Jahrzehntelang waren die unentwickelten Aufnahmen zwischen Familien- und Urlaubsfotos verborgen © Nils Olger
Jahrzehntelang waren die unentwickelten Aufnahmen zwischen Familien- und Urlaubsfotos verborgen © Nils Olger

Ich bin meine Vergangenheit

Erinnern versus Vergessen: Eine bemerkenswerte Spurensuche familiärer Mittäterschaft an Naziverbrechen in Nils Olgers Dokumentarfilm »Eine eiserne Kassette«. Der Film wird im Rahmen des Jüdischen Filmfestivals Wien gezeigt.

Nach dem Tod seines Großvaters findet Nils Olger dessen Fotonegativfilme im Nachlass. Er recherchiert und bereist deren Entstehungsorte, um die Geschichte der Fotos und die seines Großvaters zu rekonstruieren. skug sprach im März 2019 mit Nils Olger anlässlich der Vorführung seines Films auf der Diagonale in Graz.

skug: Die erste Frage, die ich mir gestellt habe, als ich den Film gesehen habe: Wie gelangt man an all diese unglaublich gut recherchierten Fakten? Wie ließ sich beispielsweise herausfinden, wo dein Großvater als NS-Arzt tätig war? Und welche Personen hast du diesbezüglich dafür herangezogen oder bist du ganz allein vorgegangen?
Nils Olger: Es sind elf Filmrollen, die nicht zerschnitten sind, aneinander anschließen und damit ein beinahe lückenloses Zeitdokument ergeben. Natürlich sind zwischen den Negativen zeitliche Lücken, aber das Wissen um die Chronologie war ein wesentlicher Faktor. Ich habe somit von den Fotos ausgehend zu recherchieren begonnen. Es ging mir darum, die abgebildeten Inhalte zu entschlüsseln, sie zu kontextualisieren, aber auch das Nicht-Abgebildete sichtbar zu machen. Ich habe Bildrecherche im Internet gemacht, mit Karten und Google Maps – dabei insbesondere mit der Street-View-Funktion – gearbeitet, Skizzen angefertigt und so nach optischen Ähnlichkeiten gesucht. Auf diese Art sind mir bereits viele Zuordnungen gelungen. Eine weitere Methode war dann, an die Orte zu fahren oder in die Gegenden, wo es Anhaltspunkte gab, selbst wenn ich die Orte noch nicht genau wusste. Es gab außerdem einige Serien unter den Fotos, was die Zuordnung weiter erleichterte. Und dann hab’ ich auf alles andere zugegriffen, was ich finden konnte: Archive, Fachliteratur, Egodokumente, Interviews mit Zeitzeug*innen – hilfreich war insbesondere die Arbeit des deutsch-italienischen Historikers Carlo Gentile, der zur Einheit meines Großvaters geforscht hat und im Film vorkommt. Ich hab aber auch teilweise einfach die Fotos hergezeigt und willkürlich Leute gefragt; eine Random-Methode, bei der zum Beispiel jemand Bauwerke auf einem Foto erkannt hat. Manche Sachen habe ich aber nicht recherchieren können. Es gibt besonders noch eine größere Serie von Fotos, die aus einem Feldspital in Italien sein dürften, die konnte ich nicht zuordnen.

Es macht den Eindruck, dass das knallharte Facts sind, und historisch korrektes Material, das du präsentierst. Ich habe das z. B. heute Markus Schleinzer nach seinem Film »Angelo« gefragt, wie er es mit historischer Genauigkeit hält, und ich finde, dass das immer eine heikle Angelegenheit ist, aber bei deinem Film ist das wirklich sehr fundiert rübergekommen.
Also ich sag’ einmal »nach dem besten Wissen und Gewissen«. Ich verbürge mich auf jeden Fall für die Fakten, die ich hier recherchiert hab’. Wenn ich von einem Foto wusste, an welchem Ort es aufgenommen wurde, waren oft mehrere Fotos eindeutig zuordenbar. Beim Datum, bei Tages- und Uhrzeiten ist es natürlich immer wieder ein langwieriger Prozess.

Bevor ich zu den inhaltlichen Ambitionen komme, nochmal zum Konzept, das du im Vorfeld entwickelt hattest: Es wirkt so durchdacht auf die Zusehenden. Ich dachte, da muss sehr viel Idee dahinterstecken, wie du die Aufbereitung angehst und das Material anordnest.
Durch die Recherche hatte ich fast zu jedem Foto und zu jeder Serie eine Geschichte. Wo sich keine Geschichte ausgegangen ist oder für den Film nichts Neues erzählt werden konnte, habe ich im Schnitt darauf verzichtet. Ich hatte die Chronologie, ich hatte einzelne Geschichten und dann hab’ ich nach Verknüpfungen dazwischen gesucht. Ich arbeite in manchen Phasen gern mit großen Papierbögen, wo ich meine Notizen im Überblick darstellen kann. Ich muss das immer auch vor mir ausbreiten. Am Computer hab’ ich dafür meine Listen und ein strukturiertes Ablagesystem zu jedem Themenbereich.

Es konnte somit kein Drehbuch geben?
Das Skript ist parallel zu Dreh und Schnitt gewachsen.

Also der Schnitt war ganz wesentlich?
Ja, der hat über ein Jahr gedauert und die Recherche zweieinhalb Jahre.

Mit Hilfe von Zeitzeugen wurden vor Ort die Vorgänge rekonstruiert © Nils Olger

Frage zum Inhalt: Wann hast du das Ziel für dich gefasst, deine eigene familiäre Geschichte so stark anzupacken und dass du deinen Großvater und dessen Vergangenheit zu so einem großen Thema machen willst? Also wie hast du das geplant und dich dazu entschieden, dass du das machen willst?
Als ich die Fotos hatte, wusste ich, ich mach’ jetzt was damit und ich muss was damit machen. Ich hab’ mich selbst jahrelang damit zufriedengegeben, keine Fragen oder zu wenige Fragen zu stellen, mich mit halbgaren Informationen zufriedenzugeben, die ich von meiner Familie bekam, und den Mythen Glauben geschenkt, die in der Familie kursierten. Aber spätestens mit diesen Negativen war mir klar, ich muss jetzt rausfinden, was da drauf ist. Wegschauen war da nicht mehr möglich.

Du exponierst dich ja auch selbst damit, oder? Man könnte sich – wie das die Familie bisher gemacht hat – schämen, es verheimlichen und unter den Teppich kehren und nicht darüber reden. Aber du sagst, das ist die Geschichte meiner Großeltern, und indem du deine Betroffenheit zeigst, kannst du das Publikum sehr emotionalisieren. Das konnte man an den vielen Publikumsfragen sehen, denn viele finden in dem Film ihre eigenen Familiengeschichten wieder. Es ist also eine irrsinnig präsente Thematik, wie man mit Vergangenheit umgeht.
Ich habe versucht, nicht vorverurteilend zu sein. Während des Betrachtens des Films kriegt man immer mehr Informationen. Es kumuliert sich und da wirkt hoffentlich die Überzeugungskraft des Films, also die Genauigkeit, die lange Recherche, die dahintersteckt. Auch bei der Musik und bei meinem Voice-over wollte ich vermeiden, zu emotionalisieren. Und wenn sich jemand angesprochen fühlt, dann vielleicht deswegen, weil es ein Thema bleibt in Österreich. In einer Tätergesellschaft kommt nun mal ein Großteil der Menschen aus Täterfamilien, auch nach mehreren Generationen.

Dein Großvater ist verstorben, aber deine Großmutter lebt noch. Wolltest du sie nicht zur Rede stellen und sie nach ihrer Verantwortung fragen?
Das habe ich natürlich gemacht. Das macht ja auch der Film. Der Film enthält mehrere Interviews mit meiner Großmutter. Natürlich habe ich ihr die Frage nach Verantwortung gestellt, aber da bin ich nicht durchgedrungen. Meine Großmutter fühlt sich nicht schuldig oder verantwortlich. Sie äußert sich nicht dahingehend, dass sie meint, sie hätte irgendwo einen Fehler gemacht, bzw. sie tut es damit ab, damals ein unerfahrenes, »junges Mädel« gewesen zu sein.

Die beschauliche Landschaft der Apuanischen Alpen heute © Nils Olger

Die Aufführung hier in Graz war ein großer Erfolg …
Warten wir mal ab. Ich wünsche mir viele weitere Vorstellungen, aber zunächst sind es erst drei Festivals, wo der Film zu sehen war.

Vertrieb hast du keinen?
Sixpackfilm ist mein Vertrieb, aber es gibt keinen Kinoverleih. Weil das im österreichischen Fördersystem leider so funktioniert, dass erst durch die – bei mir ausgebliebene – Beteiligung der größeren Filmförderstellen der Verleih Förderungen für den Kinoeinsatz erhält.

Dein Plan für die nächste Zukunft ist, dass du zu vielen Festivals fährst?
Zunächst Festivals und dann jede mögliche Location, die interessiert ist, den Film zu zeigen. Soweit ich kann, werde ich da dann vor Ort zum Film sprechen.

Diese Publikumsgespräche vor und nach dem Film, sind die für dich inzwischen schon etwas Anstrengendes?
Ich schätze auf jeden Fall den Austausch mit dem Publikum. Das ist für mich sehr spannend. Es ist natürlich Teil der Arbeit und emotional nicht immer ganz einfach.

Inwiefern?
Also ich mach’ einen Film und dann ziehe ich mich gern auch wieder zurück. Ich stehe lieber hinter der Kamera.

Obwohl das oft auch ein möglicher Vorwurf sein könnte, dass man nicht weiß, wer den Film macht. Und es gibt ja auch viele, die selbst in Erscheinung treten und zeigen: »Ich mach diesen Film und habe dieses Anliegen.«
Das war eine klare Entscheidung. Aber ich wusste, der Film braucht meine Person, weil es eben eine sehr persönliche Geschichte ist, und wollte das mit einem Kommentar lösen, den ich selber spreche. Das habe ich ausprobiert und es war stimmig und ist daher so geblieben.

Deine Stimme hat mich auch beeindruckt, weil du so schön ruhig und klar sprichst. Was dich sehr greifbar macht als Person. In einer Weise wie es notwendig und gut für den Film ist.
Es war mir schon wichtig, dass es auch im Tonfall nicht komplett distanziert wirkt.

Der dunkle Schatten der Besatzer © Nils Olger

Willst du noch etwas ergänzen, was für dich bei dem Arbeiten mit dieser Geschichte am heftigsten war?
Es war anfangs schwierig, an die Entstehungsorte der Fotos zu fahren und zu wissen, dass die Einheit meines Großvaters dort abscheuliche Massaker an Zivilist*innen – vorrangig älteren Menschen, Frauen und Kindern – begangen hat. Gleichzeitig sind die Fotos Relikte des Nationalsozialismus, mit denen man spazieren fährt und sie herzeigt. Es war mir unangenehm und ich wusste nicht, wie die Leute darauf reagieren würden. Aber das Vertrauen, das mir vor Ort von Überlebenden und Nachkommen von Opfern entgegengebracht wurde, hat mich bestärkt und mir diese Angst wieder genommen. Letztlich war das ein positives Erlebnis.

Was hat die Arbeit an dem Film bei dir ausgelöst und wie hat deine Familie reagiert?
Das positive Bild meines Großvaters hat sich sehr ins Gegenteil gekehrt. Und diese Erkenntnis fällt jetzt leichter, als wenn er noch am Leben wäre. Aber eine Auseinandersetzung damit hat er selbst Zeit seines Lebens vermieden. Bezüglich meiner Familie, mein Vater hat den fertigen Film erst bei der Filmpremiere im Rahmen der Viennale gesehen. Er war – nach eigener Schilderung – sehr nervös davor, ist aber dann sogar zur zweiten Vorstellung gekommen und hat sich beim Publikumsgespräch sehr offen zu Wort gemeldet. Ich hab’ das Gefühl, dass es bei ihm etwas angestoßen hat, und hoffe, dass er nicht mehr verdrängt, dass sein Vater in der Waffen-SS war und was das impliziert.

Der Film ist demnächst auch beim Jüdischen Filmfestival in Wien zu sehen:

7. Mai 2019, 20:15 Uhr, Votivkino
11. Mai 2019, 18:00 Uhr, Metro Kinokulturhaus

Link: https://www.jfw.at/eineeisernekassette

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