Madita Janß & Mafalda Rakoš: »Madita«, 2026 © Bildrecht
Madita Janß & Mafalda Rakoš: »Madita«, 2026 © Bildrecht

Abbild einer Beziehung

Der Fotohof Salzburg zeigt mit »It’s Yours, It’s Mine: Seven Relational Portraits« einen Querschnitt durch das Schaffen von Mafalda Rakoš – einer Künstlerin, die sich in den vergangenen Jahren als eine der spannendsten Stimmen der jüngeren österreichischen Fotografie etabliert hat.

Was sehen wir eigentlich, wenn wir einen Menschen ansehen? Einen Körper? Eine Haltung? Eine Geschichte, die wir zu kennen glauben? Oder sehen wir vor allem uns selbst – unsere Erwartungen, unsere Vorurteile, unsere Sehnsucht nach Eindeutigkeit? Der Titel der Ausstellung, die noch bis 24. September im Fotohof Salzburg zu sehen ist, ist hier programmatisch, »It’s Yours, It’s Mine: Seven Relational Portraits«. Denn er verweist auf die Doppeldeutigkeit von Besitz und Zugehörigkeit, die in Mafalda Rakoš’ Werken immer mitschwingt. Das Possessivpronomen wirkt zunächst einmal ganz harmlos. »Deins«, »meins« – zwei kleine Wörter, die Nähe und Besitz markieren. Aber sobald es um ein fotografisches Bild geht, beginnen sie spannend zu werden. Wem gehört ein Gesicht? Wem gehört eine Erinnerung? Wem gehört eine Geschichte, die gemeinsam entstanden ist? Und kann etwas überhaupt gleichzeitig »deins« und »meins« sein? 

Das Porträt als kollaborativer Akt

Das Porträt scheint eine der einfachsten Formen der Fotografie zu sein. Ein Mensch steht vor einer Kamera, ein Verschluss wird ausgelöst, ein Bild entsteht. Doch gerade diese vermeintliche Einfachheit ist eine Täuschung. Denn zwischen dem Menschen vor der Kamera und dem Bild, das später von ihm existiert, liegt ein ganzes Geflecht aus Blicken, Entscheidungen und Macht. Wer schaut? Wer wird angesehen? Wer entscheidet, was sichtbar wird? Und wem gehört das Bild, wenn darauf nicht nur ein Gesicht, sondern ein Teil eines fremden Lebens zu sehen ist? Mafalda Rakoš macht aus diesen Fragen keine theoretische Fußnote ihrer Arbeit. Sie lässt sie in die Bilder selbst einsickern. Denn Mafalda Rakoš interessiert sich weniger für eine Lösung als für die Spannung, die zwischen diesen beiden Polen entsteht. 

Das erklärt auch, warum ihre Arbeiten nicht ausschließlich aus Fotografien bestehen. Wo Bilder auf Texte, Zeichnungen oder andere Materialien treffen, wird der fotografische Raum erweitert. Dadurch entstehen Arbeiten, die weniger abgeschlossene Werkserien als vielschichtige Forschungsfelder sind. Man spürt den Einfluss der anthropologischen Ausbildung der Künstlerin ebenso wie ihr Interesse an sozialen Prozessen und kollektiver Erinnerung. Das fotografische Bild wird dadurch daran gehindert, zum letzten Wort zu werden. Es muss sich seine Bedeutung mit anderen Formen des Erzählens teilen.

Madita Janß & Mafalda Rakoš: »Contact Sheet«, 2026 © Bildrecht

Damit verändert sich auch die klassische Hierarchie des fotografischen Blicks. Die Fotografin ist nicht einfach diejenige, die sieht; die fotografierte Person ist nicht einfach diejenige, die gesehen wird. Das Verhältnis wird komplizierter. Und gerade das ist eine wunderbare Stärke dieser Arbeiten. Denn ein Porträt ist niemals neutral. Es kann schmeicheln. Es kann entblößen. Es kann festschreiben. Es kann befreien. Es kann einen Menschen auf eine Geschichte reduzieren – oder die Möglichkeit eröffnen, dass eine Geschichte plötzlich viel größer wird als das Gesicht, von dem sie auszugehen scheint. Hier berührt Mafalda Rakoš’ Arbeit Fragen, die weit über die Fotografie hinausreichen. Man könnte etwa an Emmanuel Levinas denken und seine Überlegung, dass das Gegenüber niemals vollständig in unserem Wissen über sie*ihn aufgeht. Der andere Mensch bleibt immer mehr, als wir von ihm sehen können.

Die Kamera als Instrument sozialen Interesses

Mafalda Rakoš’ Bilder verlangen keine schnelle psychologische Diagnose. Sie liefern keine fertige Erklärung dafür, wer die dargestellten Menschen sind. Das ist in einer Gegenwart bemerkenswert, in der Bilder geradezu darauf trainiert werden, möglichst schnell lesbar zu sein. Social Media verlangt Erkennbarkeit in Sekunden: Wer ist das? Wie sieht diese Person aus? Welche Rolle spielt sie? Was ist ihr Image? Mafalda Rakoš arbeitet gegen diese Geschwindigkeit. Ihre Bilder scheinen zu sagen: Schau noch einmal. Und noch einmal und vielleicht noch genauer. Denn je länger man hinsieht, desto weniger selbstverständlich wird das, was man zunächst zu erkennen glaubte. 

Das ist auch deshalb interessant, weil Fotografie häufig mit Erinnerung gleichgesetzt wird. Wir fotografieren, um etwas festzuhalten. Mafalda Rakoš führt diesen Gedanken jedoch in eine andere Richtung: Ein Bild kann auch daran erinnern, dass Erinnerung niemals stabil ist. Dass Menschen sich verändern. Dass Identität nicht aus einem einzigen Ausdruck besteht. Dass eine fotografierte Person nicht mit ihrer fotografischen Erscheinung identisch ist. Das Porträt wird damit zu einer Art psychologischem Zwischenraum. 

Madita Janß & Mafalda Rakoš: »Sister«, 2026 © Bildrecht

Vielleicht beginnt das Entscheidende bei Mafalda Rakoš deshalb nicht mit dem Fotografieren, sondern mit dem Warten. Auf Vertrauen. Auf Zustimmung. Auf einen Moment, in dem die Kamera nicht mehr ausschließlich als Gerät wahrgenommen wird, das einen Menschen festhält. Das ist eine entscheidende Verschiebung. Denn Fotografieren bedeutet immer auch, sich etwas anzueignen: einen Augenblick, einen Ausdruck, einen Körper, eine Geschichte. Die Fotografie konserviert einen Moment, aber sie löst ihn zugleich aus seinem ursprünglichen Zusammenhang. Sie macht aus einem lebendigen Gegenüber ein Bild, das fortan betrachtet, interpretiert, ausgestellt und weitergegeben werden kann. Mafalda Rakoš scheint genau an diesem Punkt anzusetzen. Ihre sieben Porträts sind keine triumphalen Eroberungen des entscheidenden Augenblicks. Sie wirken eher wie Spuren einer Beziehung, in der beide Seiten wissen, dass die Kamera da ist – und in der dieses Wissen nicht ausgeblendet, sondern zum Bestandteil des Prozesses wird. Es zeigt einen Menschen – und verweigert gleichzeitig die Behauptung, diesen Menschen zu besitzen. 

Fotografie als offener Denkraum

Kein Mensch sieht einen anderen Menschen voraussetzungslos. Wir sehen ihn immer durch etwas hindurch: durch unsere Biografie, unsere sozialen Kategorien, unsere Wünsche, unsere Ängste. Der Blick ist niemals nur optisch. Er ist psychologisch. Vielleicht ist überhaupt die Vorstellung des objektiven Porträts eine der großen Illusionen in der Fotografie. Und genau deshalb sind die Porträts von Mafalda Rakoš so interessant: Sie erzählen nicht nur von den Menschen, die fotografiert wurden. Sie erzählen auch davon, wie Menschen einander ansehen. 

Wie lange halten wir es aus, einen Menschen anzusehen, ohne ihn sofort zu erklären, zu beurteilen? Wie viel Fremdheit können wir zulassen? Warum möchten wir aus einem Gesicht so schnell eine Geschichte machen? Genau diese Fragen machen »It’s Yours, It’s Mine: Seven Relational Portraits« auch zu einer Ausstellung über Beziehungen. Über die Schwierigkeit, einen anderen Menschen anzusehen, ohne ihn auf das zu reduzieren, was man von ihm sehen kann. Über die Versuchung, aus Nähe Besitz zu machen. Über die Macht des Blicks. Die Porträtierten bleiben niemals bloß Motive, sie werden zu Mitgestalter*innen der Arbeit. Die Kamera verliert so ihren hierarchischen Charakter und wird zum Instrument eines Dialogs.

Am Ende bleibt deshalb vielleicht eine ganz simple Frage: Was wäre, wenn ein Porträt nicht das Bild eines Menschen wäre, sondern das Bild dessen, was zwischen zwei Menschen geschehen ist? Dann wäre die Fotografie nicht mehr bloß Erinnerung. Sie wäre Beziehung. Damit wird diese Ausstellung weit mehr als eine Präsentation von Arbeiten. Sie dokumentiert Fotografie als ethische Praxis der Begegnung und erinnert daran, dass das eigentliche Bild vielleicht erst dort beginnt, wo der Blick des Gegenübers erwidert wird. 

Link: https://fotohof.at/ausstellungen/its-yours-its-mine/

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