So klein und fein gezeichnet: Der Nürnberger Instrumentenmacher Georg Hartmann schuf aus Papier Netze für Taschensonnenuhren und Globen. Da diese auf Holzträger aufgeklebten Papierobjekte jedoch kostengünstig waren und ihren metallenen Pendants Konkurrenz gemacht hätten, wurden sie verboten. In der Wiener Albertina wurden vor Kurzem, in Vorbereitung der Ausstellung »Faszination Papier. Von Rembrandt bis Kiefer«, 55 dieser seltenen Blätter entdeckt und werden nun endlich gezeigt. Dreidimensionale Objekte aus Papier haben sich kaum erhalten, doch in der Albertina gibt es eine Sonnenuhr in Kreuzform aus 1529 und einen Himmelsglobus zu sehen. Dieses Kapitel der Ausstellung ist mit »Entfaltung im Raum« beschrieben. Sehr schön auch die große Skulptur »Oben offen« (2020) von Tillman Kaiser, die wie eine Papierblume aussieht, aber aus Karton, Glas und Metall gefertigt ist. Unglaublich das Bild »Über das Unendliche, das Universum und die Welten« (2023) von Jochen Höller, der ein Werk von Giordano Bruno aus 1584 in 8.000 Buchstaben zerschnitt, um sein Buchstaben-Universum zu gestalten. Bruno beschrieb ein grenzenloses Universum mit zahllosen Sonnen und Welten.

Locker mithalten
Urspannend die Zusammenschau von mehrere Jahrhunderte alten Werken mit neuer, zeitgenössischer Kunst. Rembrandt, Dürer und Company wirken in diesem neu geschaffenen Zusammenhang extrem modern, lustig gar. Sie können locker mit moderner Kunst mithalten, strahlen manchmal über diese hinaus. Wobei die Auswahl so gestaltet ist, dass es schwerfällt, sich zu entscheiden, was einem besser gefällt. Zum Beispiel die Installation »2014_061 Terforation« von Angela Glajcar, die von der Decke hängt und aus handgerissenem, etwas beigem oder leicht gelblichem (je nach Licht) Papier gestaltet ist. Papierstreifen hängen nacheinander dicht an dicht und ergeben eine immer neue Struktur, je nachdem, von wo aus zum Plafond hinaufgeschaut wird. Oder die riesige Bilderwand eines fiktiven Bauwerkes von Albrecht Dürer aus 1515. Die Ehrenpforte von Kaiser Maximilian. In dem imaginierten Bauwerk ist alles enthalten, was für ihn wichtig war: seine Ahnen und sein Stammbaum, wichtige Ereignisse aus seinem Leben und sonst noch alles Mögliche, super gezeichnet von Dürer himself. Das gruselige Figurenalphabet von Israhel Van Meckenem, das ebenfalls aus dem 15. Jahrhundert stammt, ist erstaunlich. Die vielen, kleinen Selbstbildnisse von Rembrandt Harmenszoon van Rijn wirken wie spontane Momentaufnahmen und fast frech im Ausdruck. Von 1629 bis 1648 erstellte er sie.

Fixsternhimmel-Karten
Schade, dass die enormen Papier-Universen von Anna Oppermann fehlen, die nach dem Tod der Künstlerin vor Jahren in der Wiener Generali Foundation mühsam und detailreich aufgebaut wurden. Aber diesmal sollten unbekannte oder nie gezeigte Werke aus dem Archiv ans Licht. Wie die ersten gedruckten Sternkarten des nördlichen und südlichen Sternenhimmels aus 1515. Albrecht Dürers Zusammenstellung der Figuren und Formen folgte dem Astronomen Claudius Ptolemäus. Eine Karte zeigt die Tierkreiszeichen – in Rückenansicht. »Dürers Karten bieten aber eine Außenansicht auf den Fixsternhimmel, den man sich damals noch als Kugelsphäre vorstellte«, steht an der Wand. Ptolemäus Aegyptus schaut wie ein Zauberer aus und vermisst die Welt mit einem Zirkel. Fensterbilder als Trompe-L’oeil aus dem 16. Jahrhundert, wie das »Mädchen am Fenster« von einem unbekannten niederländischen oder deutschen Künstler, gezeichnete Zerrbilder oder Spielkarten beweisen die Qualität des Konzepts, einmal gründlicher im riesigen Papierarchiv der Albertina Ausschau zu halten. Manches, von dem man dachte, es wäre vorhanden, wie die berühmten Cut Outs von Henri Matisse, wurde nie angekauft. Das erste Papier wurde übrigens vor mehr als 2.000 Jahren in China hergestellt. Über Asien gelangte dieses Wissen in den arabischen Raum und ab dem 11. Jahrhundert mit der Belagerung Spaniens durch die Araber nach Europa, wo es sich mit dem Beginn des Buchdrucks ab Mitte des 15. Jahrhunderts endgültig durchsetzte. In der Albertina ist dieser Schatz aus 600 Jahren Kunstgeschichte noch bis 22. März 2026 zu bestaunen.

Link: https://www.albertina.at/ausstellungen/faszination-papier/











