Erna Rosenstein © Foto: Tadeusz Rolke, Agencja Gazeta, The Estate of Erna Rosenstein, Courtesy of Foksal Gallery Foundation and Hauser & Wirth
Erna Rosenstein © Foto: Tadeusz Rolke, Agencja Gazeta, The Estate of Erna Rosenstein, Courtesy of Foksal Gallery Foundation and Hauser & Wirth

Magische Alpträume

Zum Magischen Realismus oder Surrealismus zählen die Bilder der polnischen Künstlerin Erna Rosenstein, deren Werk zurzeit im Unteren Belvedere zu sehen ist. »Jenseits der Stille« heißt die Ausstellung, die erstmals für Österreich eine Retrospektive der beeindruckenden Künstlerin zeigt.

»Erna Rosenstein nur biografisch zu deuten, davor muss man sich hüten«, sagt die Direktorin des Wiener Belvedere Stella Rollig. »Obwohl sie kein einfaches, glattes Leben hatte – es gab große Brüche und große Herausforderungen, ihr Leben war besonders drastisch und tragisch.« Rollig würde Rosenstein dem Magischen Realismus zuordnen und dem Surrealismus. Die Ausstellung im Unteren Belvedere nennt sich »Jenseits der Stille« nach einem Bildtitel aus 1962. »Rosenstein ist eine Mutmacherin, die inneren Widerstand und Stärke entwickelt hat.«

Die Malerin Erna Rosenstein stammte aus dem Kronland Galizien, das damals zum Habsburgerreich gehörte. Schon als kleines Kind erlebte sie den Ersten Weltkrieg und antisemitische Kampagnen. Zwei Jahre studierte sie in Wien Kunst und es wurde sogar – »Ein Glücksfall!« – ein Video gefunden, in dem sie über ihre Wiener Zeit spricht. Ihren Unterricht in der Wiener Frauenakademie befand sie aber als reaktionär. Als Rosenstein später im Zweiten Weltkrieg mit ihren Eltern flüchten wollte, entpuppte sich der vermeintliche Fluchthelfer als Mörder. Mutter und Vater wurden getötet, Erna Rosenstein überlebte schwer verletzt. »Ihre Bilder sind geträumte Bilder«, heißt es bei der Pressekonferenz. Es geht in der beeindruckenden Ausstellung großteils eindeutig um Alpträume.

Bildausschnitt Erna Rosenstein: »Jenseits der Stille«, 1962 © National Museum in Warsaw, The Estate of Erna Rosenstein, Courtesy of Foksal Gallery Foundation and Hauser & Wirth

Sichtbare Vergangenheit

Wie kollektive und individuelle Gewalterfahrungen in der Kunst thematisieren? Erna Rosensteins Werk zeuge von einem konsequenten Umgang mit Erinnerung und von einer unglaublichen Beharrlichkeit, meint Kuratorin Stefanie Auer. Eine Verflechtung von Gegenwart und Vergangenheit. Erinnerung sei nichts Abgeschlossenes, »die Vergangenheit ist noch sichtbar«. Auer erwähnt besonders einen in der Ausstellung gezeigten Holzkasten, den Rosenstein ihr Leben lang besaß und auf den collagenartig Erinnerungsstücke aufgeklebt sind. »Der Schrank als Zeuge und Träger von Erinnerung.« 

Rosenstein würde laut der Kuratorin »innere subjektive Räume in eine malerische Realität überführen«. Verwandlung sei ihr Thema, ein Wunsch nach Veränderung, den der Schriftsteller Elias Canetti ebenfalls als äußert wichtig empfand. In Wien sollte Erna Rosenstein, dem Wunsch ihrer Eltern gemäß, vom politischen Aktivismus freikommen, doch sie arbeitet bald wieder im Untergrund. Im Video sagt sie, das sie in Wien lernte, sich unauffällig zu verhalten – ein Umstand, der ihr später sehr geholfen habe.

Erna Rosenstein: »Eine eigene Jahreszeit«, 1971 © Privatsammlung, The Estate of Erna Rosenstein, Courtesy of Foksal Gallery Foundation and Hauser & Wirth

Sich auflösender Vaterkopf

Köpfe schweben in dämmeriger, rotbrauner Landschaft, die Farben ähneln denen der Zeit, wenn die Sonne untergegangen ist. Liebevoll sind die Köpfe der enthaupteten Eltern mit Bleistift gezeichnet. Der Vaterkopf löst sich in lauter Punkten auf. »In weiter Ferne«, heißt das Bild. »In der Krakauer Gruppe arbeiteten noch andere ähnlich wie Erna Rosenstein«, erklärt mir eine polnische Galeristin, »Anna Szapocznikow ist die bekannteste von ihnen. Seit der Transformation in Polen gab es viele Ausstellungen von Holocaust-Überlebenden oder Geflüchteten. In Polen hatten Holocaust-Überlebende in der Öffentlichkeit immer viel zu sagen«, meint diese extra angereiste Mitarbeiterin der Warschauer Galerie Foksal, die Erna Rosenstein vertritt. 

»Ihr Ehemann, der Literaturkritiker Artur Sandauer, war wöchentlich im Fernsehen mit seiner Literaturshow, aber auch sie meldete sich regelmäßig zu Wort.« Erna Rosenstein war eben auch eine politische Aktivistin, die Polen quer durch den Kommunismus hindurch nie verließ. Nur von 1949 bis 1953 herrschte der Soziale Realismus vor, dann wurde die Kunst moderner. Rosenstein wandte sich gegen die Instrumentalisierung der Kunst im Stalinismus, »entweder irrt sich die Partei oder ich«, ist ein von ihr überliefertes Zitat. »Die Zeit wird es zeigen.« Sie entschied sich immer zu bleiben, obwohl es auch im kommunistischen Polen antisemitische Kampagnen gab.

Erna Rosenstein: »Orte der Rückkehr«, 1966 © National Museum in Poznań, Digital Photography Studio at the National Museum in Poznań, The Estate of Erna Rosenstein, Courtesy of Foksal Gallery Foundation and Hauser & Wirth

Epilog

Die öffentliche Bekanntheit der Erna Rosenstein in Polen, ihr Sich-Einbringen in den gesellschaftlichen Dialog und auch das Zuhören stehen im Gegensatz zu Österreich, wo zwar zum Beispiel der großartige Zoran Mušič im Leopold Museum oder Georg Eisler im Oberen Belvedere gezeigt wurde, vom Holocaust betroffene Künstler*innen und ihre Arbeiten aber oft von der Gesellschaft ausgeschlossen erscheinen. Wie das Gesamtwerk des Auschwitz-Überlebenden Malers Adolf Frankl, das kein Museum haben möchte.

Link: https://www.belvedere.at/erna-rosenstein 

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