Als Anneliese Elsa Frieda Fleischmann im Jahre 1922 das Bauhaus in Weimar zu besuchen begann, wurde sie der Weberei zugewiesen, obwohl sie eigentlich Malerin war – wie auch viele Künstlerinnen vor und nach ihr. Frauen wurden in der Moderne einfach automatisch mit Textilien in Verbindung gebracht, obwohl das Bauhaus doch als so fortschrittlich galt. Einen Vorteil hatte die Klasse jedoch: Es gab keinen geregelten Unterricht, daher konnte die Künstlerin frei experimentieren. Fleischmann, deren Mutter aus der jüdischen Verleger-Dynastie Ullstein stammte, interessierte sich besonders für antidekorative Darstellungen. Sie arbeitete gegen das dominante Figurale in der Textilkunst an – mit Wandbehängen voller geometrischer Formen. Später studierte sie Kunst aus nichteuropäischen Ländern, bevorzugt aus den Anden, und interessierte sich für unkonventionelle Materialien wie Stroh, Jute oder Zellophan. So erfand sie, von einem italienischen Hut inspiriert, einen Wandverkleidungsstoff mit lichtreflektierendem Material.

Land der Abstraktion
Nach der Heirat mit Josef Albers, den sie am Bauhaus kennengelernt hatte, erhielt das Künstlerpaar 1933 den Auftrag, den Unterricht im amerikanischen Black Mountain College aufzubauen. »Deswegen sah sich Anni Albers nicht als Flüchtling und von den Nazis verfolgt an«, meint die langjährige Kuratorin der Anni Albers Foundation, Brenda Danilowitz, »weil das Ehepaar schon knapp vorher Europa verlassen hatte. Die beiden gingen aber ohne etwas, sie konnten fast nichts mitnehmen.« Das Bauhaus wurde 1933 zwangsweise geschlossen. 1935 konnte Anni Albers dann endlich ihr gelobtes Land der Abstraktion, nämlich ihr aus der Ferne geliebtes Mexiko, besuchen. Sie begann, mexikanische Textilien zu sammeln, zerlegte sie und erfand mit den »Pictorial Meetings« eigenständige Konstruktionen. Sie sah Textilien als Teil von Architektur an! Textilien seien wie Gebäude konstruiert und übernähmen Funktionen, seien Gebrauchsgegenstände und daher keineswegs Dekoration. In Folge erhielt Anni Albers nicht wenige Anfragen von Architekt*innen!

Verwicklungen erforschen
Der Psychoanalytiker Samuel Titvo wollte den Bodenteppich für sein Wohnzimmer erstaunlicherweise selber anfertigen. Anni Albers entwickelte ihm ein Design, inspiriert von den unregelmäßigen Feldsteinen an den Wänden. Die »Studie für einen Knüpfteppich« aus 1959 ist in gedämpften Farben gehalten. Und der Psychoanalytiker begann, zu weben … »Sie verkleinerte den Spalt zwischen Kunst und Handwerk«, lächelt die amerikanische Kuratorin. Albers emanzipierte die Weberei von Funktion und kunsthandwerklicher Zuschreibung und etablierte sie als modernes, eigenständiges Ausdrucksmittel. 1949 erreichte Anni Albers dann ihre erste Einzelausstellung – im New Yorker Metropolitan Museum. Später gab sie ihre Webstühle an eine örtliche Hochschule ab und startete mit Zeichnungen, die wie Schriften oder Morsezeichen aussehen. Verschlüsselte Zeichen! Einer ihrer Lehrer am Bauhaus war Paul Klee gewesen.

Textile Kommunikation
»In ihren Knotenzeichnungen hatte sie die Freiheit Verwicklungen zu erforschen, die sie beim Weben vermeiden musste. Ein Gewirr ist noch kein Knoten«, erklärt die Schweizer Kuratorin Fabienne Eggelhöfer (Zentrum Paul Klee, Bern), die in Zukunft die Textilkünstlerin und Bauhaus-Kollegin von Anni Albers Ida Kerkovius, bearbeiten möchte. In ihrem letzten Vortrag im Jahr 1982 resümierte Albers: »Was ich vermitteln möchte, ist, dass Material ein Mittel der Kommunikation ist«. Im Belvedere schlägt der Tontechniker ein Anni-Albers-Kunstwerk an der hohen Decke im rosaroten Saal zur Abminderung des Halls vor. Denn Albers hat schon einmal ein schalldämpfendes, lichtreflektierendes Textil-Kunstwerk für eine Aula entworfen. Vielleicht sähe die Anni Albers Stiftung posthum noch eine Möglichkeit? »Anni Albers. Constructing Textiles« ist jedenfalls noch bis 16. August 2026 Uhr im Unteren Belvedere zu sehen.











