Das Weiße Pferd

»Münchner Freiheit«

Echokammer

Nach »San Fernando« und dem »Inland Empire« macht Das Weiße Pferd nun also in der Heimatstadt halt, an der »Münchner Freiheit«. Womit natürlich nicht nur der langweilige reale Ort im Herzen von Schwabing gemeint ist, sondern auch ein Sehnsuchtsort, ein Nicht-Ort und Noch-Nicht-Ort: Ein München, eine Welt, gebaut aus den Farben und Tönen des Country-Calypso-Kraut-Rock-Pop von Das Weiße Pferd. Eine schöne, aufregende Welt, schließlich versammelt die achtköpfige Band auch auf ihrem dritten Album selten seltsame Songs, die einem nur so den Kopf verdrehen und die Beine verknoten. Und wieder entknoten, denn auf jeden Bruch folgt ein äußerst tanzbarer Rhythmus. Mag sein, dass es etwas dauert, bis man die Schönheit dieser Musik zwischen dem zunächst spröde wirkenden Klanggebälk durchfunkeln sieht. Darin aber liegt ja genau das Verführerische dieses Albums. Heutzutage will man ja alles möglichst zeitsparend und gerafft vorgesetzt bekommen: Nachrichten in drei Zeilen, Konflikte in schwarz-weiß und Musik in bequem: Songs, die nach fünf Sekunden kicken, Alben, die sich sofort einordnen lassen, Diskografien, die auf die fünf meist-gespielten Spotify-Titel reduziert sind. Dabei liegt ja gerade im Zeitverbringen der eigentliche Spaß und Wissensgewinn. Musikalisch ist damit also alles in bester, alter Unordnung auf »Münchner Freiheit«. Anders bei den Texten: Sänger Pico Be tauscht – etwa wegen der stur bescheiden bleibenden Verhältnisse um ihn herum? – seine bisher mehrdeutige Lyrik hier und da durch eindeutige Polemiken gegen Rassismus, Ausbeutung und Machismus aus. Das gelingt mal besser (»Spielverderber«) und mal schlechter (»Straßenkämpfer«), am besten aber, wenn sich die politischen Anklagen mit assoziativen Gedanken vermischen. Wenn es zum Beispiel in »Akkordarbeit« erst ums Malochen und dann ums Musikmachen geht. Aber auch die bekannten Stream-of-Consciousness-artigen Erzählungen gibt es noch. Und Zitate, Zitate ohne Ende: Denn hier reimt sich nicht nur »Abtauen Girl« auf »Uptown Girl« von Billy Joel, hier ist auch der »Straßenkämpfer« ein kubistisches Portrait vom »Street Fighting Man« der Stones und »Akkordarbeit« eine verschwommene Erinnerung an »Jenseist von Eden« von Ton Steine Scherben. So geht es munter weiter mit Büchern, Filmen und Philosophen (Foucault in »Straßenkämpfer«, anybody?). Ein Album wie eine Welt eben. Eine schöne, aufregende Welt.