ABYSSINIA INFINITE, das neueste Projekt von Gigi (Ejigayehu Shibabaw) und Bill Laswell: »Zion Roots« (Network/Ixthuluh) ist kein Ethno-Pop-Album und keine Laswellsche Remix-Translation – Laswell spielt diesmal v.a. akustische Gitarre. Eine breite musikalische Palette mit nubisch-sudanesischen Elementen, der schwebend-sphärischen Qualität der Musik der Wüste, wie wir sie mit Mali oder Mauretanien verbinden, sowie soulig-funkigen Keyboards bereichert die äthiopischen Lieder dieses bis dato besten Albums von Gigi (und Laswell), das stets die Balance zwischen Spiritualität und gelassener Beschwingtheit (z.B. mit Tony Cedras‘ Akkordeon) hält. MAHMOUD FADL präsentiert auf seinem neuen Album »The Drummers Of The Nile In Town« (Piranha/Ixthuluh) jene verschollene, legendäre Hasaballah Brass Band, von der niemand so genau wusste, ob und wo deren Mitglieder heute leben. Dass schließlich doch sechs der inzwischen sehr alten Herren mit ihren Instrumenten auftauchten und einigen Tracks dieses typisch nubischen & percussion-orientierten Fadl-Albums mit ihren Blas- und Schlaginstrumenten den melodiösen Klang aus Vor-Nasser-Tagen einhauchen, ist eines jener kleineren Wunder, die sich in den labyrinthischen Gassen um die Mohammed-Ali-Moschee schon einmal ereignen. Zwei wunderbare Alben verdanken wir (wieder einmal) World Circuit (Lotus). Das eine, »Fiebre«, angesiedelt im Grenzbereich Andalusien/Marokko bzw. Nordafrika, kommt von RADIO TARIFA und ist eine Live-Einspielung. Zugleich aber sozusagen auch ein »Best of« mit Songs der drei Studioalben dieser unvergleichlichen Band, die mit ihrer Mischung aus Gypsy-Style-Flamenco, Latin-, Arab- und Berber-Beats ihr Terrain recht einmalig beherrscht. Ein Panoptikum von Rhythmen und Sentimenten für Rocking-Chair-Travellers und Tänzer zugleich. Unverzichtbar! Das andere, das produktionstechnisch mehr die Handschrift Nick Golds trägt, ist das neue Doppelalbum von OUMOU SANGAR??, schlicht »Oumou« betitelt: kein »Best of« im eigentlichen Sinn, wenn auch eine Compilation von älteren Highlights, neu eingespielt, und bis dato unveröffentlichten Songs, die Sangaré in jeder Hinsicht auf dem Höhepunkt ihres Schaffens zeigen. Beachtlich ist dabei das hohe Crossover-Potenzial, das die Königin der malischen Musik zwar immer schon auszeichnete, sie hier aber z.B. mit »Maladon«, einer hitverdächtigen Tanznummer, oder dem jazzig-poetischen »Djorolen«, über regionale multikulturelle Bezüge hinaus in den Status einer Diva von Weltrang hievt. Einen großen, einen gewaltigen Schritt hat auch eine andere malische Sängerin getan: ROKIA TRAOR?? ist auf »Bowmboi« (Hoanzl), ihrem dritten Album, teilweise weit von ihrer Heimat weg. Obwohl ich glaube, dass man – egal, ob ihre Stimme oder Instrumente oder immer wieder an die Oberfläche treibende, »typische« Stimmungen die Assoziation nahe legen – ihre Musik nach kurzem Hören geografisch schon richtig zuordnen kann. Doch manche Songs könnten, arabisch gesungen, aus dem Nahen Osten oder Mauretanien stammen, andere schaffen eine neue, abstrakte Weltmusik-Klassik, die sich nicht mehr festmachen lässt – vor allem die Stücke mit dem Kronos Quartet. Wer bei dem Begriff »Weltmusik« (leise) Vorurteile spürt, dem empfehle ich, zu hören, wie weit dieses Genre in seinen besten Äußerungen schon ist.


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