HGich.T

»Megabobo«

Tapete Records

Sagen wir’s mal so: HGich.T gehört zu den Truppen im Popbetrieb, bei denen man schon in der passenden Stimmung sein muss, um sie genießen zu können. Das durchgeknallte Hamburger Kollektiv konnte nicht zuletzt damit Aufsehen erregen, dass sie mit einer gewissen Penetranz auftreten und sich ihr Werk einer einfachen Interpretation entzieht. Ihr Techno-Geböller mit infantilen Zwei-Wort-Satz-Texten garniert weist unausweichlich in Richtung Amphetamine und andere Lockermacher, Absturz- und Regressionssubstanzen. Komplizierter wird es, wenn man weiß, dass die Damen und Herren im zivilen Leben teils angesehenen Berufen im kreativen und akademischen Feld nachgehen. Nach »Lecko Grande« von 2002 hat sich bei »Megabobo« (am Cover H.P. Lovecrafts Cthulhu) die Gangart doch etwas verändert. Ûber weite Strecken sind die Beats weniger brutal und Songstrukturen treten deutlicher zutage. Gesungen wird in der beatlastigeren ersten CD-Hälfte über Kuriosa wie die »Diddelmaus Ballerina«, »Die Brennende Kinderjacke« oder den »Dr. XTC«. Irritierende Komik entfaltet »Die Brennende Kinderjacke«, ein Suizidsong, in dem zwischen dem Rezitativ eine Stimme »Hilfe! Ich bin hochbegabt! Ich kann nicht so weiterleben, ich kann nicht mehr! « schreit. Große Komik in der Tragik. In »Dr. XTC« wird die Zweischneidigkeit des Drogenkonsums thematisiert: »Wir nehmen heimlich verbotene Substanzen, und tanzen den Schmerz fort«, singt eine ätherische Frauenstimme, am Ende hat Dr. XTC das Mädchen »in der Tasche«. Ûberhaupt wird ab diesem Song der Didi Hallervorden auf Pilzen in HGich.T etwas ruhiggestellt. »Schneefenster« ist eine Space-Technoballade, welche die Traurigkeit hinter der Koka-Fassade eindringlich abhandelt (»Lawine der Tränen«). Etwaiger Sinn ist den Texten von Sänger und Mode-Designer Vhagvan Swami (Ex-Anna Maria Kaiser) und anderen trotzdem oft nicht abzutrotzen. In »Domian Hirst« etwa sollte es eine Verbindung zwischen dem deutschen TV-»Seelsorger« Domian und dem Giganten der Selbstvermarktung Damien Hirst geben, die sich einem partout nicht erschließen will (»Domian, mal mir ein Bild«?). Zu den erkennbar tiefgründigeren Stücken zählt »Gedankenharfe«, das um das Thema der eigenen Bedeutungslosigkeit angesichts des Universums mäandert. Insgesamt ist »Megabobo« immer noch schwieriger Stoff zwischen Rausch, Logorrhoe, Halluzination und Kater, der für jede Situation das mehr oder minder passende Mittelchen (nicht) parat hat. Es verstört immer noch, bei weitem aber nicht mehr in dem Maß wie »Mein Hobby: Arschloch« von 2010. Gewöhnung ist eingetreten. Am nähesten kommt man dem Phänomen HGich.T, bei dem seit »Lecko Grande« auch Ex-Oberstaatsanwalt Dietrich Kuhlbrodt als Opa 16 an Bord ist, aber bei ihren Liveshows. Dort verfängt sich das Agitationskollektiv in seinen geknüpften Netzen und doppelten Böden. So etwas haben Sie noch nicht gesehen und gehört. Garantiert.