Jukebox 2013 | 1/2

Hörgewohnheiten und mehr – ein Jahresrückblick der skug-Redaktion. Alphabetische Reihenfolge, kein Ranking. Bei skug sind Charts nicht Wettbewerb sondern Empfehlungen. Den Anfang machen Curt Cuisine, Heinrich Deisl, Hans Grausgruber, Steffen Greiner und Ronald Hartwig

CURT CUISINE

Kompost 3: »Epigenesis« (Laub)
Österreichischer Jazzrock-Impro-Salat vom Feinsten.

David Meier: »Hunter-Gatherer« (WideEarRecords)
Zwischen Jazz und Impro, versponnen und kraftvoll, in alle Ecken ausfransend.

Midlake: »Antiphon« (Bella Union)
Der schönste Waldläuferpop wieder in Topform – und erstmals mit einer Unze Rockhärte.

Pure Phase Ensemble: »Live at SpaceFest!« (Nasiono Records)
Mutti war Spacerockerin, Papa Kosmonaut. Und das hier sind die Kids.

Tonia Reeh: »Fight Of The Stupid« (Clouds Hill)
Herrlich verkopfte Hysterie aus Berlin. Brüll me a river.

The Remote Viewers: »Crimeways« (Eigenvertrieb)
Unbeirrbar eigenbrötlerisches Impro-Ensemble aus Großbritannien.

Matana Roberts: »Coin Coin Chapter Two: Mississippi Moonchile« (Constellation)
Das momentan spannendste Projekt im Jazz: Matana reblows History.

Frederik Schikowski: »In geordneten Verhältnissen« (The Brain/Sozialistischer Plattenbau)
It’s alive. It’s made of plastic. And it’s entzückende Music!

Ernstalbrecht Stiebler: »Ton in Ton« (M=Minimal)
Zur postminimalistischen Herberge der Innerlichkeit.

White Denim: »Corsica Lemonade« (Downtown Records)
This is southern comfort, southern groove, southern rock.

HEINRICH DEISL

The Blue Screen Of Death: »There Are Just 16 Steps To Hell« (Sounds of Subterrania)
10“-Debüt der deutschen 8-Bit-/Punk/Hardcore-Band. Geile Floppy-Disk-Verpackung, durchgeknallte Rabaukenmukke.

Anne-James Chaton/Andy Moor: »Transfer« (Unsounds)
Pop- und Alltagskultur als Dromologie 2.0, genial interpretiert vom Poeten Chaton und den verschrobenen Sounds von Moor (The Ex).

Daft Punk: »Random Access Memory« (Columbia)
So klingt perfekte Popmusik: glitzernde Oberfläche, darunter Stolperfallen en masse. »Get Lucky« mit Giorgio Moroder.

Das Simple: »In Girum Imus Nocte« (En-Veux-tu? En V’là!)
Platte Nr. 2 des französischen Hardcore-/Math-Rock-/No Wave-Trios: weiterhin eine Tour de force mit jeder Menge Hinterfotzigkeiten.

Dopplereffekt: »Tetrahymena« EP (Leisure System)
Nach sechs Jahren Stille: gewohnt guter Grenzgang zwischen »post«-Detroit Techno und Ambient-Experimenten. Minimal-Wave-Blaupause.

Fire! Orchestra: »Exit« (Rune Grammofon)
Das Trio (Mats Gustafsson, Johan Berthling, Andreas Werliin) zum Dutzend-Orchester erweitert: Noise, Free Jazz, Garagenpunk und lärmende Stille. Rote-Ohren-Garantie.

Foetus: »Soak« (Ectopic Ents)
Der Quasi-Nachfolger von »Hide«. Noise-Flächen, Kammermusik und rasende Stimmungswechsel im Kopfkino-Breitwandformat. Mit der besten »Warm Leatherette«-Coverversion seit The Normal.

Kajkyt: »II« (God Rec.)
Neuerlicher Anschlag auf die Bassboxen des serbisch-steirischen Klangforschers. Enigmatische Stimmen, supertief gelegte Beats zwischen Industrial-Dub und Düster-Electronica.

LSD: »Dehypnotisation« (God Rec.)
Das zweite Album der jungen österreichischen Formation dekliniert einen Malstrom experimenteller Musik: ein Fragezeichengenerator.

Guido Möbius/Various Artists: »Though The Darkness Gathers« (Karaoke Kalk)
Remixplatte von Möbius‘ »Spirituals« von 2012. Jason Forrest, Senking, Candie Hank u. a. zerhexeln Möbius‘ Elektronikzerhexelungen von Gospels und Spirituals.

Philipp Petit & Murcof: »First Chapter« (Aagoo)
Elektroakustik, Neue Musik und Ambient stimmig ineinandergewoben. Eine cinematische Hörreise auf verschlungenen Pfaden.

PRSZR: »Equilirium« (Hinterzimmer)
Peter »Pure« Votava + HATI: eine Krachsymphonie aus Electronica und Perkussion mit Abstechern in Meditations- und (Free) Jazzfelder. Großes Tripkino.

P16D4: »Passagen« (Monotype)
Diese Box musste in die heurigen Charts, auch wenn im späten Dezember 2012 erschienen. Von »Kühe in 1/2 Trauer« bis »Three Projects«: Werkschau der Industrial-/Klangkunstpioniere auf sechs CDs plus DVD. Und erst die grafische Gestaltung. Mein Highlight des Jahres.

Erika Stucky: »Black Widow« (Traumton)
Bar-Jazz, Chansons, Mafia-Songs, Bluesklagen, Rockkracher: Coverversionen und Eigenes schräg und charmant der schweizerisch-amerikanischen Vokalakrobatin.

Terror Danjah Vs. Champion: »Sons of Anarchy« EP (Hyperdub)
Von 8-Bit bis Dancehall, mal verschmitzt, mal direkt in die Fresse. Bassmusik im All-Over-Reißwolf mit genauso gut abgehangenen wie hypernervösen Beat-Verschachtelungen.

Various Artists: »Blue Flamingo presents Congo Jazz« (Excelsior)
Schellackzusammenstellung zu Transfers zwischen Cotton Club und Lateinamerika mit kongolesischem Jazz als Bermudadreieck. Docteur Nico, die Projektionsmatrize für Jimi Hendrix und Konsorten.

Various Artists: »It Can’t Get Worse Than This« (Rock Is Hell)
Compilation-Vinyl zur fünfzigsten Release: fünfzig Loop-Grooves von ebenso vielen österreichischen Bands. So macht Geburtstagsfeiern Spass.

Various Artists: »Schnitzelbeat Vol. 1 – I Love You, Baby! Twisted Rock’n’Roll, Exotica & Proto-Beat Unknowns From Austria, 1957-1966« (Konkord)
Ab jetzt gibt es keine Ausreden mehr: Geschichte wird gemacht, es geht voran! The most crazy stuff outta Austria. Ever. Da hätte auch Lux Interior darauf gegroovt. Eine Goldgrube.

Various Artists: »Sonic Traces from the Arab World« (Traversion)
Das Berner Netzwerk Norient versammelt Rap, Death Metal, Tanzelektronik, Musique Concrète und Schellacks zwischen Maghreb und vorderem Orient: Weltmusik 2.0 inna mix. Verträgt sich bestens mit der von C-drik Fermont kompilierten CD »30.2 – Electronica, Experimental and Noise from Africa« (Syrphe, 2012). Impulsgeber für den sound of now, goodbye »Erste« Welt.

Various Artists: »Totally Wired 010-2013« (Totally Wired)
Geschichtsbeschleunigung klang selten cooler. Das Wiener Aufstiegslabel des Jahres mit Tracks von Ana Threat, Dot Dash, Gran/Bruch, Crystal Soda Cream u. a.

HANS GRAUSGRUBER

Janet Davis: »Missing You« (Reggae Archive)
Ein häufig etwas stiefmütterlich behandeltes Genre des britischen Reggae, eine Mischung aus Reggae-Grooves und Soul-Stimmen. Janet Davis‘ Debut, um einige Songs erweitert, gehört zum Besten davon.

Terry Hunter: »The Sound of Bang. Chicagos #1 House Music Ritual« (bbe)
Tribal, Soul, Latin – eine House-Mixtur der Extraklasse.

Lee Perry: »Roaring Lion« (Pressure Sounds)
Und noch immer wird Neues und Unerhörtes aus der Black-Ark-Periode und damit besten Zeit dieses Studio-Zauberers gefunden.

Talisman: »I-Surrection« (Sugar Shack)
Sind wir im Jahr 1980 oder 2013? Egal, das ist ganz feiner großer und zeitloser Reggae (inkl. Dubs).

Various Artists: »Americana 2 – Rock Your Soul. More Blue Eyed Soul and Sounds from the Land of the Free« (bbe)
Für all jene, die keine Vorurteile gegenüber perfektem MOR-Soul aus den Siebzigern mit hohem Pop-Appael haben.

Various Artists: »Angola Soundtrack 2« (Analog Africa)
Musik diverser Stile aus dem Angola der Siebziger. So viel Herzlichkeit und Freude aus einem Land zwischen Befreiungskampf und Bürgerkrieg!

Various Artists: »Kenya Special: Selected East Africa Recordings from the 1970s & ’80s« (Soundway)
Kenya war in jenen Jahren ein afrikanischer Melting-Pot und Hot-Spot, dementsprechend die brodelnde Melange dieser 32 Songs.

Various Artists: »Rebita« (Analog Africa)
Ein auf 1000 Vinyls limitiertes Reissue einer angolanischen LP aus dem Jahr 1973.

Various Artists: »Sugar and Spice. 14 Studio 1 Rock Steady Sure Shots« (Drum&Bass)
Für den Devotee der kurzen Rocksteady-Phase 1966-68 ein Juwel mit vielen nie zuvor gehörten Songs aus dem Hause Coxsone Dodd.

Various Artists: »The Muggsy Story – The Real House Sound of the New York Underground« (bbe)
Underground-Hits des Henry-Street-Sublabels; von der House-Interpretation des Steely-Dan-Hits »Black Jack« bis zu skelettiertem Tribal House immer tight & tough.

 

STEFFEN GREINER

Julianna Barwick: »Nepenthe« (Dead Oceans)
Erstaunlich nicht bloß, dass das Soundschema »Island, 2003« doch noch funktioniert, sondern vor allem, wie Barwicks Musik sich Raum erobern und körperlich werden kann.

Mikal Cronin: »MCII« (Merge)
Wenn Album des Jahres, dann das. Golden-Hour-Licht-durchtränkter West-Coast-Garagen-Power-Pop aus der Schule Wavves / Ty Segall, mit Texten für die never ending Adoleszenz.

Mac DeMarco: »2« (Captured Tracks)
DeMarcos (jaja, Ende 2012 erschienener) Post-Slacker-Rock zwischen pubertärer JackAssigkeit und Suburban-Depression malt sich so melodieselig aus, wie es gerade sein darf, Sonnenuntergangsritt zum Schluss inklusive.

Dota: »Wo soll ich suchen« (Kleingeldprinzessin)
Das sollte hier nicht oben stehen, aber was will man machen. Wer selbstbewusst so nah ans No-Go heranspielt, der gelingen machmal eben die größten unter den kleinen Entwürfen einer Kunst, die das Jetzt auf den Punkt bringt.

Foxygen: »We Are the 21st Century Ambassadors of Peace & Magic« (Jagjaguwar)
Exzessiv überpoppiger Meta-Retro-Rock aus der loneristischen Glam-Psycho-Sparte. Eigentlich unnötig, dann aber doch toll. Und mit »San Francisco« ist auch der Song des Jahres drauf vertreten.

Rhye: »Women« (Polydor)
Wurde von mir im Sommer auf diesen Seiten als »schwer zu durchschauende Neo-Synthie-Fick-Soul-Musik« bezeichnet. Heute würde ich noch das Wörtchen »Schmalz« hinzufügen, aber sonst: So klang 2013!

Vampire Weekend: »Modern Vampires Of The City« (XL)
Auf »Contra« gab es Momente, in denen Vampire Weekend das Versprechen gaben, dass es diesen Pop hinter dem Pop der Retromanie geben kann, einen sich selbst verhandelnden, aber über sich hinausweisenden Post-Pop. Album III löst das nicht ein – aber das Versprechen ist noch einmal größer geworden.

Yo la Tengo: »Fade« (Matador)
Sich unspektakuklär gebender, aber treuer Begleiter durch das Jahr: Der alte Hütehund unter den Highlights 2013. Yo La Tengo setzen ihr wundersames Gesamtwerk nicht weniger wundersam fort.

Youth Lagoon: »Wondrous Bughouse« (Fat Possum)
Das Cover zeigt eine phantastische Form- und Farbexplosion, deren hieronymusboschige Abgründigkeit erst beim näheren Betrachten langsam unter die Haut kriecht – entspricht perfekt der Musik, die sich in psychedelischen Bonbonrausch versetzt, um als hypnotische Dream-Pop-Perlen wirre Geisteszustände zu verhandeln.

Bücher

David Markson: »Wittgensteins Mätresse« (Berlin Verlag)
Im Original 1988 erschienen und in den USA wohl für einige Insider der Höhepunkt der experimentellen fiktionalen Literatur, in der deutschen Erstübersetzung ein poetisches Karussel in klarer Diktion durch die Gedanken einer im Postapokalyptischen überlebenden Malerin.

Wolfgang Müller: »Subkultur Westberlin 1979-1989« (Fundus)
Die Historisierung der Berliner Subkulturen ist 2013 in Fahrt gekommen, aufgearbeitet wurde von Bowie bis Westbam, sei es als künstlerische Reflexion oder als wissenschaftliche Sektion. Müller versucht hier als Mittelweg eine dichte Beschreibung, die (trotz des unverschämt anmaßenden Autoren-Ichs) noch das Heute nachbeben lässt.

Ismet Prcic: »Scherben« (Suhrkamp)
Autobiographisch inspirierter Lebensweg eines Jugendlichen durch Bosnienkrieg und Flucht, der erst mit schonungsloser Drastik hineinlockt, um dann als poststrukturalistisch gebrochenes Verwirrspiel um Identität nochmal richtig die Fresse zu polieren.

Klaus Theweleit: »Pocahontas Buch 2: Ca. Buch der Königstöchter. Von Göttermännern und Menschenfrauen. Mythenbildung, vorhomerisch, amerikanisch« (Stroemfeld/Roter Stern)
Wahnsinn, wie da so aus dem Nichts diese anachronistisch intellektierende Solitär Theweleit einen Brocken von wirren, wütenden, provokant blöden, genialen Thesen und Fragmenten von Naxos bis Pandora ausspuckt. Hier schlagen Flammen aus dem Denken.

David Foster Wallace: »Der bleiche König« (KiWi)
Langeweile eins zu eins in Literatur zu übersetzen, was für eine absurde Zielsetzung. Und dann ist jeder einzelne Absatz dennoch von einer Brillanz, dass man ständig innerlich vor Freude bebt. Aber: Das in einem Rutsch lesen: Nee.

 

RONALD HARTWIG

Julianna Barwick: »Nepenthe« (Dead Oceans)
Cocteau-Twins-Preis für den besten Nachtigallenschrank 2013.

Chvrches: »The Bones Of What You Believe« (Glassnote)
Jugend-in-Wien-Publikumspreis für den unwiderstehlichsten Popscheiß (knapp gefolgt von Sky Ferreira, Lorde und Maya Jane Coles).

FKA Twigs: »EP2« (Young Turks)
TripHop is back oder wenn Donna Summer die Sängerin bei Portishead gewesen wäre. Newcomer-Preis 2013.

Forest Swords: »Engravings« (Tri Angle)
Hypnotische Dub-Studien im dunklen, feuchter Keller. Mein Gesamtsieger des Jahres.

A Hawk And A Hacksaw: »You Have Already Gone To The Other World« (LM Dupli-Cation)
Bela-Bartok-Preis für zeitgemäße Balkanmusik-Bearbeitungen. Unprätentiös und untrendy, aber immer wieder gerne gehört in 2013.

The Haxan Cloak: »Excavation« (Tri Angle)
John-Carpenter-Gedenkmedaillie für den magischsten Musikschleim 2013.

Tim Hecker: »Virgins« (Kranky)
Sonderpreis für das beste Fennesz-Ersatzalbum, nur vergeben in Jahren ohne neuen Fennesz.

James Holden: »The Inheritors« (Border Community)
Villalog-Bong für den besten kosmischen Krautrock 2013.

My Bloody Valentine: »mbv« (Self Released)
Tom-Jones-Ring für das wundersamste Comeback des Jahres. Und den Grateful-Dead-Award für das Gesamtwerk noch dazu.

Oneohtrix Point Never: »R Plus Seven« (Warp)
Ich weiss immer noch nicht was das soll, aber es klingt ziemlich gut.

Tricky: »False Idols« (K7)
Tricky ist auch zurück, hat aber mit Trip-Hop nichts mehr am Hut. Stattdessen ein reifes Popalbum, das auch nach zehnmaligen Hören nicht nervt. Das Miele-Gütesiegel dafür.

Tropic of Cancer: »Restless Idylls« (Blackest Ever Black)
4AD-Preis für den hartnäckigsten gotischen Trockeneisnebel 2013.