Hermine Steinbacher-Buchinger: »Kind« © Foto: Peter Kubelka
Hermine Steinbacher-Buchinger: »Kind« © Foto: Peter Kubelka

Kunst wider das Vergessen

Wer waren die Frauen, Männer und Kinder in der einst größten Papierfabrik Europas? Das Kunstprojekt »PAPIERarbeiter*in« von Hermine Steinbach-Buchinger holt vergessene Biografien ans Licht – eine kraftvolle künstlerische und gesellschaftspolitische Spurensuche im Kunstsalon 23.

Was bleibt von Menschen, deren Namen niemand mehr kennt? Von jenen, die früh aufstanden, lange arbeiteten, wenig verdienten und deren Hände den Wohlstand einer Region mit hervorbrachten? Und was bleibt von einer Fabrik, die einst das Leben eines ganzen Ortes bestimmte? Im Kunstsalon 23 erzählt Hermine Steinbach-Buchinger mit ihrem Projekt »PAPIERarbeiter*in« eine Geschichte, die lange im Schatten der großen Industriegeschichte stand: die Geschichte der arbeitenden Frauen, Männer und Kinder in der Papierfabrik in Klein-Neusiedl an der Fischa. Fünf lebensgroße Gemälde, Steinbach-Buchinger nennt sie Personas, holen Menschen aus der Anonymität. Daneben informieren Texttafeln über ihre Lebens- und Arbeitsbedingungen. Aus Kunst und historischer Recherche entsteht damit ein begeh- und erlebbares Stück Sozialgeschichte. Kunst als Akt der Rekonstruktion, als Empathiearbeit und als Widerstand gegen das historische Vergessen.

Hermine Steinbacher-Buchinger: »Alte Frau« © Foto: Peter Kubelka

Gesichter der Ausbeutung

Die Papierfabrik wurde 1793 auf Betreiben des Wiener Großhändlers Ignaz Theodor Pachner errichtet. Mit drei Wasserrädern, Holländermaschinen und einem Walzwerk entwickelte sie sich zu einem bedeutenden Industriebetrieb; Ende des 18. Jahrhunderts wurden dort über hundert verschiedene Papiersorten hergestellt. Den wirtschaftlichen Höhepunkt markierte das kaiserliche Privileg zur Herstellung von Banknoten und staatlichen Wertpapieren. Doch dieser industrielle Erfolg und der Glanz des Betriebs fußte auf dem Elend vieler. Eine der prägendsten Ideen des Projekts sind die Zahlen bzw. Zahlenkombinationen, die auf den Arbeiten zu finden sind und das eisige Kalkül des frühindustriellen Kapitals offenlegen. »2:4:1« beispielsweise bezeichnete das Verhältnis von Männern, Frauen und Kindern unter den Beschäftigten. Auf zwei arbeitende Männer kamen vier Frauen und ein Kind. Die Motivation der Fabrikherren war rein ökonomisch: Frauen und Kinder waren schlicht die billigeren Arbeitskräfte. Auch die Lohnverteilung damals lässt sich auf den Werken in Zahlen lesen: »4:2:1« – vier Teile Gehalt für den Mann, zwei für die Frau, ein Teil für das Kind. Arbeit hatte einen Preis, aber dieser Preis war keineswegs für alle gleich. Geschlecht und Alter bestimmten, was ein Arbeitsleben wert war.

Hermine Steinbacher-Buchinger: »Arbeitsloser« © Foto: Peter Kubelka

Besonders eindringlich wird diese Geschichte dort, wo die Ausstellung die Kinderarbeit sichtbar macht. Kinder durften ab 6 Jahren zur Industriearbeit herangezogen werden. Viele kamen aus Wiener Waisenhäusern. Um die Mitte des 19. Jahrhunderts besuchte nur etwa die Hälfte der Kinder die Schule – trotz der von Maria Theresia eingeführten Schulpflicht. Auf dem Fabrikgelände wurde zwar eine Schule errichtet, doch eine Stunde pro Tag musste genügen. Eine Stunde Schule. Der Rest des Tages – man stelle sich das vor, 16 Stunden! – gehörte der Fabrik. Ein weiterer wichtiger Fakt, den man aus diesem Kunstprojekt mitnehmen kann. Von 1848 bis 1905 war das Wahlrecht an Grund- und Hausbesitz gebunden. Während sogar vermögende Frauen unter bestimmten Ausnahmen wählen durften, blieben die Arbeiter*innen völlig ohne politische Stimme. Demokratische Teilhabe blieb der Arbeiter*innenschaft also verwehrt. Diejenigen, die wirtschaftlich am wenigsten besaßen und körperlich am meisten arbeiteten, hatten lange Zeit auch politisch am wenigsten zu sagen. Arbeit schafft Wohlstand – aber nicht zwangsläufig Teilhabe.

Hermine Steinbacher-Buchinger: »Junge Frau« © Foto: Peter Kubelka

Der Preis des Fortschritts

Besonders erschütternd ist das Schicksal der ledigen Frauen, die im fabrikeigenen »Ledigenhaus« untergebracht waren. Ihre Hauptaufgabe war die Hadernaufbereitung – das Sortieren und Zerkleinern verschmutzter alter Textilien als Rohstoff für die Papierherstellung. Eine schwere und gesundheitsschädliche Arbeit, die exorbitanten Tribut forderte. Laut der historischen Recherche des Projekts starben rund 75 (!) Prozent der dort beschäftigen ledigen Frauen an Lungenerkrankungen. Sie waren zwischen 14 und 30 Jahre alt. Wo ihre Gräber liegen, ist heute nicht mehr bekannt. Das Projekt zeigt hier das eigentlich Erschütternde auf: Menschen, deren Arbeitskraft für die Fabrik unverzichtbar war, verschwinden aus dem kollektiven Gedächtnis, sobald ihre Arbeit nicht mehr gebraucht wird. Als die Fabrik Anfang der 1930er-Jahre stillgelegt wurde, brach die wirtschaftliche Existenz der Region schlagartig zusammen. 90 Prozent der Bevölkerung von Klein-Neusiedl wurden arbeitslos.

Hermine Steinbacher-Buchinger: »Junger Mann« © Foto: Peter Kubelka

Wenn nahezu ein ganzer Ort seine Existenzgrundlage verliert, verändert sich nicht nur die wirtschaftliche Situation. Es verändern sich Tagesabläufe, Beziehungen, Selbstbilder und Zukunftserwartungen. Ein Dorf, dessen Identität über Generationen hinweg mit einem Betrieb verbunden war, verliert seinen sozialen Mittelpunkt. Die Parallelen zur berühmten soziologischen Studie »Die Arbeitslosen von Marienthal« – in der Marie Jahoda, Paul Lazarsfeld und Hans Zeisel sogar die Verlangsamung der Gehgeschwindigkeit der Betroffenen als Ausdruck kollektiver Resignation maßen – sind unübersehbar. Die schlagartige Entziehung der Arbeit bedeutete nicht nur materielles Elend, sondern auch die Zerstörung von Zeitstrukturen, Selbstwertgefühl und sozialem Zusammenhalt im Dorf. Auch in Klein-Neusiedl dürfte die Schließung der Fabrik weit mehr bedeutet haben als den Verlust von Arbeitsplätzen.

Hermine Steinbacher-Buchinger: »Kind« © Foto: Peter Kubelka

Erinnerung als Form der Gerechtigkeit

Das Kunstprojekt von Hermine Steinbach-Buchinger setzt dieser Geschichte Menschen entgegen. Gemeinsam mit Historiker*innen hat sie recherchiert, Spuren verfolgt und aus historischen Informationen fünf Personas entwickelt. Sie geben den anonymen Arbeiter*innen Körper, Größe und Präsenz. Damit geht dieses Projekt weit über reine Geschichtsaufarbeitung hinaus. Es gibt den Arbeiter*innen der Papierfabrik Klein-Neusiedl nachträglich eine Würde, die diesen zu Lebzeiten verwehrt wurde. Erinnerung ist hier also eine Form von Gerechtigkeit. Lange wurden Industriegeschichte und wirtschaftlicher Erfolg über Unternehmer*innen, Erfinder*innen, Maschinen und Produktionszahlen erzählt. Die Menschen an den Maschinen, vor allem die Frauen und Kinder in den Fabriken, kamen in der offiziellen Geschichte nie vor. Hermine Steinbach-Buchinger erzählt die Geschichte anders, sie erzählt die Geschichte derjenigen, deren Arbeit gebraucht, deren Leben aber kaum dokumentiert wurde. Und damit macht sie deutlich, dass vieles, was heute als selbstverständlich erscheint – soziale Absicherung, Arbeitszeitregelung, politische Mitbestimmung, Bildung, Gleichstellung – auch auf den Schultern vergessener Generationen ruht.

»PAPIERarbeiter*in« von Hermine Steinbach-Buchinger ist ein bewegendes, kluges und politisch hochaktuelles Plädoyer für ein soziales Gedächtnis! Bis Ende September im Kunstsalon 23 in Liesing, einem Projekt der VHS Liesing.

Link: https://www.kleinegalerie.at/papierarbeiterin-15-09-2026-kunst-salon-23/

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