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Klangpartikelverschiebungen: Zeitkratzer restrukturieren Xenakis und Reeds »Metal Machine Music«

Das Berliner Ensemble unter der Leitung von Reinhold Friedl ist bekannt – oder, besser, berüchtigt – dafür, »Klassiker« avancierter Klangkunst in einen kammermusikalischen Zustand zu überführen. Diese Kammer steht indes eben nicht unter Starkstrom, sondern die mikroskopischen Soundstrukturen werden minutiös für das elfköpfige Ensemble ausnotiert. Was sich besonders bei Lou Reeds epochaler Lärmorgie von 1975 zu einem schier endlos mäandernden Sog aus Klangpartikeln und Rhythmusverschiebungen auswächst. Dabei stellen sich gleich mal so offensichtliche wie schwierige Fragen nach dem, wie sich interferierende Gitarrenfeedbackloops für Orchesterinstrumente umsetzen lassen. Rhythmisiertes Feedback, von Reed zum Paradigma verdichtet, musste im Fall von Zeitkratzer nicht mehr speziell elaboriert werden. Denn ähnlich wie bei den Zusammenarbeiten mit Terre Thaemlitz, John Duncan oder Merzbow generieren Zeitkratzer ein Miasma aus freifließenden, sich überschneidenden und Raum und Körper verschluckenden Klangextraktionen, die »Metal Machine Music« zum ersten Mal auch live umsetzbar machen.Während damals allerdings die Doppel-LP ein Destillat aus »Sister Ray«-Soundwällen und einem veritablen Angriff auf Hör- und Vermarktungsgewohnheiten darstellte, öffnet sich »Metal Machine Music« durch die Zeitkratzer-Bearbeitung zur organischen Musikalität.

Zeitkratzer haben sich darüber hinaus darauf spezialisiert, Neue Klassik à la John Cage oder aktuell mit »Xenakis [a]live« unters erweiterte Zuhörervolk zu bringen. Diese CD bietet keine Transkription, sondern bedient sich der sonischen Hörerfahrung des griechischen Elektroakustik-Pioniers. Beide Veröffentlichungen kommen als aufwendig gestaltete CD plus DVD daher. Während bei »Metal Machine Music« das Berliner Live-Konzert von 2002 – mit Reed an der Gitarre (!) – zu sehen ist, stammt die Visualisierung zu Xenakis von Lillevan (Rechenzentrum). In doch recht streng gehaltener Geometrie wird hier mit Primärfarbenkontrasten Xenakis mathematischem Kompositionsansatz entsprochen. Avantgarde, höchst diskursiv und schwerst unprätentiös.

Original in skug #72, 3/2007

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