Soundparcours © Richard Eigner

Klanglaboratorium Seestadt

Die vierte Auflage von Sonic Territories, im speziellen digitaler Klangkunst gewidmet, findet von 1. bis 4. Juli 2021 in der Seestadt Aspern statt. Ein Soundparcours offeriert u. a. Roboter, die Baumrinden mit Tinte bemalen, und eine State-of-the-art-Abendschiene mit elektronischem Pop.

Napoleon erlitt mit seinen Truppen auf dem Schlachtfeld Aspern einst eine Niederlage, das Flugfeld Aspern war einmal größter Flughafen Österreichs, wurde später degradiert zur Autorennstrecke und schlussendlich umgewidmet zum urbanen Entwicklungsgebiet. Ein See schmückt das Zentrum, deshalb der Name Seestadt, doch obwohl der Klimawandel schon spürbar im Gange war, kennzeichnet diesen neuen Stadtteil ein Zuviel an Beton und Asphalt. Immerhin finden Sound Artists heraus aus dieser Misere und kredenzen auch Field Recordings und aus Naturklängen generierte Elektronik. Ein Soundparcours offeriert selbstspielende Klangmaschinen, Klanginstallationen und einen finalen Synthie-Soundwalk sowie magische Popmomente in der Fabrik, wo u. a. Shayma & Seba mit Oriental Electronic Futurism bezaubern werden. Herz, was willst du mehr, auf in die Seestadt! Dass sich Ausflüge an den Stadtrand lohnen, weist sich im skug-Interview mit Sonic-Territories-Kuratorin Mimie Maggale.

skug: Erste Frage zum Abend-Line-up in der Fabrik: Das ist ganz nach dem Geschmack von skug. Wir haben Mala Herba und Rosa Anschütz bereits im Salon skug präsentiert. Was ist deine/eure Intention bzw. der Leitfaden fürs heurige, doch einigermaßen poppige Abendprogramm?
Mimie Maggale: Das ist eine gute Frage. Wir betreten neues Terrain. Ich wollte das (lang ersehnte) Ende der Corona-Pandemie mit etwas hedonistischem Leichtsinn feiern. Dass zum 1. Juli auch weitere Beschränkungen fallen, ist ein Glück. Elektro Guzzi und Austrian Apparel sind pures Vergnügen, Shayma & Seba, Zosia Hołubowska, Rosa Anschütz und Therese Terror bringen die Würze und die Zwischentöne. Mir ist es ein Anliegen, verschiedene Positionen im experimentellen Musikbereich oder an dessen Grenzen zusammenzubringen. So entstehen ja auch neue Impulse in der hiesigen Szene.

Rosa Anschütz © Anna Breit

Der Soundparcours ist vom 1. bis 4. Juli 2021 bei freiem Eintritt von 15:00 bis 18:00 Uhr am Eva-Maria-Mazzucco-Platz zu erleben. Bitte Näheres zur Kooperation mit TransArts/Die Angewandte. Was prädestiniert den Mazzucco-Platz für Klangkunst, hat Kurator Richard Eigner an der Angewandten eine Professur und wofür steht TransArts?
Der Soundparcours geht voraussichtlich von der U2-Endstation Aspern Seestadt zum etwa zwei Minuten entfernten Eva-Maria-Mazzucco-Platz, wo wir zwei ebenerdige, leerstehende Geschäftslokale bespielen – eines im neu errichteten Seeparq mit der Installation »remote sandbox: manifest« und eines gleich daneben mit der Leerstand.Gallery, die dort Sebastian Schagers Arbeit »Disco Vitae« präsentiert. Von dort geht es zum Seeufer und wieder zurück zur U-Bahn. Richard Eigner ist Lektor an der Universität für angewandte Kunst in der Abteilung TransArts. Studierende dieses Studiengangs haben bei ihm die Möglichkeit, sich unter anderem mit dem Format Field Recording auseinanderzusetzen. Wir arbeiten heuer das zweite Jahr zusammen.

Wie kam es zur Kollaboration mit Richard Eigner, der bei Ritornell auch als Elektronikmusiker agiert? Ist die Idee des Soundparcours gemeinsam mit ihm entwickelt worden?
Es hat sich so gefügt. Ich habe mir schon im Vorvorjahr vorgestellt, das Festival mit einem Soundparcours oder etwas Ähnlichem zu erweitern. Dann habe ich Richard Eigner kennengelernt, der das im Botanischen Garten mit seinen Studierenden gemacht hat. » Pflanzenklänge« hieß das Projekt und ich mochte es sehr.

Wie zeitaufwändig war es, aus den 150 nach einem Open Call eingesandten Sound-Art-Vorschlägen die passendsten auszuwählen? Gibt es ein Budget, alle elf Künstler*innen vor Ort einzuladen?
Es waren viele schöne und interessante Vorschläge und Hörbeispiele von Künstler*innen aus dem In- und Ausland (sogar aus Australien oder der Türkei) dabei. Mit so einer großen Zahl an Einreichungen hatten wir auch gar nicht gerechnet. Im Grunde haben wir uns nach dem Ende der Einreichfrist jeweils zwei Tage Zeit gegeben, um uns durchzuhören. Als wir unsere Auswahlen verglichen haben, waren wir überrascht, dass wir viele Übereinstimmungen hatten. Im Endeffekt musste aber eine sehr straffe Auswahl getroffen werden, da hat Richard als Kurator nochmal alles abgewogen und die finale Auswahl getroffen. Aufgrund der Corona-Krise war auch klar, dass wir Künstler*innen aus dem Ausland nicht vor Ort einladen könnten. Die größtenteils derzeit in Wien ansässigen Künstler*innen Anna Helena Barfuss, Demian Thirst, Michael Wedenig, Christoph Höschele, Franz Ehn und Dominik Einfalt, Julia Just, Roberta Lazo Valenzuela und Julian Siffert werden allerdings bei der Eröffnungsführung am 1. Juli und auch an anderen Tagen persönlich anzutreffen sein.

Aleyda Rocha © Aleyda Rocha

Überraschend viele Sound Artists beschäftigen sich mit Klängen aus der Natur. Es scheint ein Bedürfnis zu bestehen, in einer zusehends virtuell bestimmten Welt die Natürlichkeit von Klängen zu präsentieren. So generiert beispielsweise Anna Helena Barfuss in ihrer Videoarbeit Klänge aus Schwimmbewegungen oder präsentiert Nikki Sheth aus Birmingham/UK Field Recordings von der britischen Küste. Welche Beiträge werden noch herausragen?
Es ist faszinierend, mit technischen Mitteln einzelne Geräusche der Natur zu isolieren und sie in andere Kontexte stellen zu können. In der Seestadt wird die Natur ja auch zurückgedrängt und fällt dem Asphalt zum Opfer. Julia Just ist für mich eine feine Entdeckung und ich freue mich schon darauf, ihre Arbeiten im Umfeld der Seestadt zu erleben. Auf die Installation von Demian Thirst kann man auch gespannt sein. Und natürlich Christoph Höscheles »Grüß-Gott-Maschine«.

Die »Grüß-Gott-Maschine« ist in vielerlei Hinsicht bemerkenswert. Ein Bewegungsmelder, der an einem Schaltschrank (wo genau am Platz?) befestigt ist, meldet sich beim Vorbeigehen dank angeschlossenem Lautsprecher mit einem »Grüß Gott«-Sample. Warum dieser katholische Gruß im säkularen Wien? Selber grüße ich lieber sozialdemokratisch »Guten Tag!«
Wir verraten noch nicht, wo wir die Maschine platzieren werden, aber wir haben uns ein besonderes Plätzchen für sie ausgesucht. Es wird ein Spaß, zu beobachten, wie die Passant*innen darauf reagieren!

Das Festivalmotto »What’s between your head and mine?« spielt auf das durch Corona durcheinandergewirbelte Nähe-Distanz-Erleben an. Eine definitive Reaktion darauf ist die Leerstand.Gallery, die ein nicht gemietetes Geschäftslokal verwandelt. Was ist die genaue Funktion der »Disco Vitae« von Sebastian Schager, die in gewisser Form eine Musikvenue daraus zaubert? Ist es mehr als eine Soundinstallation?
»Disco Vitae« bedeutet wörtlich übersetzt »Lerne das Leben«, lässt aber auch an die Clubkultur vergangener Tage denken. Die Leerstand.Gallery präsentiert hier eine für das Festival neu aufgesetzte Arbeit Schagers von 2019. Die Licht- und Soundinstallation setzt drei Kunstwerke in Szene und bringt mit einer rasanten Abfolge von Licht und sehr viel Bass den gesamten Raum zum Atmen. Eine lebende Disco, ein eigener Organismus gewissermaßen. Inhaltlich setzt sich die Installation bestehend aus 1,5 x 3 Meter großen Leinwänden laut Kuratorin Stella Reinhold-Rudas mit dem vermeintlichen Gegensatzpaar Ost-West auseinander. Schager verbindet darin Geschichten aus unterschiedlichen Kulturkreisen und verwebt Märchen wie »Alice im Wunderland« mit »Totoro« oder Legenden wie »Prinz Eisenherz« mit denen der Göttin »Shiva«.

Therese Terror © David Schermann

Gemäß Martin Kusch (Associate Professor, Digitale Kunst, Universität für angewandte Kunst Wien) ist das »remote sandbox:manifest« ebenso ein Weg aus der Pandemie. Eine selbstspielende Klangmaschine und installative Anordnung stehen als Metapher für die Suche nach künstlerischen Strategien, um Isolation als produktive Substanz sehen zu können. Wo und wann wird diese 30-minütige Choreografie von Monitoren, die mit »Distances Sound« im zweiten Teil eine Live-Aufführung beinhalten wird, aufgeführt? Und sind die Teilnehmer*innen allesamt Student*innen an der Angewandten?
Die Installation wurde während des ersten Pandemiejahres von den Student*innen der Digitalen Kunst entwickelt. Wir stellen sie in einem Geschäftslokal am Eva-Maria-Mazzucco-Platz aus. Die Live-Aufführung wird nicht von den Student*innen selbst durchgeführt, sondern von der von ihnen programmierten Maschine. Die Installation läuft im Loop und das Konzert wiederholt sich stündlich.

Was ist das Spezielle an Aleyda Rocha und Machine in Flux und wie wird die Kartographie von Zeit und Umwelt von Sunjoo Lee (KR) & Ko de Beer (NL) umgesetzt?
Aleyda Rocha unternimmt mit Besucher*innen eine Intervention im öffentlichen Raum und arbeitet dabei mit alltäglichen Gesten. Geplant ist ein kleines Setup mit Regalen und Zimmerpflanzen. Jede*r kann mitmachen. Die Installation von Ko de Beer und Sunjoo Lee lädt zum Verweilen ein. Eine kleine, mit Tinte gefüllte Robotermaschine malt Baumringe auf Leinwand und das ausgehend von Sounds aus der Umgebung.

Schlussendlich noch zwei Fragen: Erstens zum exzellenten Live-Programm in der Fabrik. Wird ob der in der Szene sehr bekannten Acts von Elektro Guzzi bis Therese Terror eine überfüllte Halle befürchtet?
Ab 1. Juli fallen die Sitzplatzbeschränkungen indoor und es kann wieder getanzt werden. Wir wünschen uns möglichst viele Besucher*innen! 3G-Regeln werden aber jedenfalls einzuhalten sein.

Zweitens zum Ausklang. Oliver Hangl ist mittlerweile berühmt für seine Walking Concerts. Ist jenes am Sonntag, dem 4. Juli um 15:00 Uhr insofern eine Premiere, weil es diesmal mit einer Army of Synths über die Bühne gehen wird?
Das Kopfhörerkonzert im Gehen mit Synthesizern ist eine Premiere und es musste einiges getüftelt werden, damit das technisch als Walking Concert überhaupt umgesetzt werden kann. Clemens Wenger hat hier das Know-how gehabt, mit dabei sind die hervorragenden Musiker*innen Markus Jakisic, Elise Mory, Karolina Preuschl und Michael Tiefenbacher. Treffpunkt ist am Sonntag um 14:45 Uhr am Eva-Maria-Mazzucco-Platz.

Shayma & Seba © Shayma & Seba

Detailliertes Programm: https://www.sonic-territories.at/