Irmin Schmidt

»5 Klavierstücke«

Spoon Records/Rough Trade

Can, das ist doch auch dieser türkische Supermarkt am Reithofferplatz im 15. Bezirk? Ja, auch. Aber auch ist es diese eine Band aus Krautistan, deren verbliebene Mitglieder leider derweil zahlenmäßig immer weniger werden. Irmin Schmidt, der von Anfang bis Ende der Bandgeschichte die Keys dortselbst bediente, ist uns – unter wenigen anderen – zumindest noch erhalten und veröffentlicht rege. Heuer u. a.: Fünf Klavierstücke auf »5 Klavierstücke«, das auf Spoon Records, dem von Sandra Podmore und Irmins Ehegattin Hildegard Schmidt geführten Traditionslabel, veröffentlicht wird. Guter Grund, sich kurz mit der Materie auseinanderzusetzen, denn nicht nur musikalisch, sondern auch musikgeschichtlich hat man es hier mit einem äußerst wichtigen Protagonisten zu tun. Schmidt nämlich hat Dirigieren, Komponieren, Pianieren und Panieren (nicht überliefert) u. a. bei den Kapazundern Györgi Ligeti und Karl Heinz Stockhausen studiert, wo er auch Bekanntschaft mit John Cage machte. »Was später folgte, ist Geschichte.« Nachdem er 2015 sein gesamtes Solowerk als »Electro Violet« veröffentlichte, darunter einiges an flashiger Filmmusik, kribbelte es ihn wohl wieder in den Dirigentenfingerchen: »Can Dialog«, ein Orchesterwerk in vier Sätzen mit Can-Motiven, wurde 2017 in London uraufgeführt, am 7. November dieses Jahres erstmals in Deutschland. Seine Suite »Filmmusiken« war heuer erstmals live in Braunschweig zu hören und beide waren im September in Berlin Teil des »Can Projekts«, bei dem es auch zu einem von Jochen Arbeit (Neubauten) kuratierten Tributkonzert kam. Und nicht zu vergessen: die besagten »5 Klavierstücke«. Auf zwei Flügeln, deren einer Cage-esk präpariert war, meditierte Schmidt innert zweier Tagen über Franz Schubert, John Cage, edlem, japanischem Gagaku und last not least Can. Einziger Zusatz: Feldaufnahmen nahen Raschelns und Rauschens von Schilf und Bambus in Frankreich. Ein kurzer Blick ins Booklet: Auf der ersten Seite dort ist ein tuschiges Bildnis Schmidts zu sehen, frei über die Linien eines Notenblatts gezeichnet. Er spielt hier offensichtlich nicht nach Noten, sondern aus dem Gedächtnis, dem Körpergedächtnis gar. Man bekommt den Eindruck, hier habe Schmidt all sein musikalisches Können und die Erfahrung seiner Schaffenszeit in diesen fünf Stücken auf ihr Wesentliches heruntergebrochen. So klar, rein und auf den Punkt wie ein klassisches japanisches Gagaku, wenn die Klaviersaiten wie Glocken klingen, so beruhigend wie ein Zengarten, durch das regelmäßige Hämmern auf den präparierten Saiten mal langsam taktangebend, dann wieder fast krautrockig zeitreisend in eine Welt, in der Jaki Liebezeit und der Rest weiterleben, in der Irmin seinen spacigen Sound hinzugibt, dem man sich schlussendlich hingibt. Dann klingt es teils melancholisch, vergänglich, nie aber kitschig, stets stilvoll und nach vorne gerichtet, ohne jeden Retromoment. Zeitlos und schön.