David Hockney exhibit at the MET, NYC © Victoria Pickering, Flickr, CC BY-NC-ND 2.0
David Hockney exhibit at the MET, NYC © Victoria Pickering, Flickr, CC BY-NC-ND 2.0

David Hockney und die Flüssigkeit des Seins

Mit David Hockney, einem der einflussreichsten Vertreter zeitgenössischer Malerei, hat die Kunstwelt einen ihrer größten Optimisten verloren, einen Mann, der Kunst als Akt des Widerstands gegen Vergänglichkeit verstand. Sein Markenzeichen: unbeschwerte Poolbilder in leuchtenden Farben. Ein Nachruf.

David Hockneys Werk war ein ständiges Ringen um die Frage: Wie hält man das Flüchtige fest? Die flirrende Sonne Kaliforniens, das Spiel des Lichts auf dem Wasser, die Falten im Gesicht eines Geliebten, den Rauch einer Zigarette – alles Motive, die er nicht nur abbildete, sondern in ihre essenzielle Schönheit übersetzte. Der britische Künstler malte nicht die Welt, wie sie war, sondern wie sie gefühlt wurde: als einen Ort der Möglichkeit, der Freude, der sinnlichen Unmittelbarkeit. Er selbst sagte einmal: »Ich male, weil ich es liebe, die Welt anzuschauen. Und ich schaue sie an, als sähe ich sie zum ersten Mal.« 

In einer Zeit, in der die Kunst sich häufig in theoretischen Abgründen verlor, blieb David Hockney ein Maler der Dinge selbst – der Pools, der Gärten, der Freunde, der Jahreszeiten. Sein Werk war eine Hommage an das Sichtbare, aber auch an das, was unter oder jenseits der Oberfläche lauerte: die Melancholie hinter dem Glanz, die Einsamkeit hinter der Geselligkeit, die Vergänglichkeit hinter der Farbe. Hockney war kein Pop-Art-Künstler – zumindest nicht im engeren Sinne. Er war ein Alchemist der Wahrnehmung, ein Künstler, der die Grenzen zwischen Realität und Repräsentation nicht nur übersprang, sondern sie bewusst auflöste, um eine neue Art des Sehens zu erfinden. Während Pop Art die Konsumwelt feierte und ironisch brach, ging es diesem Künstler immer um etwas Grundlegenderes: die Konditionierung des Blickes selbst. 

Der kalifornische Traum

Der Name David Hockney ist untrennbar mit Kalifornien verbunden, mit jenen Poolbildern, die in den 1960er-Jahren zum Inbegriff eines neuen hedonistischen Lebensgefühls wurden. »A Bigger Splash« (1967) ist nicht nur ein Gemälde, sondern ein Manifest, vor dem frau*man sprachlos steht: eine Explosion in Türkis und Azur, ein Moment eingefrorener Bewegung, in dem Wasser selbst zur Farbe wird und der*die Betrachter*in zum Teil der Szene. Aber hinter der scheinbaren Leichtigkeit dieser Bilder verbirgt sich auch eine tiefe Ambivalenz. David Hockney malte zwar den kalifornischen Traum, aber auch seine Hohlheit.

David Hockney exhibit at the MET, NYC © Victoria Pickering, Flickr, CC BY-NC-ND 2.0

Die leeren Pools, die abwesenden Blicke seiner Modelle, die kühle Geometrie der Architektur – sie alle verraten eine Sehnsucht, die nie ganz erfüllt werden konnte. Seine Pools sind Metaphern für die Flüssigkeit des Seins. Die flachen, leuchtenden Farben, die perspektivischen Verzerrungen – all das ist kein Stil, sondern eine Einladung, die Welt nicht als gegebene Tatsache, sondern als konstruiertes Phänomen zu begreifen. David Hockney wusste, dass das Paradies immer auch ein Konstrukt ist, nämlich die Leere hinter einer perfekten Kulisse. Und doch weigerte er sich, diesem Konstrukt den Charme zu nehmen. Seine Kunst war ein Ja zum Leben, selbst wenn sie dessen Brüchigkeit offenlegte. 

Gegen die Tyrannei der Normalität

David Hockney war nicht nur ein Künstler, der die konservative Gesellschaft herausforderte, er war ein Kämpfer gegen die Tyrannei der Normalität. Seine offen gelebte Homosexualität in einer Zeit, in der sie in Großbritannien noch unter Strafe stand, war kein politisches Statement, sondern eine konsequente Ästhetik der Freiheit. In »Cleaning Teeth, Early Evening (10 PM) W11« (1962) wird gleichgeschlechtliche Intimität nicht als Provokation inszeniert, sondern als selbstverständlicher Teil des Lebens. 

Hockney hasste Nostalgie. »Nostalgie ist eine uninteressante Geisteshaltung«, meinte er und doch war sein gesamtes Werk ein Kampf gegen die Zeit. Nicht im Sinne einer verzweifelten Flucht, sondern als ein beharrliches Zeichen des Hier und Jetzt. Seine späteren Werke – die iPad-Zeichnungen in der Normandie, die Frühlingslandschaften – sind keine Rückblenden, sondern Versuche, den Moment festzuhalten, bevor er verlorengeht. In »The Arrival of Spring« (2011) malte er dieselbe Allee Tag für Tag, so, als wolle er die Jahreszeit selbst zum Stillstand bringen. Oder uns sein Credo vermitteln: Der Frühling kommt wieder. Die Kunst auch. 

David Hockney exhibit at the MET, NYC © Victoria Pickering, Flickr, CC BY-NC-ND 2.0

Der Tod war David Hockney bewusst. In seinen Selbstporträts – etwa jenem als Schwerhöriger, der sich verzweifelt eine Hand hinters Ohr hält – zeigt sich ein Mann, der die Gebrechlichkeit des Körpers zwar kennt, aber sich weigert, sie als Gegebenheit oder als Schicksal anzunehmen. »Der qualvollste Albtraum eines Malers ist, dass seine Hände zu zittern beginnen. Das wäre sein Ende.« David Hockney malte bis zuletzt, als wolle er dem Zittern zuvorkommen. Sein letzter Atemzug war vielleicht auch ein letzter Pinselstrich.

Die Bohème, der Raucher, der Rebell

David Hockney war ein Dandy, ein Exzentriker. Sein Rauchen war mehr als eine Gewohnheit, es war ein Statement: »Tabak ist gut für meine mentale Gesundheit. Vielleicht wäre ich ohne Zigaretten und Cohiba-Zigarren schon längst auf Psychopharmaka angewiesen.« Als Rauchen langsam immer mehr zur moralischen Verfehlung erklärt wurde, blieb er ein Verfechter der Bohème, jener Welt, in der Kunst und Leben untrennbar miteinander verbunden waren. Sein Atelier, übersät mit Brandflecken, war ein wunderbarer Tempel der Unordnung, der Kreativität, des Leben-Lassens. Sein Vater, militanter Nikotingegner, hätte ihn wohl verflucht. Aber David Hockney lebte nach der Devise: »Kunst entsteht dort, wo Regeln gebrochen werden.« 

Als ihm angeboten wurde, zum Ritter geschlagen zu werden, lehnte er ab. Warum? Weil Titel Hierarchien zementieren, und Hockney hasste nichts mehr als die Idee, dass Kunst oder Menschsein einer Rangordnung unterworfen sein sollten. Sein Zitat »Ich male nur für mich« war keine Arroganz, sondern eine Deklaration der Autonomie. Kunst, so seine Überzeugung, sei kein Dienst an der Gesellschaft, sondern immer auch ein Akt der Selbstbefreiung. 

David Hockney exhibit at the MET, NYC © Victoria Pickering, Flickr, CC BY-NC-ND 2.0

Technologie als Werkzeug

David Hockney erkannte früh, dass neue Medien neue Blicke ermöglichen. Seine iPad-Zeichnungen waren kein Gimmick, sondern logische Fortsetzungen seines Strebens nach Unmittelbarkeit. »Mit dem iPad kann ich morgens malen, ohne mein Bett zu verlassen.« Die Digitalisierung befreite ihn von den Fesseln der Leinwand, ohne dass er die Malerei aufgeben musste. Hockney zeigte uns: Fortschritt bedeutet nicht, Altes zu verwerfen, sondern es neu zu sehen.

Was bleibt von David Hockney? Nicht nur die Bilder, die Pools, die Landschaften, die Porträts. Mehr als nur die Werke bleibt eine, seine Haltung: Die Weigerung, die Welt als tragisch zu akzeptieren. Selbst in seinen dunkelsten Momenten – nach dem Schlaganfall, der ihm zeitweise die Sprache raubte – fand er einen Weg, Schönheit zu schaffen. »Kunst kann Verzweiflung lindern.« Sein Werk war eine Einladung, die Welt mit anderen Augen zu sehen. Nicht als einen Ort der Entfremdung, sondern als einen Ort der Möglichkeiten. »Sinn und Zweck meiner Bilder sind Vergnügen und Freude. Zu mehr sind sie nicht gedacht.« Das klingt simpel, hat aber eine gewisse Radikalität. In einer Welt, die nach Sinn, nach Botschaften, nach moralischer Klarheit sucht, ist David Hockneys Kunst eine Einladung, die sagt: Schau hin. Erlebe. Zweifle. Freue dich. Aber verlange keine einfache Wahrheit. 

David Hockney ist am 11. Juni 2026 kurz vor seinem 89. Geburtstag gestorben. Sein Werk bleibt – als ein Pool, in den man immer wieder eintauchen kann. Und manchmal ist das Schönste an diesen Momenten nicht das, was wir sehen, sondern das, was im Wasser unsichtbar bleibt – die Tiefe, die Bewegung, das Unergründliche. »Ich habe mein Leben so gelebt, wie ich es wollte. Wie Frank sang: I did it my way.« Ein Leben in Farbe. Ein Leben in Widerstand. Ein Leben in Kunst. Mit Farben, die so leuchtend sind, dass sie uns für einen Augenblick vergessen lassen, dass die Welt auch dunkel sein kann. 

David Hockney exhibit at the MET, NYC © Victoria Pickering, Flickr, CC BY-NC-ND 2.0

Home / Kultur / Kunst

Text
Petra Kislinger

Veröffentlichung
15.06.2026

Schlagwörter

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