Mark E. Smith (c) Magdalena Błaszczuk

Mark E. Smith †

Ein Zuviel an legalen Stimulantia hat Manchesters Obermisanthroph Mark E. Smith (1957–2018) im 61. Lebensjahr aus dem RockʼnʼRoll-Leben scheiden lassen. Schwarzen Humor und Konfliktfreudigkeit hatte er sowieso intus. Damit geölt, nölte er der neoliberalen britischen Mittelschicht – seinem Lieblingsfeind – poetische Widerhaken ins Gesellschaftsgetriebe. Und war doch so etwas wie eine Ich-AG. Als »Vorstand« von The Fall verschliss er sage und schreibe 66 Bandmitglieder, die für einen genial-unverkennbaren, nuancenreich, räudig-repetitiven Rumpelsound sorgten.

In einem Nachruf über Mark E. Smith, der am 24. Jänner 2018 starb, sollte man Heuchelei tunlichst vermeiden, denn nichts hasste er mehr. Auch sollte man das Wort Freund nicht in dem Mund nehmen, denn vermutlich hatte er keine. Er war ein Spieler, der instinktiv wusste, wie er seine Umgebung manipulieren konnte, und er erlaubte sich so ziemlich jedes Mittel, um seinen Kopf durchzusetzen.

Und genau deshalb gab es The Fall seit 1976: weil Mark E. Smith es so wollte und die Band seine Vision war, der er blind folgte. Was nun bleibt, ist ein überbordendes Werk, das immer wieder neu entdeckt werden kann, das nun für sich steht und nicht mehr vom zuletzt erschreckenden Bild von Smith überlagert wird. Der immer verlässliche John Peel wurde nicht müde, The Fall bis zu seinem Tod 2004 immer wieder einzuladen, und so sind die 24 Peel Sessions wohl die Einstiegsdroge in ein verschachteltes, aber immer hochkonzentriert poetisches Werk, das mehr als 30 Studioalben und ungefähr die gleiche Anzahl an Liveaufnahmen auf einer Unzahl von verschiedenen Labels umfasst. Es kann davon ausgegangen werden, dass nun noch einige folgen werden.

»Grotesque« bis zum Ende
Smith war einerseits ein Anhänger einer lange zurückreichenden Pubkultur, obwohl er in unzähligen Pubs in Manchester Lokalverbot hatte, andererseits ging sein Blick immer nach vorne. Es war vollkommen klar, dass er nie große, alte Hits wie »Hit the North« spielen oder sich gar zu einer Greatest Hits Show herablassen würde. Es ging immer um das nächste Konzert, den nächsten Song, den er aus seinen Notizbüchern herauspresste, die nächste Platte, das nächste Plattenlabel, das er verstören konnte, oder den nächsten, meist bitteren Streich, den er einem seiner Musiker spielen konnte. Vielleicht war es sein Instinkt, dass er all das machen musste, um The Fall so klingen zu lassen, wie er es wollte, vielleicht war es manchmal auch nur die Lust daran, Menschen, die ihm zu nahe kamen, wegzustoßen.

Was bleibt, sind der immer vorwärtstreibende Bass, der typische Gesang im Vorstadtslang von Manchester, die einmalig harte Poesie der Texte und die hypnotische Wirkung, die dieser Mann ein Leben lang mit seiner Musik erzielte.

The-Fall-Titelgeschichte skug #61: https://skug.at/mad-mock-goth/