Ausstellungsansicht © Albertina, Wien / Foto: Rainer Iglar
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Marlboro-Cowboys und Biker-Girls

Sind Richard Prince’ Arbeiten geniale Medienkritik – oder doch, in Teilen, millionenschwere patriarchale Aneignung? Die Albertina zeigt einen Künstler, der zwar den Mythos des Originals zerlegt, dabei immer wieder aber auch eines reproduziert: den männlichen Blick.

Seit den 1970er-Jahren produziert Richard Prince (geboren 1949) Bilder, die längst unser kollektives Gedächtnis prägen und zu kulturellen Ikonen geworden sind: Marlboro-Cowboys, Hochglanz-Modefotografie, Biker-Girls, Pin-ups u. v. m. Doch unvoreingenommen kann man seine Arbeiten nicht betrachten, denn manches provoziert und polarisiert. Jean Baudrillards Diktum, dass es keine unschuldigen Bilder gebe (formuliert 1976 in »Der symbolische Tausch und der Tod«), hat kaum ein Künstler so radikal in die Praxis umgesetzt wie Richard Prince. In der spätkapitalistischen Gesellschaft, so Jean Baudrillards These, konsumieren wir längst keine Dinge mehr, sondern Bilder von Dingen. Unser Alltag besteht aus Bildern, Logos und Erzählungen, die unsere Vorstellung von Wirklichkeit prägen. Doch die Wirklichkeit selbst hat Richard Prince nie interessiert. Sein Fokus liegt einzig und allein auf der medialen Verpackung. 

Ausstellungsansicht © Albertina, Wien / Foto: Rainer Iglar

Seine berühmten Cowboys sind dafür das perfekte Beispiel. Dass diese aus der Marlboro-Werbung stammen, ist bekannt, weniger beachtet wird jedoch, dass Richard Prince Logos, Texte, Kontext entfernte und die gedruckte Werbung ganz einfach abfotografierte – er brauchte also weder Models noch Wüste, nur noch das Bild, das zum Träger einer neuen Bedeutung wird. Das Ergebnis? Vordergründig schöne, perfekte Retro-Werbung – dahinter aber in Wahrheit eine Projektion kollektiver Sehnsüchte. Der einsame Reiter, der durch die endlose Prärie galoppiert, ist Symbol für eine Freiheit, die nie gelebt, sondern nur konsumiert wird. Quasi so etwas wie die Fototapete des amerikanischen Traums; das Bild von Abenteuer, Wildnis und Männlichkeit als Mythos, nicht als tatsächliche Erfahrung. Marlboro verkaufte nie Tabak – Marlboro verkaufte Sehnsucht. Und Richard Prince verwandelte all das in Kunst. Damit machte er sichtbar, was Werbung gerne verbirgt: dass Identität selbst längst zur Ware geworden ist, Männlichkeit ein Produkt, Freiheit eine Marketingstrategie. 

Appropriation Art und Male Gaze

Richard Prince gehört zu den Pionieren der Appropriation Art, einer Kunstrichtung, die die Frage stellt: Wem gehört ein Bild? Das eigentliche Kunstwerk entsteht bei ihm nicht durch den Auslöser der Kamera, sondern durch Auswahl, Kontext und Verschiebung; entscheidend für ihn ist weniger das Fotografieren an sich als die Entscheidung, welches bereits vorhandene Bild er herauslöst und in einen neuen Zusammenhang setzt. Damit stellt Richard Prince den Mythos des genialen Schöpfers in Frage, der etwas völlig Neues schafft, er zerlegt jenen Glauben, dass Kunst nur dann Kunst und damit gültig ist, wenn sie »original« ist. Besonders brisant wird Richard Prince’ Arbeit aber dort, wo Frauen zum Motiv werden. Serien wie »Girlfriends« (1987–2012) oder später dann die berüchtigten »New Portraits« (2014) gehören zu den kontroversesten Werkgruppen. Richard Prince zeigt Frauen nicht als Individuen, er zeigt sie als Produkte – Fabrikate männlicher Fantasie, Projektionsflächen für männliche Sehnsüchte, die er selbst nicht hinterfragt.

Ausstellungsansicht © Albertina, Wien / Foto: Rainer Iglar

Die Filmtheoretikerin Laura Mulvey prägte 1975 in ihrem Essay »Visual Pleasure and Narrative Cinema« den Begriff des »Male Gaze« – des männlichen Blicks, der Frauen nicht als agierende Subjekte, sondern als passive Objekte der (männlichen) Betrachtung inszeniert. Genau diese Logik reproduzierte Richard Prince in der Serie »Girlfriends«: Er zeigt darin Frauen aus der US-Biker-Szene, Freundinnen von Motorradfahrern, fotografiert in Bars, auf Motorrädern oder in lasziven Posen. Auf den ersten Blick wirken diese Frauen selbstbewusst, unabhängig, sexuell souverän. Aus feministischer Perspektive jedoch erweist sich diese Freiheit eindeutig als Inszenierung eines männlichen Blicks. Denn all diese Frauen erscheinen nicht als handelnde Subjekte ihrer eigenen Geschichte, sondern als Projektionsflächen männlicher Fantasien: Leder, Motorräder, Alkohol, Erotik. Ihre Individualität verschwindet. Richard Prince interessiert sich nicht für ihre Biografien oder Stimmen, sondern ausschließlich für ihre visuelle Wirkung. Weiblichkeit? – ein erotisches Versprechen.

Aneignung weiblicher Porträts

Während »Girlfriends« noch auf analoge Fotografie setzte, radikalisierte Richard Prince seine Vorgangsweise in den »New Portraits«: Hier eignete er sich Bilder an, die Frauen selbst produziert hatten. Er übernahm öffentlich zugängliche Instagram-Posts/-Selfies, versah sie mit ironischen oder sexuell konnotierten Kommentaren und präsentierte sie anschließend als großformatige Kunstwerke – für bis zu 100.000 Dollar das Stück. Die Urheberinnen wurden weder gefragt noch finanziell beteiligt. Viele der Frauen wussten gar nichts von der Verwendung ihrer Bilder und erfuhren erst durch eine Ausstellung davon. Einige protestierten. Andere klagten. Die meisten gingen leer aus. 

Ausstellungsansicht © Albertina, Wien / Foto: Rainer Iglar

Wenn man an Judith Butler denkt, ist die Schlüpfrigkeit der Kommentare (z. B. »Enjoy the ride today. Let’s do it again. Richard«), gepostet als richardprince4, kein Zufall. Denn Judith Butler hat gezeigt, dass Sprache niemals neutral ist, sondern soziale Wirklichkeit hervorbringt und Normen formt. Die Kommentare des Künstlers verändern deshalb nicht nur die Bedeutung der Bilder – sie unterwerfen sie erneut einer männlichen Deutungshoheit, einer männlich geprägten Lesart. Gerade hierin liegt auch die feministische Brisanz. Die Frauen hatten ihre Bilder selbst hergestellt, ihre digitale Identität autonom definiert und damit ihre eigene Form visueller Autorinnenschaft entwickelt. Richard Prince entreißt ihnen diese Autorinnenschaft und wirft sie auf den Kunstmarkt. Aus weiblicher Selbstrepräsentation wird in der Folge männlich kuratierte Kunst – um nicht zu sagen: Ware.

Rekontextualisierung oder Objektivierung?

Der Vorgang erinnert an koloniale Aneignungsprozesse: Was anderen gehört, wird durch Auswahl, Rahmung und institutionelle Legitimation in kulturelles Kapital verwandelt. Richard Prince behauptet zwar, bestehende Bilder nur neu zu kontextualisieren, tatsächlich verschiebt sich jedoch das Machtverhältnis vollständig. Aus der Influencerin oder Privatperson wird ein (Kunst-)Objekt; aus ihrem Bild wird eine Ware mit erheblichem Marktwert. Beide Serien verbindet dieselbe Logik: In beiden Fällen stehen Frauen im Zentrum der Bilder, ohne selbst über deren Bedeutung verfügen zu können. Richard Prince selbst versteht seine Appropriation als Kritik an Originalität, Autor*innenschaft und Bildkultur. Aus feministischer Perspektive reproduziert er meines Erachtens jedoch genau jene patriarchalen Strukturen, die er vermeintlich offenlegen möchte. Seine Arbeiten dekonstruieren den männlichen Blick nicht – sie institutionalisieren ihn innerhalb des Kunstsystems. Frauen bleiben Rohmaterial einer künstlerischen Praxis, deren ökonomischer und symbolischer Gewinn nahezu ausschließlich dem Künstler zufällt.

Richard Prince ist noch bis 16. August 2026 in der Wiener Albertina zu sehen.

Link: https://www.albertina.at/ausstellungen/richard-prince

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