eric D. Clarks Whirlpool. Oder er rastet zum herausragend schönen »Blood And Bone Remix« des portugiesischen Feldarbeitsliedes »Milho Verde«, eingespielt vom Trio Fado und produziert von Guido Möbius. Die Mehrheit der Stücke, exemplarisch etwa Niobes Stück »Ba Quan Moi Trau« auf Basis des vietnamesischen Quan-ho-Gesangs, ist aber sehr experimentell. Dem Konzept angemessen, bedeutet das doch, die im »westlichen« Kontext ungewohnten Klänge nicht den eigenen Tanz- und Hörgewohnheiten einzuverleiben, sondern aus ihnen heraus die Möglichkeit neuer Klangsprachen zu entwickeln, wobei das Ziel dabei keine »New German Ethnic Music« sein sollte, sondern vielmehr eine post-deutsche, post-ethnische.