Barbara Pflaum: »Sie lebt von der G’frett-Verbreitung«, Ecke Kärntner Straße und Philharmonikerstraße, Wien, um 1960, Silbergelatineabzug © APA-Images / brandstaetter images / Barbara Pflaum
Barbara Pflaum: »Sie lebt von der G’frett-Verbreitung«, Ecke Kärntner Straße und Philharmonikerstraße, Wien, um 1960, Silbergelatineabzug © APA-Images / brandstaetter images / Barbara Pflaum

Der besondere Fotoblick

Eine der ersten Pressefotografinnen Österreichs war Barbara Pflaum, die sich relativ spät mit einer Kamera anfreundete. Pflaum baute Bilder und Rahmen in ihre Fotos ein. Im MAK sind derzeit ihre »Schaufenster des Alltags« zu sehen.

»Es erscheint mir paradox, ein Bild so zu bauen«, sagt Karolina Ziębińska, die Kuratorin der Ausstellung »Barbara Pflaum, Schaufenster des Alltags«, die von 15. April bis 16. August 2026 im Kunstblättersaal des Wiener MAK zu sehen ist. »Ebene für Ebene, und man sieht oft erst auf der dritten oder vierten Ebene, was wirklich wichtig ist.« Barbara Pflaum war eine der ersten Pressefotografinnen Österreichs. Sie arbeitete u. a. für die »Wochenpresse«, den »Wiener Kurier« oder die »Wiener Illustrierte«. Erst spät erhielt sie ihre erste Kamera – von ihrem Ehemann geschenkt. Ihre nun im Museum für angewandte Kunst ausgestellten Fotos seien von »langsamer Kamera« geprägt, sie wirkten speziell. »Es ist eine Art Kennzeichen ihrer Fotos, dass Pflaum einen Bilderrahmen baut – das Bild so aufbaut, dass es wie gerahmt wirkt.« Sozusagen ein Bild im Bild erzeugt wird. Oder drei, vier Bilder im Bild.

Barbara Pflaum: Barbara Pflaum, Anti-Vietnamkrieg-Demonstration im Rahmen der 1.-Mai-Kundgebung auf der Wiener Ringstraße, 1970, Silbergelatineabzug © APA-Images / brandstaetter images / Barbara Pflaum

Mehrere Bildebenen

Ein Beispiel: Ein schwarzer Wagen mit den Rädern links und rechts schließt den oberen Bildrand ab. Dann kommen leere Marktstände, Ebene 2. Und auf Ebene 3 sieht man zwischen den Stangen eines weiteren Marktwagens wie durch ein Guckfenster eine Frau. Bei noch genauerem Hinsehen erkennt man winzig klein noch eine zweite Frau, die extrem eingerahmt erscheint. Pflaum arbeitete in den 1950er-Jahren mit einer zweiäugigen Rolleiflex, die auf Hüfthöhe gehalten wird. Man schaute von oben hinein. »Never take a photo for granted, it will always be more than you imagine«, behauptet die polnische Gastkuratorin, die schon für das Centre Pompidou in Paris arbeitete, die Stadt Wien vorher nicht kannte und daher ganz eigen auswählte, sortierte und theorisiert. Und redet schon wieder von Bilderrahmen im Bild: Die erste Ebene sei oft unscharf, die zweite Ebene verankere das Geschehen im Kontext und die dritte Ebene, die kleinste, zeige das wirkliche Geschehen.

»Barbara Pflaum. Schaufenster des Alltags«, MAK Ausstellungsansicht, 2026, MAK Kunstblättersaal © MAK / Christian Mendez

Der richtige Moment

Barbara Pflaums erste veröffentlichte Fotoreportage brachte Bilder von schwedischen Kindern aus einer »experimentellen therapeutischen und pädagogischen Einrichtung für verhaltensauffällige Kinder« (Wandtext). Ein Junge, der statt nur mit seinem Stuhl gleich mit dem ganzen Tisch kippelt. Schräg steht der Tisch allein auf zwei Beinen, der Junge schaut gleichmütig in die Kamera. Zwei Jugendliche, die fröhlich aus einem Fenster hüpfen. Pflaum fängt das Geschehen genau im richtigen Moment ein. »Sie war keine Mutti, keine Oma«, sagt ihre bei der Eröffnung anwesende Enkelin, »sie war sehr streng.« Barbara Pflaum befand, dass ihre drei Kinder im großbürgerlichen Milieu ihres Mannes besser aufgehoben wären, ließ sie zurück und machte sich mit Erfolg an ihre aufwendige Pressearbeit. »Sie war wohlsituiert, wollte aber arbeiten«, befindet die Enkelin, die selber an der Angewandten bei Gabriele Rothmann Fotografie abschloss und ihre eigenen Kinder bei sich behielt. »Was ist das Besondere an diesem Blick?«, prüfte die Großmutter, die hundert Jahre alt wurde, beim Ansehen von Fotos gerne die Enkel aus.

Schule für schwer erziehbare Kinder, Schweden, 1954, Silbergelatineabzug, © APA-Images / brandstaetter images / Barbara Pflaum

Link: https://www.mak.at/programm/ausstellungen/barbara_pflaum 

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