Christof Kurzmann/Burkhard Stangl/Taku Sugimoto / Otomo Yoshihide/Shimada Masahiko

»In Tokyo. First Concert, Second Take« / »Miira ni naru made«

Musica Genera / Charhizma

Zwar ließe sich über dieses »file under Kurzmann« streiten, doch ist es an der Zeit, Künstlern und Künstlerinnen Tribut zu zollen, die in gewisser Weise grenzüberschreitend tätig sind. Die beiden vorliegenden Veröffentlichungen rücken zumindest den Produzenten und den Musiker ins Blickfeld. Mittlerweile haben viele diesen Weg eingeschlagen, aber nur wenige verfolgen ihn so konzentriert und aufmerksam, so unbeirrt und leidenschaftlich. Es genügt nämlich nicht, sich wortreich über die elektronischen Künste zu äußern oder sich für sie zu begeistern, was sie tatsächlich brauchen, sind eine Bühne, Chancen und Arbeit. Und wenn man sich auch oft in hermetischen Zirkeln wähnt, Christof Kurzmann tut gewiss sein Bestes, um die Kontinuität dieser Musik zu sichern – und die Wiener Szene kann sich über Auftritts- und Arbeitsmöglichkeiten im Ausland freuen.
»In Tokyo«, live eingespielt im berühmten kleinen Club »Off Site«, ist eine mehr als willkommene polnische Veröffentlichung (wofür wir dem Produzenten und außergewöhnlichen Musiker Robert Piotrowicz zu Dank verpflichtet sind). Diese CD mit zwei langen Improvisationen gehört meiner Meinung nach zum Besten, was ich bislang von solch einer Besetzung gehört habe. Aus scheinbar unbekümmertem »Drauflosspielen« entstehen Ruhe wie auch große Intensität. Indem die Musiker sparsame Akzente setzen, jedoch unvermittelt und mit feinem Gespür aufeinander reagieren, gelangen sie mit traumwandlerischer Sicherheit in eine neue Dimension der Stille. Auch das zweite Album wurde live aufgenommen, und zwar beim Welser Festival »Music Unlimited«, das den japanischen Meister Otomo Yoshihide mit einer Carte blanche ausstattete, wenn ich das richtig verstanden habe. Das einstündige Stück »Miira ni naru made« (»Bis ich zur Mumie werde«) basiert auf der gleichnamigen Kurzgeschichte von Shimada Masahiko, der in Tagebuchform einen Selbstmord durch Verhungern beschreibt. Fritz Ostermayer spricht den (ins Deutsche übersetzten) Monolog, im Hintergrund hört man ferne, zeitgenössische elektronische Sounds (Knistern und präpariertes Klavier oder Harfe). Offen gesagt, das Buch zu lesen wäre vermutlich ein weitaus intensiveres Erlebnis. Vielleicht hätte man aber auch Ostermayer und Yoshihide in ein Studio sperren und den räumlichen Strukturen mehr Aufmerksamkeit schenken sollen. Auf jeden Fall ist es immer gut zu wissen, was passiert.