Hinterzimmer Records: Ein paar Takte Musik für den Darkroom der Death Disco

Eruptionszentrum Bern: Mit seinen ersten beiden VÖs »Kielholen« des Berner Lärmkollektivs HERPES Ö DELUXE und »Fireproof in 8 Parts« des umtriebigen Schweizer Klangkünstlers RETO MÄDER aka RM74 setzt das Berner Label Hinterzimmer ein heftiges Statement zur aktuellen, post-industriellen Noise- und Collagenmusik. Wenn ich mir ähnlich gelagerte Projekte wie Voice Crack, Sudden Infant oder die Wahnsinnigkeiten rund um die Schimpfluch-Gruppe vergegenwärtige, kommt mir die Schweiz als Produktionsstandort für schräge Sounds sehr geeignet vor. Hinterzimmer, 2006 von Mäder/Roger Ziegler (Herpes) gegründet, knüpft an diese Vorgaben fast nahtlos an, auch was die Covergestaltung anlangt. »Kielholen« ist eine Art Collage der Collage: Das seit 1995 aktive Quartett HERPES Ö DELUXE ist für seine schier bodenlos mäandernden Live-Improvisationen berüchtigt, für die reguläre, aber besonders »irreguläre« Soundquellen wie selbstgebaute Instrumente, Turntables und gegen den Strich gebürstete Rhythmusmaschinen herhalten. Für vorliegende CD wurden von Mäder sieben bis zu 50 Minuten lange Stücke aus der Periode 1997–2005 aus dem Archiv geborgen und zu Outtakes von halbwegs durchschnittlicher Länge kompiliert. Auf den Stücken selbst geht es in Richtung bruitistischer Klangkaskaden, stehender Feedback-Drones, atmosphärischem Rauschen und ab und an recht heftiger Krachattacken; Frontalokkupation von Körper und Lauschmuscheln. Ein definitiv geglückter Versuch, das »Live-Gefühl« auf das beschränkende Format CD zu bannen.

RM74 (Domizil, dOc) schaltet einen Gang zurück. »Fireproof« kommt als CD mit einer Bonus-CD in formschöner A5-Pappverpackung daher, allein das freut das Sammlerherz. In den insgesamt 15 Nummern dominieren Klavier- und Feedback-Sequenzen. RM74 arbeitet sich mit tatkräftiger Unterstützung von Ralf Wehowsky (RLW), Alexei Borisov und anderen an post-industriellen Dekonstruktionstaktiken ab, diese sind aber weniger dem Edikt »Lärm« geschuldet als Cut-Ups aus strangen Orgeltunes, wildgewordenen Bassläufen und jeder Menge kaputter Electronica-Schnipsel. Auf »Part 9: LoFire« präsentiert sich Mäder als elektroakustischer »Songwriter«, der schwerstens die amerikanischen Minimalisten aufgesogen hat und um kleine Audio-Hinterfotzigkeiten sicher nicht verlegen ist.

Drei Scheiben also, die sich perfekt für den Darkroom = Hinterzimmer in der Death Disco Ihres Vertrauens eignen. Dranbleiben!