Kris Kuldkepp © Karin Weissenbrunnen
Kris Kuldkepp © Karin Weissenbrunnen

Experimentelle Twilight Zone im Klanghaus Untergreith

Sound Artists transformieren Klang in Zwischenräume. Zwischen Sprachen, Kulturen, musikalischen Idiomen und Wahrnehmungsweisen fungieren Klänge als Form von Begegnung. »zwischensprachen – zwischenmenschen« titelt der diesjährige Klangzeit Festival Sommer in St. Johann/Saggautal am 25. Juli.

Brückenschläge zwischen divergierenden Ausdrucksformen, welche die Grenzen von Sprache, Klang und menschlichem Zusammenfinden nicht sprengen, sondern sinngemäß neu austarieren, locken ein interessiertes Publikum in die Südsteiermark. Die diesjährige Sommer-Edition des Klangzeit Festivals findet am 25. Juli 2026 ab 17:00 Uhr im Klanghaus Untergreith vor der idyllischen Naturkulisse einer hügeligen Weinbaulandschaft statt. Um die Umsetzung des Mottos »zwischensprachen – zwischenmenschen« zu verstehen, hat skug der Kuratorin Mia Zabelka, die auch die One Night Band, die alle performenden Künster*innen vereinigt, leiten wird, zwei E-Mail-Fragen gestellt. Hier die ausführlichen Antworten.

skug: »zwischensprachen – zwischenmenschen«das heurige Motto der Klangzeit Sommerausgabe, lässt zunächst an Artists denken, die ihre Stimme zum Instrument erheben, etwa Meredith Monk, Sainkho Namchylak oder Jaap Blonk … Schwebten diese Vokalist*innen dir auch irgendwie beim Erstellen des Programms vor, weil deren Klangsprachen sehr eigenständig sind?

Mia Zabelka: Tatsächlich sind das Künstlerpersönlichkeiten, die auf sehr unterschiedliche Weise gezeigt haben, dass Stimme weit mehr sein kann als Trägerin von Sprache. Meredith Monk, Sainkho Namchylak oder Jaap Blonk haben Klangsprachen entwickelt, die sich zwischen Musik, Körper, Laut, Bedeutung und Kommunikation bewegen – und damit natürlich Themen berühren, die auch im Festivalmotto mitschwingen.

Das Programm ist allerdings nicht von einzelnen Vorbildern oder einer bestimmten vokalen Tradition ausgegangen. Ausgangspunkt war vielmehr die Frage, wie Menschen heute miteinander in Beziehung treten – gerade dort, wo Sprache nicht ausreicht oder an ihre Grenzen stößt. Uns interessiert Klang als Form der Begegnung: als etwas, das Verständigung ermöglichen kann, ohne alles erklären zu müssen.

Deshalb umfasst das Festival sehr unterschiedliche künstlerische Positionen. Manche arbeiten tatsächlich mit der Stimme als eigenständigem Instrument, andere mit elektronischen, instrumentalen oder performativen Ausdrucksformen. Gemeinsam ist ihnen die Erforschung von Zwischenräumen – zwischen Sprachen, Kulturen, musikalischen Idiomen und Wahrnehmungsweisen.

Insofern sind Künstler*innen wie Meredith Monk oder Jaap Blonk weniger konkrete Bezugspunkte als Teil eines größeren künstlerischen Denkens: Sie haben den Raum dessen erweitert, was wir als Sprache, Musik und Kommunikation verstehen. Genau dieser offene Raum interessiert auch das Klangzeit Festival – nicht als stilistische Vorgabe, sondern als Einladung, neue Formen des Hörens und der Begegnung zu entdecken.

Mia Zabelka © Mia Zabelka

Vielleicht ist es einfacher, die Position der Klangschaffenden näher zu beleuchten. Wie setzt beispielsweise Sue Koppel ihre Sounds als Medium des zwischenmenschlichen Austauschs, aber auch der Irritation um?

Sue Koppel ist dafür ein besonders schönes Beispiel, weil sie den Begriff »Klang« nicht auf das Hörbare beschränkt. Sie arbeitet mit dem Körper als Resonanzraum und mit Bewegung als einer Form von Sprache. In ihren Performances entstehen Kommunikation und Bedeutung oft aus Gesten, Blicken, Atem, Rhythmus und Präsenz – also aus Ausdrucksformen, die noch vor oder jenseits der gesprochenen Sprache liegen.

Gerade dadurch entstehen Momente des Austauschs, aber auch der Irritation. Das Publikum kann sich nicht auf vertraute sprachliche Codes verlassen, sondern ist eingeladen, genauer hinzusehen und hinzuhören. Diese Verunsicherung ist bei Sue Koppel kein Selbstzweck, sondern eröffnet einen Raum, in dem neue Formen der Verständigung möglich werden.

Das passt sehr gut zum Motto »zwischensprachen – zwischenmenschen«. Es geht nicht darum, Sprache zu ersetzen, sondern darum, jene Zwischenräume sichtbar und hörbar zu machen, in denen Begegnung beginnt – dort, wo wir uns zunächst über Klang, Körper und Aufmerksamkeit verständigen, bevor wir Worte finden. Genau in diesem Dazwischen liegt für mich eine große künstlerische und menschliche Qualität.

Im Duo mit Edith Steyer entsteht ein Dialog, in dem Bewegung und Klang einander wechselseitig beeinflussen. Sue Koppel bringt den Körper als kommunikatives Medium ein, Edith Steyer antwortet mit den klanglichen Möglichkeiten von Saxofon und Klarinette – oft jenseits konventioneller Spielweisen. Es geht dabei weniger um Begleitung oder Illustration als um ein aufmerksames Reagieren aufeinander. Spannend ist, dass sich beide auf ein Terrain begeben, in dem Bedeutung nicht festgelegt ist. Eine Geste kann einen Klang auslösen, ein Atemgeräusch eine Bewegung verändern, eine musikalische Intervention den Verlauf der Performance in eine neue Richtung lenken. So entsteht ein Prozess des Zuhörens und Antwortens, in dem Verständigung und Missverständnis gleichermaßen produktiv werden.

Genau darin spiegelt sich das Festivalmotto »zwischensprachen – zwischenmenschen« wider: Die beiden Künstlerinnen entwickeln eine Form des Austauschs, die nicht von Worten getragen wird, sondern von Aufmerksamkeit, Resonanz und der Bereitschaft, sich auf das Unvorhersehbare einzulassen. Das Publikum erlebt Kommunikation nicht als fertige Botschaft, sondern als etwas, das sich im Moment der Begegnung erst bildet.

Edith Steyer & Sue Koppel © Edith Steyer

Werdegänge der Sound Artists beim Klangzeit Festival Sommer

Alles in allem handelt es sich somit um eine Symbiose aus experimentellen Sounds und Performance. Interessant dabei sind auch die Werdegänge der Auftretenden: Die Estin Kris Kuldkepp ist Kontrabassistin, hat jedoch das Terrain der Klassik und Alten Musik hinter sich gelassen und schafft mit Live-Elektronik, modularem Synthesizer, Field Recordings und Klangobjekten schillernde Klangräume, die auch Improv-Elemente aufweisen. Kuldkepp kooperiert mit interdisziplinären Musiktheater- und Performanceprojekten, gehört dem Kurator*innenteam des Hamburger Vereins Hörbar an und wirkt außerdem am Sound Arts & Creative Music Technology Lab der Musikhochschule Lübeck. 

Die freie Improvisations- und Jazzszene Deutschlands fungiert auch bei Sue Koppel als Katalysator. Nach einigen Jahren theaterpädagogischer Arbeit in Ecuador vervollständigt sie seit 2017 zwischen Physical Theatre, Improvisation und Performance ihre künstlerische Methode des »Free Mime« kontinuierlich. Schon lange bereichert Edith Steyer als Saxofonistin, Klarinettistin und Komponistin die Berliner Improvisations- und Experimentalmusikszene. Präparationen, Elektronik und unorthodoxe Klangmaterialien finden Eingang in ihre Projekte, die Musik, Performance und Raum miteinander verknüpfen. 

Mia Zabelka ist eine renommierte österreichische Komponistin, Violinistin und Vokalistin, die als eine der zentralen Figuren der internationalen elektroakustischen Musik- und Avantgarde-Szene gilt. Mit ihrem Konzept der »Multiversal Music« versteht sie Musik nicht als lineare Abfolge von Tönen, sondern als ein vielschichtiges Geflecht von Klängen, Zeiten, Perspektiven und Wahrnehmungen. In ihren Performances verschränken sich akustische und elektrische Violine, Stimme, Live-Elektronik und computergenerierte Klänge zu einer mehrdimensionalen Klangsprache. Diese Klangsprache erzählt keine Geschichte mit Worten. Sie eröffnet vielmehr einen Raum, in dem Unterschiedliches gleichzeitig existieren kann: Vertrautes und Fremdes, Individuelles und Gemeinsames, Ordnung und Offenheit. Gerade darin spiegelt sich das Anliegen des Festivals wider. Mia Zabelka geht es nicht um eindeutige Botschaften, sondern um das Dazwischen – um jene Momente, in denen Zuhören selbst zu einer Form der Begegnung wird.

Christian Druxs, Resident DJ beim Londoner Fnoob Techno Radio, oszilliert zwischen experimentellem Techno und Acid-Sounds und zeigt sich von Berlin als Melting Pot elektronischer Musik beeinflusst. Der Steirer gründete Little Ibiza Records sowie die Veranstaltungs- und Ausbildungsplattformen My House My Rules My Techno und Never Too Old For Techno, die DJing und Produktion elektronischer Musik fördern. Bevor Druxs auflegen wird, kulminiert das Geschehen: Alle Akteur*innen kommen in der One Night Band, die Mia Zabelka mit E-Violine und Electronic leiten wird, zusammen.

Link: https://klang-haus.at/klangzeitsommer/ 

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