Chaos © Chaos

»Ich habe Geld nie gehasst«

Im Gespräch mit Thomas Kessler aka Chy, Vorarlberger Urpunk und Mitglied von Chaos, Le Passepartout, Billion Bob und The Yeomen, gehen wir an die Wurzeln der österreichischen Punkszene und erfahren, was seitdem passiert ist.

Die vier Mitglieder von Chaos – Galle, Franz, Slaughter und Chy aus Feldkirch in Vorarlberg – gehörten zu den ersten Punk-Musikern Österreichs. Bis Ende der 1980er-Jahre lag bei allen Vieren der Fokus darauf, in einer Band zu spielen, was wahrscheinlich in diesem Umfeld auch eher einmalig in Österreich ist. Bei Galle waren dies nacheinander die Punk-Bands Ex Chaos, Null Komma Nichts und Boyfriends, bei Slaughter Ex Chaos und Boyfriends, bei Franz die Post-Punk-Band Le Passepartout und bei Chy Le Passepartout, Billion Bob und The Yeomen. Danach wurde es bei allen musikalisch eher ruhig und ihre Aktivitäten verschoben sich in andere Bereiche. Thomas Kessler aka Chy, der Besonnene von Chaos, erzählt uns im Interview, wie es ihm bis heute erging.

skug: Nachdem Franz Bröckel nach Wien umgezogen ist und seine Band Le Passepartout dort weiterführte, bist du kurz darauf als Bassist bei Billion Bob aus Dornbirn eingestiegen und hast später deine eigene Band The Yeomen gegründet. Kannst du mir sagen, was dich, nachdem du bei Chaos ausgestiegen bist, bei der Musik hielt, was deine Ambitionen waren, speziell bei deiner eigenen Band The Yeomen, und was schlussendlich dazu führte, dass du mit der Musik ganz aufgehört hast?
Thomas Kessler (Chy): Le Passepartout löste sich auf, weil Franz und Paul Winter nach Wien gingen, um dort weiter zu studieren. Ralph Pröll von Billion Bob fragte mich somit, ob ich Lust hätte, bei ihnen mitzumachen. Vor allem auch als Bassist. Billion Bob hatten zwar schon einen Bassisten mit Heinz Hosp, aber zwei Bässe in einer Band. Das war ja mal was Neues, es klang interessant und ich war dabei. Mit Billion Bob spielten wir viele Konzerte in Vorarlberg, Wien und in der Schweiz. Zudem spielte ich da auch Gitarre und Bass abwechselnd. Irgendwann verlief sich das etwas und ich wollte was Neues machen. Eine Band mit eigenen Songs, roh, direkt und heftig. The Yeomen formierten sich als Trio. Am Schlagzeug war Ronald Pschenitschnigg (der Bruder von Ralph, Gitarrist von Le Passepartout, der ebenfalls nach Wien ging), am Bass Norbert Strasser und ich an der Gitarre. Wir versuchten es mit einigen Sänger*innen, daraus wurde aber nichts. Schlussendlich musste Norbert, unser Bassist, den Gesang übernehmen. Die Texte waren vorwiegend Gedichte von Emily Dickinson. Wir spielten drei, vier Konzerte, eines davon mit Billion Bob auf dem Dornbirner Karren. Auf einem Vorarlberg-Sampler gab es uns dann auch noch. Dann wanderte Ronald beruflich in die USA aus. Wir waren nun ohne Drummer. Es folgte wieder Probespielen mit einigen neuen Leuten aus Vorarlberg. Wir fanden dann einen Drummer, der zu uns passte, und der kam ironischerweise aus den USA, hatte hier eine Freundin, war von Beruf Radiomoderator und auf der Suche nach einem Job. Wir hatten auch eine Zeit lang einen fähigen zweiten Gitarristen, Christoph aus Hohenems, kehrten dann aber wieder auf eine Dreierbesetzung zurück. Es gab noch ein Konzert in Hohenems. Unser Schlagzeuger musste wieder zurück in die USA. Das war es dann mit The Yeomen. Es fehlte einfach an geeigneten Leuten für eine Band. Dann kam der Berufswechsel, Familienplanung, Umzug von Feldkirch nach Bregenz, damit einher gingen bis heute einige familiäre Veränderungen. Musik war für mich immer präsent, wenn auch oft nur passiv. Gitarre- und Bassspielen fand in den eigenen vier Wänden statt. 2010 zog ich dann in die Umgebung von Stuttgart. Neue Familie mit Esther und Sohn Eddy. 2014 war Eddy 14 und lernte ruckzuck Gitarre. Von 2015 bis 2016 hatten wir eine Hausband. Esther Gesang und Bass, Eddy Gitarre, Esthers Vater Armando Drums und ich Gitarre und Bass und wir gaben unter dem Namen Sullen Looks drei Konzerte. Eddy ging dann 2018 für zwei Jahre nach England ans ACM Gitarre studieren. Er ist nun wieder hier, spielt in einer Band und gründet gerade eine Firma mit eigenentwickelten Röhrengitarrenverstärkern. Musik umgibt mich somit andauernd.

Chy © Chaos

Der Sampler, den du erwähnst, heißt »Here They Come« und ist aus dem Jahr 1988. Jede der fünf Bands ist mit zwei Songs darauf vertreten. The Yeomen mit »Nothing« und »Killed«. Hierzu mehrere Fragen: Die Vorderseite des Umschlags ist sehr bizarr. Sie zeigt ein Foto eines kleinen Kätzchens, das von einem Holzstock eingeklemmt wird. Auf der Rückseite ist dieses inszenierte Foto einer Ecke in einem Übungsraum in einer Berghütte oder so. Dann auf beiden Seiten der Innenhülle eine Punk-Fan-Collage, wie sie Bands wie Cockney Rejects oder Madness in den frühen 1980ern verwendeten, nur dass die Bands nix mit Punk zu tun haben, auch keine Fans haben, sondern klar einfach wie Provinzbands daherkommen, was sie scheinbar auch waren. Haben diese beiden Songs oder auch euer englischer Bandnamen The Yeomen nun etwas mit Emily Dickinson zu tun und woher kommt der Bezug zu ihr?
Mit dem Sampler »Here They Come« und den Bands hatten wir nicht wirklich was zu tun. Man bot uns an, darauf was zu veröffentlichen, mit dabei war ein Tag Studio im Bregenzerwald. Das klang ja ganz gut. Zu der Zeit war es ja auch noch was Besonderes, auf eine Platte zu kommen. Das Ganze lief für mich sehr unprofessionell und hektisch ab, unser Bassist und Sänger Norbert hatte am Aufnahmetag auch noch Fieber. Nun ja, wir haben dann zwei Songs aufgenommen, mit denen ich nicht zufrieden bin. Und mit Punk hatte das nichts zu tun, nennen wir es mal »Underground«. Provinzbands waren wir alle. The Yeomen gaben nur vier Konzerte. Drei in Dornbirn, eines davon als Vorgruppe von The Miracle Workers im Spielboden und eines in Hohenems in einer alten Fabrik. Mit dem Texteschreiben ist das so eine Sache. Entweder du machst einen guten Text oder du spielst lieber instrumental. Emily Dickinson hatte da so einen gewissen Hang zum Geheimnisvollen, manchmal auch Düsteren, Schweren, das gefiel uns ganz gut. Natürlich hatten wir auch eigene Texte.

Wie ich aus eigener Erfahrung weiß und deinen Aussagen entnehmen kann, gab und gibt es wahrscheinlich bis heute das Problem in Vorarlberg, dass sich nicht wirklich viel seit unserer Jugend in der Gesellschaft verändert hat. Wie du ja sicher mitbekommen hast, gab es hier in der Schweiz durch die gesamten 1980er hindurch gesellschaftliche Umbrüche, die unter anderem auch durch unsere Szene herbeigeführt wurden. Viele kulturell aktive und kreative Köpfe aus Vorarlberg hat es aber schon immer nach Wien verschlagen. Da dort natürlich ein urbanes Umfeld schon existierte und auch entsprechende Institutionen, wo man sich weiterbilden und entfalten konnte. Diese Personen fehlten/fehlen somit natürlich in Vorarlberg. Ebenso hatte ich den Eindruck, dass sich die Vorarlberger schwer im Ausland zurechtfinden und es sie oft wieder nach Hause verschlagen hat, sprich, Heimweh! Wieder hier haben sie sich dann eher brav eingeordnet. Ihre Sturm-und-Drang-Jahre waren vorbei. Du lebst ja heute in der Nähe von Stuttgart. Wie empfandest du dies damals und wie siehst du das heute?
Zu Beginn der »Punk-Zeit«, sagen wir mal 1977 bis frühere 1980er, war Vorarlberg schon sehr eingeschlafen. Es gab keine richtige »Alternativkultur« und wenig bis fast keine Auftrittsmöglichkeiten. Für Konzerte musste man nach München oder Zürich. Alternativ- oder Subkulturen entstanden ja schon länger aus dem musikalischen Umfeld (1950er Rock’n’Roll, 1960er Beatniks, 1970er Rock). Große Teile in der Welt schliefen aber weiter, besonders in Vorarlberg. Jetzt kam Punk, für mich damals vorwiegend aus England. Diese neue Bewegung war sehr vielschichtig, gesellschaftskritisch und gleichzeitig provozierend. In England richtete sich das natürlich gegen das Establishment. Bei uns eher gegen das konservative Bürgertum. Es war auch eine neue Form der Kreativität, jeder konnte Musik machen, Bilder/Collagen, Fotografie, Mode usw. Zürich wurde am Wochenende zu unserer zweiten Heimat. Chaos wurde gegründet usw. Wir kennen die Geschichte. Es wanderten viele nach Wien, New York, Irland usw. aus. Einige, um zu studieren, manche, weil es einfach dort mehr Möglichkeiten gab. In den 1990ern verbesserte sich auch in Vorarlberg die Möglichkeiten für eine Alternativkultur. Konzert-Locations, Festivals usw. Punk war damals eine Explosion, die natürlich auch hier Spuren hinterließ. Ich lebe nun seit über zehn Jahren im Raum Stuttgart, bin somit nicht mehr auf dem Laufenden, was in Vorarlberg so abgeht. Stuttgart ist auch etwas eingeschlafen und recht konservativ. Es gibt schon eine Szene, die ich aber nicht aktiv verfolge. Vermutlich kein so großer Unterschied zu Vorarlberg. Wenn den Leuten die Partys, das fette Auto und der Urlaub usw. eingeschränkt werden, dann wird revoltiert. Allerdings geht die Jugend fürs Klima auch auf die Straße.

Slaughter © Chaos

Da hast du natürlich auf der einen Seite recht. Auftrittsmöglichkeiten gibt es seit den 1990er-Jahren auch in Vorarlberg. Doch bläst in Vorarlberg, der Ostschweiz und Bayern/Baden Württemberg (Dreiländereck) ein ähnlich konservativer Wind. Obwohl wahrscheinlich Vorarlberg im Vergleich zu anderen Bundesländern in Österreich eher als fortschrittlich eingestuft werden kann, vor allem wenn es ums Kohlescheffeln geht, oder? Doch ich sage immer, mit Konzerten allein haben wir noch keinen Wandel. Das macht bei den meisten ein bis zwei Abende im Monat aus, doch ein Monat hat um die 30 Tage und Nächte. Also wo und wie kann man da »frei« agieren und auch eine eigene Existenz aufbauen, hinter der man zu 100 Prozent stehen kann, wo man nicht immer wieder daran erinnert wird, dass man da nicht reinpasst oder ausgenützt wird? War Musik für dich immer nur Freizeit oder hast du mal an mehr gedacht? Du hast dich ja in Reineck in der Nähe von St. Gallen beruflich entfaltet, wie kam das alles?
Vorarlberg war in der Zeit schon »fortschrittlicher«, dies neben Wien und Linz. Ja, da gab es mehr Verdienstmöglichkeiten. Vorarlberg hatte auch früher viele »Gastarbeiter« aus den anderen Bundesländern. »Frei« ist so ein Begriff, wenn ich auf der Straße lebe, bin ich auch nicht wirklich »frei«. Für meinen Teil suchte ich mir einen Beruf, wo ich mich kreativ entfalten konnte. Wo ich das machen kann, was mich interessiert. Es kommt auch immer auf einen selber an, wieviel man sich ausbeuten lässt. Einige meiner Freunde haben sich auch selbständig gemacht. Ich fand immer ganz gute Firmen, wo ich mich entfalten konnte und auch in vielen Dingen beruflich und privat unterstützt wurde. Musiker als Beruf wäre auch eine Möglichkeit gewesen. Da bist du allerdings mit drei, vier anderen Leuten in einem Boot. Schnell kamen halt Alkohol und Drogen mit ins Spiel, was nicht mein Ding ist. Zu viele gute Leute, die ich sehr geschätzt habe, blieben letztendlich auf der Strecke. Viele Bands aus England in der Zeit hatten eine Chance bekommen, die Plattenfirmen hatten viele unter Vertrag genommen, aus Angst, was zu verpassen.

Ich weiß nicht, ob du genau verstehst, auf was ich aus bin. Mit »frei« hab’ ich den Vorarlberger Ausdruck für ein anderes, sprich, »unser« Lebensgefühl gemeint. Ab 1980 gab es in der Schweiz deswegen viele Demos, Aktionen, besetzte Häuser, Areale und auch AJZs, unter anderem auch in St. Gallen. Diese Orte waren und sind bis heute elementar wichtig, da du dort eine alternative Kultur erleben, erfahren konntest und wie nirgendwo anders überhaupt damit in Berührung kamst, was eben zu dieser Ausbreitung von neuen Ideen führt. Dies war somit der Beginn eines Prozesses, der die hiesige Gesellschaft nachhaltig stark verändern sollte. Der Anstoß war Punk und Wave aus den 1970ern, der Soundtrack durch die 1980er hindurch nannte sich jetzt Swiss Punk oder Swiss Wave. Im vergangenen Jahr gab es viele, auch etliche offizielle Anlässe hierzu (40 Jahre Jubiläum) und sogar der Schweizer Tatort (der immer noch eine Katastrophe ist) hieß »Züri brännt«. Dies hat dazu geführt, dass viele Personen aus diesem Umfeld im Kontext von dem, was sie damals proklamierten, Gehör fanden, darin eine Existenz aufbauen konnten und die nachfolgenden Generationen teilweise bis heute inspirieren, was wir ja von unserer Elterngeneration nur bedingt sagen können. Die Zürcher Punk-Band Nasal Boys hatte schon 1977 dazu den Song geschrieben: »Die Wüste lebt«. Ab den 1990ern wurde das dann von einem beachtlichen Teil der Bevölkerung als selbstverständlich empfunden. Ein Drittel der hiesigen Bevölkerung bleibt natürlich ewiggestrig, kommt mit all diesen Veränderungen nicht klar und wählt konstant rechtsbürgerlich (SVP). Wie in der Schweiz haben ja die 1968er in Österreich nicht wirklich stattgefunden. (Es gab in beiden Ländern vereinzelte Ereignisse, mehr aber auch nicht.) Doch auch verzögert, ab Mitte der 1970er bis in die 1990er hinein, gab es diesen Wandel nicht wirklich im Land der Seligen. Falco sang bezeichnenderweise 1982 in seinem Lied »Auf der Flucht« über Berlin und Zürich. Kennst du eigentlich die Entstehungsgeschichte der Arena in Wien von 1976 und vom Spielboden in Dornbirn von 1981? Diese beiden Orte sind ja bis heute noch sehr wichtig für unsereins.
Für die 1968er-Zeit bin ich zu jung, um da was zu sagen. Ich kenne die Entstehungsgeschichte vom Spielboden Dornbirn und der Arena Wien nicht. Du hast die Situation ganz gut beschrieben, da stimme ich dir zu. Der Prozess hat so in der Schweiz stattgefunden. Ich war in diesen Zeiten aber an keiner Besetzung oder Demo beteiligt.

Galle © Lurker Grand

Als ich dich kennenlernte, hast du in einer Druckerei gearbeitet, als ich dich 2003 im Kontext des Buchs »Hot Love: Swiss Punk & Wave 1976–1980« abermals kontaktierte und kurz darauf in Bregenz besucht habe, arbeitetest du und bist bis heute bei der gleichen Werbe- und Kommunikationsagentur.
Ich machte meine Ausbildung in einer Druckerei, allerdings als Typograph. Ich wollte mich weiterentwickeln und wechselte nach der Ausbildung in eine damals noch sehr junge Werbeagentur. Nach drei Jahren folgte der nächste Wechsel in eine Werbeagentur in die Schweiz (Dachcom), wo ich mich als Art Director »entfalten« konnte. 1988 gab es in der Branche auch einen technischen Umbruch. Die ersten Computer fanden Einzug. Bis anhin wurden die Band-Plakate meist mit dem Kopierer und in der Collagentechnik erstellt. Man erkennt dies durch die gesamten 1980er-Jahre hindurch. Es folgte der Umzug von Feldkirch nach Bregenz. Die Werbe- und Kommunikationsagentur wuchs sehr schnell (ist mittlerweile die größte in der Ostschweiz mit Zweigstellen in Deutschland, Liechtenstein usw.) und es gab eine spannende Entwicklung in der Branche, Computer hielten Einzug, es folgten die »Neuen Medien« Internet, Multimedia, Animation usw. Wir haben dann intern Dachcom digital gegründet und ich war lange Mitglied der Geschäftsleitung. Heute bin ich vorwiegend im Screen- und UX-Design tätig und es gibt immer wieder neue Entwicklungen.

Somit kann man sagen, dass die Zeit um 1988 für dich und dein zukünftiges Leben eine große Veränderung mit sich brachte. Du bist auf der einen Seite Vater geworden, hast eine Familie gegründet, später ja noch ein zweites Mal, und dich auch beruflich stark kreativ einbringen können. Hat das sowas wie das Musikmachen für dich ersetzt? Sprich, den kreativen und intellektuellen Anspruch an dich ersetzt? Des Weiteren erwähnst du die Digitalisierung, sprich, die Anfänge des Home-Computers. Etliche im Punk-Umfeld, inklusive mir, hat das anfangs sehr angesprochen. Bei mir war das nicht unbedingt auf der Musikebene, wo sich ja die elektronisch und digital gesteuerten Instrumente und Sounds immer mehr durchsetzten. Ich hatte aber das Glück, dass ein Freund von mir am Programmieren war, wo sich die meisten darunter überhaupt noch nichts vorstellen konnten. Ebenso gab es in der US-Punk-Szene schon bald die ersten Webseiten und am Computer gestaltete/ generierte Schallplatten und CD-Covers. Hubert Kretzschmar, ein weiterer Freund von mir aus New York, ging damals ans NYIT (New York Institute für Technologie), das einen der ersten Großrechner hatte, und hat auf Stundenbasis (muss mehrere tausend Dollar gekostet haben) die ersten Plattenumschläge so gestaltet. Das hat eigentlich nicht nach viel ausgesehen, dafür nur ein Vermögen gekostet, doch es ging ihm einfach darum, als einer der ersten dies am Computer umzusetzen (z. B. 1982 Helen Schneiders »Exposed« oder 1986 Kraftwerks »Electric Cafe«). Mit der E-Commerce-Seite von Klang und Kleid waren wir sicher in der Schweiz, wenn nicht auch in Europa, einer der ersten E-Commerce-Shops überhaupt, die online gingen, das war 1993. Wo lag bei dir der Fokus?
Ja, Computer veränderten einiges. Ich hatte in den Anfängen durch den Job Zugriff auf das beste Zeug, das es so gab (1990, der Apple Macintosh IIfx kostete damals umgerechnet 9.000 Euro in der Basiskonfiguration). Dann kam das Internet. Ich weiß noch genau, wie ich Teleport VOL.AT überzeugte, dass ich »das Internet« schon im September statt Oktober brauche, und es klappte auch, dass ich den Anschluss früher bekam. Eine neue Welt tat sich auf. Man war mit der »Welt« in Kontakt, es war eine Art Labor, wo man vieles machen konnte. Die Telefonrechnung (das ging noch über die Telefonleitung übers Modem) war in den Anfängen enorm. Weiter ging es mit Animationen, interaktiven CD-Roms, TV-Spots usw. Die multimediale Welt entwickelte sich zu dem, was sie heute ist. In den Anfängen hat man eine Webseite einem Kunden »verkauft«, wenn man ein cooles Intro, morphende Mitarbeiterbilder etc. machen konnte, heute ist das oft anders, da zählen halt auch Marketing, Analyse, Reporting. Es macht immer noch Spaß, ein gutes UI/UX zu designen. Und nun haben wir die »Soziale Medien«, in welchen ich privat nicht so aktiv bin, die aber beruflich nicht unwichtig sind.

Billion Bob © Christian Braun

Gehen wir nochmal kurz zurück. Du warst ja einer der ersten Punk-Musiker in Vorarlberg und Österreich schlechthin, wie kam es überhaupt dazu? Wie hast du Galle kennengelernt und hast du dich überhaupt als Punk gesehen und falls ja, was bedeutete dies für dich und wann und warum hat sich das für dich dann wieder geändert?
Alles begann so um 1977. Es gab gerade keine »Subkultur«, das kommerzielle Rock-Pop-Gehabe war auf dem Weg zum Tiefpunkt. Da gab es was Neues, wild laut, rebellisch und provozierend. Damit einher ging die Ablehnung der bürgerlichen Werte und gesellschaftlicher Regeln usw. Die ersten Meldungen über Punk fand ich im deutschen »Sounds« und in der »Bravo«. Im Jugendhaus Graf Hugo traf ich dann auf Galle und noch ein, zwei weitere Verrückte. Wir verschlangen alles, was es zu dem Thema gab. Die Nähe zur Schweiz war natürlich wichtig, wir fuhren nach St. Gallen zu Alex Spirig in den von ihm geführten BRO Records Schallplattenladen. Alles, was schräg war und in die Richtung Punk ging, war für uns interessant. So wurden auch Bands aus früheren Epochen entdeckt, an denen sich der Punk orientierte, wie MC5, Iggy & The Stooges, New York Dolls usw. Geniale »Dilettanten« erschufen Originelles in vielen Bereichen. Schnell wurde das Gefühl einer eignen Band laut. Das Jugendhaus Graf Hugo bekam gerade einen neuen Standort. Wir hatten da sehr schnell unseren eignen Proberaum, dazu kam dann ein eigener »Punk-Raum«, Franz und Slaughter stießen dazu. Es wurden zu Beginn zwei, drei Songs gecovert. Doch dann gab es sehr schnell eigene Songs. Ob ich mich als Punk gesehen habe oder noch sehe? Zu der Zeit definitiv, ich war rebellisch, fand das System nicht gut. Mir gefiel, dass jeder Musik machen konnte. Mir gefiel die deviante Ästhetik, es war für mich neue »Kultur« in der damaligen Zeit. Generell fühle ich mich zu keiner Gruppierung zugehörig. Ich hatte nie eine »No Future«-Haltung. Die Grundideen des Punk haben sich ja auch in verschiedene Richtungen entwickelt. Musikalisch bin ich vielseitig, höre aber auch immer wieder Punk.

Deine Aussage reicht mir hierzu noch nicht. Ich will es genau wissen. Auch ich fühle mich nicht einer »Gruppierung« zugehörig, denn Punk ist und soll keine »Gruppierung« sein. Genau dort unterscheidet sich meiner Meinung nach Punk von anderen Jugend- oder Musikbewegungen. Deine Mitstreiter Galle und Slaughter bei Chaos standen ja in allen Bereichen genau für das Chaos, da für sie Punk nicht nur einfach war, in einer Band zu spielen, sprich, je länger sie Musik machten, desto schlechter wurden sie musikalisch, was es für mich auf den Punkt bringt – eben Punk! Deine Abneigung gegenüber Autoritäten, das fing, wo nötig, bei der eigenen Familie an (Generationenkonflikt), Arbeitsplatz/Ausbildung, Polizei, Behörden, Politiker, Pfaffen und natürlich das Militär. In Vorarlberg natürlich noch sehr stark die Nazi-Vergangenheit, sprich, da waren unter den Alten noch viele Faschos.
Also Zuneigung zu Autoritäten habe ich nicht. Solange sie mir nicht ihr Denken und Handeln aufzwingen, sonst ist Widerstand angesagt. Ich hatte bis jetzt noch nicht so schlechte Erfahrungen mit Polizei o. ä. In meinem Umfeld gab es oder gibt es keine Nazis, da hatte/habe ich wenig Berührungspunkte. Natürlich mag ich die nicht. Generationskonflikte hatte ich keine. Meine Eltern waren da sehr mit mir. Auch in meiner Familie, zwei Töchter, ein Ziehsohn, drei Enkel, läuft das gut.

Punk-Sein hat klar bedeutet, dass man sehr stark von den Kunst-/Lebensrichtungen der Situationisten, der Dadaisten und der Letteristen beeinflusst war. Man war sehr kreativ und aktiv, sprich DIY war zentral.
Ja, das war für mich immer ein wichtiger Punkt. Kleidung, Schmuck, Möbel. DIY praktiziere ich noch immer. Früher wurden die T-Shirts mit Edding und Spraydosen selber gemacht, ich kannte auch einen Punk aus Bregenz, der Siebdrucker war. Heute lasse ich diese aber drucken.

Natürlich haben legale wie illegale Drogen eine sehr große Rolle gespielt.
Aus meiner Sicht leider ja. Ich konsumierte keine Drogen und keinen Alk. Zu viele gute Leute sind auf der Strecke geblieben, z. B. Galle. Es ist auch sehr frustrierend, wenn du in einer Band spielst und Bandmitglieder müssen erstmal eine Apotheke finden, um Spritzen zu kaufen, bevor es losgeht. Als Nüchterner tut dir da jeder falsche Ton weh. Wie gut könnte es doch klingen.

Man hat sehr stark versucht, zu polarisieren und es war eine enorme Dringlichkeit von unserer Seite spürbar.
Stimmt, polarisieren, provozieren war angesagt. Ich kleide mich bis heute nicht so wie der durchschnittliche Opa.

Thomas Kessler (Chy) © Thomas Kessler

Die ganzen gesellschaftlichen Moralvorstellungen kamen uns total verlogen vor. Wir waren extremst direkt (Provokation verbal und durch die äußerliche Erscheinung) und die Zeit der endlosen Diskussionen, wie es noch die Hippies vor uns taten, waren für uns kein Thema mehr.
Moralvorstellungen, das sagt ja das Wort schon an sich. Ich meine damit Moralvorstellungen aber oft nur einseitig, wie es halt in den Kram passt.

Hackeln, wer von uns wollte das schon und dies auch noch für das verhasste Geld.
Oh, ich habe Geld nie gehasst. Es ist eine Art Energie, die leider nötig ist. Solange dein Gehalt nicht Schmerzensgeld ist, geht’s noch (lacht). Ich denke, es wird in Zukunft in Richtung bedingungsloses Grundeinkommen gehen.

Bei der ersten Frage erstaunt es mich doch ein wenig. Ich habe noch heute immer wieder mal eine Auseinandersetzung damit. Das Dreiländereck, wie unsere Region ja so schön heißt, ist ja bekannt für seine erzkonservativen und rechten Tendenzen bei einem guten Teil der Bevölkerung und dies führt meiner Meinung nach bis heute auch dazu, dass junge Menschen mit einer progressiveren Haltung die Region schon frühzeitig verlassen. Ich sag’ mal provokant: Die Guten gehen, das ist die Minderheit, die Schlechten bleiben, das ist die Mehrheit. Ich selbst gehörte schon in den 1970ern dazu und war nur noch teilweise am Wochenende in St. Gallen oder in Vorarlberg. Ich komme und gehe schon seit bald 45 Jahren und hab’ bis heute über die Gasse, Grabenhalle und Klang und Kleid immer wieder junge, kreative und offene Menschen kennengelernt. Die, welche konnten, sind alle weg, die, welche geblieben sind, mussten sich mehrheitlich irgendwie anpassen und merken es selbst nicht mal. Beim bedingungslosen Grundeinkommen wird es interessant. Im Juni 2016 wurde in der Schweiz zum ersten Mal über das bedingungslose Grundeinkommen abgestimmt. 77 Prozent der Stimmberechtigen waren dagegen, in der Ostschweiz waren es notabene nur einige Prozentpunkte mehr. Sprich, hier liegt noch eine lange Leidenszeit vor uns, das merke ich bei vielen Gesprächen mit ehemaligen Punks, vor allem denen, die selbstständig sind oder das ganze Leben lang gehackelt haben. Liegt natürlich auf der Hand, dass einer, der eh schon lange von der Fürsorge lebt oder oft beim Arbeitsamt vorbeischaut, dies natürlich gut findet, einer, der sein Leben lang gearbeitet hat, natürlich nicht. Ich, der 24 Stunden am Tag hackelt oder eben 24 Stunden lang nur in den Himmel hinausschaut, habe schon 1977 davon geträumt oder damit mein Umfeld konfrontiert. Ich kann mich noch gut erinnern, als ich dieses Thema am Abendtisch bei der Familie meiner damaligen Freundin platziert habe. Ihre Mutter ist in Tränen ausgebrochen und vom Tisch gegangen, dass ich junger »Taugenichts« mich echauffiere, hier bei ihr am Tisch solche Ideen zu servieren. Der Rest der Familie hat nix dazu gesagt. Ich will damit sagen, das ist Teil meiner Punk-DNA, die hatte ich schon mit 16, obwohl ich noch komplett grün hinter den Ohren war. Werden wir das bedingungslose Grundeinkommen noch miterleben? Werden wir die Legalisierung nur schon von Gras miterleben? Werde ich miterleben, dass eines Tages die Menschen da draußen anfangen, selbständig zu denken und zu handeln und für sich selbst und die anderen Verantwortung zu übernehmen? Wenn ich sehe, was im letzten Covid-19-Jahr weltweit und vor allem um mich herum so abging, kenne ich die Antwort nur zu gut.
Das bedingungslose Grundeinkommen. Ja, da haben noch manche Probleme damit. Geld zu bekommen, obwohl kein Bedarf besteht oder man eine Gegenleistung erbringt. Wie kann denn sowas sein. Viele sind in ihrem »Muster« einfach gefangen. Ich denke, es wird trotzdem einen Wandel geben. Eine komplette Entkoppelung von Arbeit und Einkommen wird aber dauern.
Stell dir vor, 70 Prozent aller Arbeiten machen Maschinen/KIs usw. Die Leute haben keine Jobs, sollen aber das Zeug konsumieren. Firmen, die Wertschöpfung betreiben, geben was ab, sonst gibt es ja auch keine Kaufkraft mehr. Denkbar ist auch ein anderes Steuermodell. Nicht das Einkommen wird besteuert, sondern der Konsum (Verbrauch von Gütern, Ressourcen, es gibt genügend Modelle und Webseiten zum Thema). Es wird auf jeden Fall kommen, schwer zu sagen, ob und in welcher Form ich das noch erlebe.

Lurker Grand steht für Punk seit 1977. Sänger bei Nitro und Geekstomers. Macher des Fanzines »Rofä«. Bis heute Konzert-, Ausstellungs- und Event-Veranstalter, Labelinhaber (Teufelskraut damals und Swisspunk heute) und Buchautor, unter anderem der beiden Standardwerke »Hot Love – Swiss Punk & Wave 1976–1980« und »Heute und Danach – The Swiss Underground Music Scene of the 80’s«. Begleitete die Mitglieder von Chaos von 1979 bis 1984 und pflegt bis heute die Swiss-Austrian-Punk-Freundschaft.

Link: https://swisspunk.ch/