Iwi - Thilges 3

Rare Spezies: Die Iwi Entertainment Group arbeitet interdisziplinär. Thilges 3 ist ein mit Iwi verbundenes Trio. Auf wechselnden Schauplätzen, die gewöhnlich nicht mit elektronischer Musik codiert sind, wird genau mit solchen Sounds und bildender Kunst gearbeitet.

Iwi, dem Kulturverein zur Förderung der Interdisziplinarität, sind drei Jahre lang das Zine »Iwi-weekly« und gar nicht wenige Musikkassetten entsprossen. Heuer wurde mit der Herausgabe von »Dérive«, einer Zeitschrift für Stadtforschung begonnen. In der ersten Ausgabe thematisiert der Künstler und aktionistische Architekturkritiker Michael Zinganel am Beispiel des Wiener Gürtels städtische Planungsmaßnahmen zur Senkung der Kriminalitätsrate in urbanen Problemenzonen. Außerdem wurde der
Iwi-Sampler »komm.fort« veröffentlicht.

»komm.fort«

Man könnte sagen: Was gewöhnlich in Paralleluniversen stattfindet, ist im Iwi-Imperium feldübergreifend eingemeindet. Auf »komm.fort« ist Indierock genauso zu hören wie elektronische Experimente. Das Poporchester erscheint überhaupt wie die Summe aller Musiken. Elektronische Weirdness und verzerrte Gitarren müssen sich eben nicht widersprechen und zwischendurch darf eine Melodica Melancholie verströmen. Hauptsächlich aber erklingt elektronisch Genieriertes. Acts wie Claudio di Destefani versöhnen Krach und Melodie, während Reutemann seinen kraftstrotzenden Electrofunk folgerichtig »Multivitaminsaft« tauft. Gammons minimalistisches Kleinod »Schritt« und auch »Vierad Firad« von UN verweisen unverkennbar zur Thilges-3-Nummer »i.i.i.«, die wie verlangsamtes Herzpochen klingt.

Bunte Koffer-Skulpturen aus Eis ändern ihren Aggregatzustand

Thilges 3 kitzeln ihre einzigartigen Sounds aus analogen Doepfer-a-100-Modulen. Außerdem geht es den Herren Gammon, Armin Steiner und Nik Hummer um eine räumliche Hörsituation, in der sich die Besucher die Sounds via Quadrophonie erwandern können.
Ende Mai spielten Thilges im Studio Objektiv, einem Labor für Filmemacher in einer der peripheren Zonen des16. Bezirks von Wien. Inselartig war das Equipment in der Mitte des Raumes platziert. Rund um diese Module der Musiker platzierte die Künstlerin Claudia Märzendorfer bunte Koffer und Taschen aus Eis, in deren Inneren sich Revolver befanden. Während des Konzerts schließlich schmolzen diese aufwendig gefrorenen Skulpturen samt Inhalt langsam dahin. Genauso wie sich die Sounds im Raum immer wieder verflüssigten änderten die farbig leuchtenden Objekte allmählich ihren Aggregatzustand. Dasein und Verschwinden. Hörbar sein und wieder vergehen. Fast blieb ein wenig Melancholie zurück als sich das inszenierte Schauerlebnis als ebenso vergänglich herausstellte wie ein Konzert.
Die Aufführung war übrigens der Testlauf für eine Tournee, die durch diverse Bahnhöfe führen soll.

Mini-CD-Reihe

Präsentiert wurde dabei die dritte von zehn geplanten Mini-CDs. Sie enthält die besten 20 Minuten eines Live-Konzerts in Feldkirch/Vorarlberg: »Saumarkt«. Lange knistert es da geheimnisvoll dahin, doch bald gesellt sich eine repetitive an Spacemen 3 erinnernde Melodie hinzu. Ab Minute 17 dann erste Grooves.
Auf »Dr. Kern«, der zweiten in München aufgenommene CD, entwickelt sich nach anfänglichem Dahinbruzzeln ein abstrakter Funky-Rhythmus. Sounds also nicht bloß zum Flanieren.

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