Valie Export: »Adjungierte Dislokationen« © Foto: Hermann Hendrich
Valie Export: »Adjungierte Dislokationen« © Foto: Hermann Hendrich

»Sich vom Raum eine Spalte abschneiden«

Anlässlich des Todes von Valie Export extrahieren wir die Eröffnungsrede, die Elfriede Jelinek 1997 zur Ausstellung »Split Reality« im 20er-Haus (heute Belvedere 21) hielt. Ein Archivbeitrag aus der vergriffenen skug-Ausgabe #31.

Valie Export ist am 14. Mai 2026 im 86. Lebensjahr verstorben. Dass ihr Werk bleibt, ich letztlich auch ihr selbst zu verdanken, denn sie hat 2023 persönlich eine gemeinnützige Stiftung zum Erhalt und zur Vermittlung ihres Werkes ins Leben gerufen, zu der nun auch skug einen Beitrag leistet – mit der Wiedergabe eines Elfriede-Jelinek-Textes anlässlich der Eröffnung einer umfassenden Valie-Export-Schau im 20er-Haus (Belvedere 21), abgedruckt in skug #31, Juni 1997.

Originaltext in skug #31, Juni 1997

Sich vom Raum eine Spalte abschneiden – zu den Video-Installationen Valie Exports

Lange schon fällig war eine große Ausstellung von Valie Export, der Vordenkerin einer feministisch orientierten Medien- und Konzeptkunst. Im Wiener 20er-Haus konnte diese Schau mit Exports Arbeiten aus drei Jahrzehnten unter dem Motto »Split Reality« nun endlich über die Bühne gehen. Im Folgenden die geringfügig gekürzte Eröffnungsrede von Elfriede Jelinek.

Vieles wird gesagt, manches nicht, aber auch wenn nicht davon gesprochen wird, ist es doch da, sozusagen als unterirdisch fließender Strom, der ganz andere Dinge mit sich führt als alles auf der Oberfläche. So ähnlich ist es mit der Arbeit von Frauen. Es gibt sie, aber man soll sie nicht sehen, sie findet sozusagen unterirdisch statt. Sie ist auch schon das Obszöne schlechthin genannt worden, weil sie gerade dadurch wirkt, dass sie verborgen ist und daher auch verborgen werden muss, denn sie taucht nirgendwo auf. Und Freud sagt, die einzigen Kulturtechniken, die Frauen erfunden haben, seien das Flechten und Weben, eben herrührend vom Verborgenen ihrer Geschlechtsorgane, die nicht repräsentationsfähig sind, im Gegensatz zum Phallischen, das man heutzutage einfach überall sieht.

Heute haben wir es mit der Arbeit einer Künstlerin zu tun, die etwas darstellt und, zufälligerweise, auch in der Öffentlichkeit inzwischen »etwas darstellt«, das ist nicht selbstverständlich. Es ist das, was sie tut, zwar in der Öffentlichkeit immer vorhanden gewesen, manchmal sogar als Sensation oder Überschreitung oder Schock abqualifiziert, damit man es umso schneller wieder vergessen und zum nächsten Schock, vielleicht einem netten Brückeneinsturz oder einer Massenkarambolage, weitergehen konnte, aber eigentlich gehörte dieses Werk, wie überhaupt die Werke von Frauen, die nicht mit Schmutzentfernung, Pflege oder Reproduktion zu tun haben, in eine Art Untergrund, eben diesen klandestinen Strom, der sich, träge meist, unter der herkömmlichen Geschichtsschreibung dahinwälzt. Historiker wie Fernand Braudel haben sich mit dieser unterirdischen, langsameren Geschichte beschäftigt. (…) 

Diesem Halbdunkel, in dem sich das Werk von Frauen auf der Ebene des Symbolischen aufhält, bis es, selten, für eine kurze Zeit an die Oberfläche treten darf, bevor es wieder zu verschwinden hat, werden wir (…) immer mehr Raum widmen müssen. Und so ist in diesem Land zwar sehr viel Kraft und Anstrengung darauf verwendet worden, Valie Export nicht allzu oft zu zeigen, ihr keine Professur zu geben (die hat sie seit Langem im Ausland), sie vordergründig zu skandalisieren, aber sie ist mit diesem unterirdischen Fluss halt trotzdem weiter mitgeschwommen, und jetzt ist sie wieder einmal an die Oberfläche gekommen, nur uns zu zeigen, dass sie je schon da war. (…)

Das von Valie Export Dargestellte ist immer schon mehr unsere Realität gewesen, als zugelassen worden ist. Und zwar nicht als ein bloßer Gegensatz zum offiziell Verlautbarten, sondern gerade indem diese Kunst mit scheinbaren Oberflächenphänomenen arbeitet, als eine Auslotung der symbolischen Tiefenstrukturen und der unbewussten Formen unserer Sozialisation, (…) und dabei diese gleichzeitig verändernd wie auf Veränderungen von ihr auch wieder reagierend. Manchmal kann es sogar zu Obereinstimmungen zwischen dem Dargestellten und der Wirklichkeit kommen, das ist dann eine symbolische Revolution: Wenn man nicht länger unterdrücken kann, dass das, was eine Frau in ihrer symbolischen Produktion sagt, auch noch wahr ist, wenn also dieser unterirdische Fluss wie ein Geysir an die Oberflache schießt. (…) Damit aber diesem unterirdischen Fließen Raum gegeben werden kann, muss ihm hier an der Oberfläche also eine Art Halle zur Verfügung gestellt werden, damit das Fließende nicht nass wird.

Hier haben wir es schon, das Museum. Eigentlich hätte es, nach dem Willen der Künstlerin, für diese Ausstellung aufgebrochen, zerfetzt, zertrümmert werden sollen. Aber da man nicht einmal Nägel in den Fußboden einschlagen darf (…) hat die Künstlerin eine Art riesigen Nagel sozusagen quer in den Raum hineingestoßen, um diesen Raum an anderer Stelle zu öffnen. Vielleicht, um zu zeigen, wieviel Kraft im Kampf mit einer Kultur, die das Weibliche nicht zulassen will, schon abgeflossen ist und den Fluss noch mehr anschwellen hat lassen. Die offizielle Politik ist keineswegs indifferent gegenüber den Fragen der symbolischen Ordnung, denn die Politik ist nicht neutral, sie weiß genau, wo ihre Interessen liegen und wo die Verstöße dagegen, die sozusagen »ans Eingemachte« gehen. So darf also auch manches Gemachte nicht gezeigt werden. wenn es von einer der Machtlosen, der Frauen, gemacht ist.

Ich denke also, dass im Fall der Kunst Valie Exports sehr schön nachzuweisen ist, wie jemand, der im ständigen Widerspruch zum offiziellen Vermittlungssystem gearbeitet hat, (…) diesem oberirdischen System des Herkömmlichen die eigene Erfahrung aufzwingt, die eine ganz andere Sprache spricht. (…) Da Kritik immer nur Inhalte, die Oberfläche der Werke, betraf, nicht aber das System der Vermittlung, die Sprache der Kunstwerke wie die der Kritik selbst, ist das eigentlich Revolutionäre an Valie Exports Kunst, dass sie nicht nur Werke für Betrachter schafft, sondern dass sie, indem sie hier Werke ausstellt, das ganze Zeichen- und Vermittlungssystem aus seiner Verankerung reißt, auch wenn sie den Raum nur seitlich sozusagen ein wenig anbohren durfte. Doch dort, an der Stelle der Fenster, ist etwas hereingekommen, das sich wahrscheinlich nicht mehr zurückdrängen lassen wird. 

 In den Videoinstallationen wird niemals vorgegaukelt, es gäbe etwas wie eine Ganzheit, ein Werk, das man einfach nur anschauen kann. Das Werk ist zwar da, aber es ist gleichzeitig zerstückelt, fragmentiert, es oszilliert zwischen dem Betrachter und dem Betrachteten, ja beide werden sogar ausgetauscht wie in der Installation »Zeit Sprung – Raum Lücken«, in der der Betrachter selbst der Gegenstand ist, aber so, dass er sich nie selber anschauen kann. Denn wie immer er auch versucht, sich zu sehen, es kann ihm nicht gelingen, weil er immer schon ganz wo anders zu sein scheint als dort, wo er die ganze Realzeit über ist, beim Betrachten des Kunstwerks. Es durchdringen einander Räume in einem vorgegebenen Kunstraum, und es dringen sogar Räume in diesen Raum ein, die ganz woanders sind, wie in »Zeitlücke, Raumspalten« Autos, die auf dem Gürtel von zwei Videokameras beobachtet werden und hier ein- und ausfahren, oder die Installation, die der Ausstellung ihren Namen gegeben hat, »Split Reality«, ein Fernsehgerät, vor dem eine Schallplatte abgespielt wird, deren Ton abgedreht ist, während die Künstlerin, die im TV-Gerät zu sehen ist, den Ton über Kopfhörer hört und die unhörbare Platte mitsingt. In den üblichen plastischen Werken sind Raum und Kunstwerk zwei Ebenen, die einander schneiden, in dem Sinn, dass der Raum das Werk sozusagen einlässt, das Werk aber sofort wieder einen neuen Raum öffnet, zum Dank dafür, dass ihm ein Bleiberecht im Museum gewährt ist, während rund ums Werk herum eine Art Achtungsabstand, auch: Respektabstand gewahrt wird. (…) 

Im Gegensatz dazu besteht die Subversion in Valie Exports Werk gerade darin, dass das Innen ins Außen fällt, man könnte sagen: mit der Tür ins Haus, und umgekehrt, dass das Ganze immer aus dem Fragmentierten entsteht, das stets Gefahr läuft, sich in die Umgebung hinein vollkommen aufzulösen oder, umgekehrt, aus der Auflösung ins Konkrete hinein zu materialisieren. Das Innen umwindet das Außen anstatt umgekehrt. Und das Außen wird eingeladen einzudringen, vielleicht aus der Erfahrung heraus, dass der weibliche Körper nie beides haben darf: den Körper und den Kopf. Hat das Weibliche endlich den Körper, den es sich wünscht und der ihm von Film, Bild und Fernsehen vorgeschrieben ist, dann wird ihm der Kopf abgeschlagen, hat es den Kopf, dann ist sein Körper an die Öffentlichkeit verfallen, er steht jederzeit zur Disposition wie der Kopf der Prinzessin von Lamballe auf der Lanze der französischen Revolutionäre.

Hier, dieser an einer unüblichen Stelle geöffnete Ort (…) versammelt die Kunstwerke nicht in sich, um sie schätzend zu bergen. Dieser Raum ist dazu da. die Kunstwerke in ihrer Ungeborgenheit vor uns sozusagen hinzuspucken und, da sie nicht »sein dürfen«, da es schon eine Überschreitung ist, dass es sie überhaupt gibt – und es gibt sie ja nur in ihrer eigenen Zerstückelung und in der Aufhebung von Betrachter und Betrachtetem – entzieht er paradoxerweise diese Werke unseren Blicken, gerade indem er sie zeigt, denn diese Werke gehen nicht auf in dem Sinn, dass sie sich »nie ausgehen«, weil sie ja nicht auf sich beruhen dürfen. Das Volumen dieser plastischen Werke ist Licht, Flüssigkeit, Projektion, alles Dinge, die man »nicht angreifen kann« und die daher die Werke erst recht angreifbar machen. Dort, wo diese Arbeiten, selbstgewiss, auf sich beruhen konnten, werden sie von der Künstlerin, die keine Ruhe geben will, sofort wieder auseinandergerissen; es sind ja »nur« Bildschirme mit nichts dahinter, Flüssigkeiten mit etwas Licht darin, Streifen in der Ebene, die erst unter den unbewegten Augen von Kameras plastisch werden, »der Körper der Umwelt und die Umwelt des Körpers verschmelzen zu einem totalen Bild«.

Nur durch die Bewegung der Kamera und die Übertragung auf Monitore entstehen neue Bilder, und aus diesen Bildern entsteht wieder die Großraumplastik, ohne dass die Künstlerin je in Gefahr geriete, eine echte Großraumplastikerin zu werden. Denn die Bindungen der Menschen an den Raum, wo sie sich wohlfühlen oder nicht, sind hier in jedem Fall nicht mehr sicher, wie nichts mehr sicher ist, weil die Raumbeziehung zwischen Subjekt, Objekt und Umgebung eben dauernd schwankt, weil eins das andere bedingt, und alles zusammen aus nichts besteht, (…) ein etwas, das nicht materiell zu definieren ist. Das ist eine Art von Subversion, die metaphorisch die Weiblichkeit selbst unterläuft, weil hier nichts zu niemandem gehört (und die Frauen existieren ja nicht allein, sie brauchen jemanden, der zu ihnen gehört, bzw. was wirklich dahintersteckt ist: Jeder will, dass eine Frau ihm allein gehört, aber damit auch wirklich nichts zu niemandem gehört, im Gegensatz zu dem, was sich gehören würde, darf hier keines vom anderen Besitz ergreifen, der Raum nicht vom Werk, das Werk nicht vom Raum, der Raum nicht von der Gegend. Das ist die große Bedrohung: Dass die Frau zu keinem mehr gehören möchte und trotzdem etwas schafft, das kein Gegenstand zum Anfassen ist, sondern viel mehr.

Und dann wird man sehen, dass das immer schon da war, wie Leben und Tod. »Das gibt’s ja nicht!«, sagt man oft von etwas, das es eigentlich nicht geben darf. Aber manchmal gibt es etwas, das nicht möglich ist, und es schafft sich Raum, auch wenn ursprünglich niemand einen hergeben wollte. Bis einmal bei so etwas kein Platzverweis mehr erfolgen wird können.

Der ungekürzte Originaltext von Elfriede Jelinek ist hier nachzulesen.

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