Morrissey

»Low in High School«

BMG

Wenn man Morrisseys inzwischen elftes Soloalbum »Low in High School« nebenbei hört, kann man den Eindruck gewinnen, dass die idiosynkratische Diva wieder mal ein ziemlich gutes Werk abliefert. Die üblichen Ingredienzen – eingängige Melodien, catchy Refrains, Pathos und Drama nicht zu knapp, ein paar Spritzer Zynismus sowie heftige Anklage – sind angerichtet und flutschen gut geölt in die Gehörgänge. Achtet man aber genauer auf die Texte, relativiert sich der erste Eindruck. Mehr oder minder seit Beginn seiner Solokarriere ist der lebenslange Märtyrer ja durch seltsame Statements aufgefallen, bei denen nie ganz klar war, wie ernst sie eigentlich gemeint sind. Unlängst wieder bekundete er seine Verehrung für den Brexit-Treiber Nigel Farage, in den USA hätte er wiederum Bernie Sanders gewählt. Zum Thema Farage gibtʼs auf dem Album den nur schwach verklausulierten Song »Jackyʼs Only Happy When Sheʼs Up on the Stage«, wobei Jacky für den Union Jack steht. Morrisseys Rolle als Kommentator aus dem Off ist der von Michel Houellebecq in Frankreich nicht unähnlich, so manches entbehrliche Statement ist vielleicht auch einer gewissen Freude an der Polarisierung geschuldet. »Spent the Day in Bed«, die erste Single des Albums, erfreut mit Synkopen, Leichtfüßigkeit und lässiger Melodie, nur textlich ist auch da schon ein wenig der Wurm der Simplifizierung drin: Nix sehen, nix hören, nix lesen, weil die bösen Medien einem so Angst machen, wer hätte das gedacht? In die Medienkritikkerbe schlägt auch »My Love, Iʼd Do Anything for You«: »Teach your kids to recognize and despise all the propaganda / filtered down by the dead echelons mainstream media«. Ja eh. Nur schade, dass bei dem Song Boz Boorer, Morrisseys inzwischen Langzeitgitarrist und Bandleader, wieder diesen unsympathischen Kraftlacklsound, der an den unlängst verstorbenen Otto Wanz und seine Telefonbücher-Zerreiß-Nummer erinnert, reproduziert. Die Stücke, die auf die Powergitarre setzen, sind die schwächsten des Albums, Boorers Trademark-Rockabilly ist leider kaum zu hören. Dafür gibt es mit »The Girl from Tel-Aviv Who Wouldn’t Kneel« im originellen Flamencokleid und »Israel« zwei Stücke zur einschlägigen Thematik. Dass es bei Kriegen ausschließlich um Öl geht (»the land weeps oil«) ist dann doch eine glatte Vereinfachung. Bleibt noch die Frage, woher Morrisseys aktuelle Besessenheit von gespreizten Beinen und Unterleib kommt? In »Home Is a Question Mark« etwa fordert er zu »wrap your legs around my face« auf, »I just want my face in your lap« ist der Quasi-Refrain von – nona – »In Your Lap«. Der an sich gute Song mit Schlagerschlenker und dem Titel »When You Open Your Legs« spricht für sich. Man würde sich bei Morrisseys oft auch zutreffender Kritik ein wenig von Stephane Hessels feiner Klinge aus »Empört Euch!« wünschen, das dürfte allerdings im knappen Songformat kaum umzusetzen sein und wäre dann wohl auch nicht mehr Morrissey.

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