© Kith & Kin Records / Foto: Devrinna Mitchell Maiato
© Kith & Kin Records / Foto: Devrinna Mitchell Maiato

Plattenaufnehmen in der Pampa

Nick Mitchell Maiato hat mit »Náquera« sein zweites Soloalbum veröffentlicht. Die skug-Autoren Ulrich Musa-Rois und Holger Adam haben sich das originelle Werk angehört und stellen es im gemeinsamen Dialog vor.

Wer ist Nick Mitchell Maiato? Als er noch in Manchester, UK, lebte, betrieb er dort das Label Golden Lab Records und veröffentlichte u. a. Musik von Matt Valentine, Neil Michael Hagerty, Heather Leigh, Jon Collin, Marcia Bassett und Samara Lubelski. Er selbst spielte zu dieser Zeit in verschiedenen Underground-Bands (u. a. Desmadrados Soldados De Ventura) und konzentriert sich seit seinem Umzug nach Spanien und an der Seite von James Toth, Hans Chew und Dan Brown auf das internationale Bandprojekt One Eleven Heavy. Kürzlich hat er außerdem die Online-Radio-Station NQRA mit aus der Taufe gehoben und trotz dieser vielfältigen Aktivitäten Zeit gefunden, sein zweites Soloalbum »Náquera« aufzunehmen und bei Kith & Kin zu veröffentlichen. Holger Adam und Ulrich Musa-Rois haben reingehört und rezensieren das Album im Dialog.

Holger: Guten Morgen, Uli! Wir sitzen hier in der deutschen und österreichischen Provinz und hören Nicks neue Platte, so wie Nick in der spanischen Provinz saß und ein Album aufgenommen hat, das von seinen musikalischen Einflüssen – überwiegend amerikanischer Herkunft – auch weit entfernt entstanden ist. 

Ulrich: Guten Morgen, Holger! So sieht es aus. Die Platte ist ja nach Nicks Wohnort Náquera benannt, auch der instrumentale Track »Los Serranos« bezieht sich auf die abgeschiedene Lage am Berg, und mit Nicks Home-Studio als hauptsächlichem Aufnahmeort des Albums hat das Ganze ganz klar einen Bezug zu seiner Umgebung. Dass die musikalischen Einflüsse vorwiegend amerikanischen Ursprungs sind, überrascht nach seinem ersten Soloalbum und den One-Eleven-Heavy-Alben aber auch nicht wirklich.

Holger: Klarer Fall! Und im Prinzip gilt ja für alle, die im weitesten Sinn Rockmusik machen, dass sie das in Europa fern der sozialen und historischen Ursprünge der Musik tun. Aber frappierend fand ich dennoch, wie sehr die Musik (zu den Texten kommen wir vielleicht noch) aus der Zeit gefallen scheint. Mit abgegriffenem Cover und mehr Staub zwischen den Rillen könnte man sie auch für eine vergessene Veröffentlichung aus den 1970ern halten. 

Ulrich: Ja, ich denke Rockmusik der 1970er, sowohl Country als auch West-Coast-Psychedelic-Rock, ist ein eindeutiger Bezugspunkt. Funk ist auch eine klare Zutat und was mir diesmal besonders gut gefällt, sind die R’n’B/Soul-Elemente, vor allem in den Bläserarrangements. 

Holger: Was ich mit meiner Verblüffung noch zum Ausdruck bringen wollte, ist, dass die Aufnahme so klingt wie eines der legendären Alben, die unter Beteiligung vieler (Gast-)Musiker, die sich im Studio die Klinke oder den Joint in die Hand gegeben haben, entstanden sind – ich denke da an David Crosbys »If I Could Only Remember My Name« oder Neil Youngs »Harvest« oder Jefferson Starships »Blows Against the Empire«. In Nicks Fall ist es aber dann so, dass ihm alle Beteiligten digitale Spuren geschickt haben, wie man das eben heute so macht, aber man hört es nicht. Das Album klingt wie aus einem Guss –und dann auch sehr eigen in der Zusammensetzung, wie du schon sagst.

Ulrich: Zusätzlich zu den von dir genannten Beispielen fällt mir als Referenz auch immer wieder Little Feat ein, vor allem was den Stilmix und auch ein gewisses »Prog«-Element betrifft. Ich finde auch, dass das Album sehr stimmig abgemischt ist. In der Verbindung aus moderner, digitaler Technologie, Vintage Gear und einem klassischen Zugang zur Gestaltung eines Albums erinnert es mich auch ein wenig an die zugänglicheren Werke aus dem Umfeld von Matt Valentine, um eine zeitgenössische Referenz zu nennen.

Holger: Wobei Freak-Brother Matt stilistisch dem Folk stärker zugeneigt ist als Nick. Beide eint allerdings ihre Liebe zu The Grateful Dead und mäanderndem Gitarrenspiel. Wenn man dann noch hinzurechnet, dass Nick auf seinem alten Label Platten von Neil Michael Hagerty herausgebracht hat, dann nähert sich die (Ahnen-)Galerie der Gitarristen auch wieder mehr der Gegenwart an. (Im Info zur Platte wird auch noch Televisions Tom Verlaine genannt, das passt auch gut.) Und wenn man das hier so liest, dann wird einem schon klar: Bläser hin, Piano her – Nick ist auch und in erster Linie Gitarrist, das hört man deutlich.

Ulrich: Absolut! Die Gitarrenarrangements auf dem Album sind durchgängig sehr ausgefuchst und anspruchsvoll, gleichzeitig aber sehr musikalisch und eingängig. Ich finde, da merkt man dem Album auch an, dass es in Ruhe und mit viel liebevoller Arbeit entstanden ist. 

Holger: Zeit hat er ja da im spanischen Nirgendwo, nehme ich an. Wobei wir sitzen auch in der Pampa und haben wenig Zeit … Wie dem auch sei und aller geschichtsbewussten musikalischen Bezüge zum Trotz, an den Texten merkt man dann schnell, dass das Album auch in der Gegenwart verankert ist. Bestes Beispiel: die erste Single »Critical Mass« und die darin zum Ausdruck kommende genervte Auseinandersetzung mit dem Elend rum um Social Media, auf die Nick ebenso wenig verzichten kann wie wir. Seine Empfehlung lautet trotzdem Digital Detox und Abstinenz: »Take a hard pass on critical mass / Withdraw, let the trail go cold / Take a hard pass on critical mass / Bail, bounce, cut out, pull the plug«. Zumindest ab und zu bzw. regelmäßig. Wahrscheinlich geht Nick auch mal mit den Hunden raus …

Ulrich: Genau! Wie das ganze Album machen die Texte hier eine klare Verbindung zwischen Moderne und Vergangenheit auf, denke ich. Ein klassischer Anspruch an das, was Musik ausmacht, unter anderem in Form physischer Tonträger, die Nutzung von digitalen Technologien und ein Bewusstsein für die Problematiken, die damit einhergehen, aber gleichzeitig auch ein Verständnis für die teilweise Widersprüchlichkeit des eigenen Umgangs damit finden sich hier sowohl auf musikalischer als auch auf textlicher Ebene. Generell mag ich die Texte sehr gerne, Nick hat einen sehr literarischen Zugang und einen guten Humor.

Holger: Den Namen »Riki Rachtman« musste ich allerdings erst recherchieren, nur um dann festzustellen, dass ich den natürlich aus den »Headbanger’s Ball«-Zeiten kannte. Nick und ich sind derselbe Jahrgang, da spricht er mir mit »No longer rocking out / There’s now a dearth of what / We used to have in surplus« aus der ergrauenden Seele. Was ich sagen will: Zu dem Hin und Her zwischen (auch idealisierter) Vergangenheit und der ganzen (auch lästigen) Gegenwart kommt noch der Umstand, dass man selbst zwar kein Boomer, aber als Mitglied der Gen X nicht mehr der Jüngste ist. Nirvanas »Nevermind« ist 35 Jahre alt!

Ulrich: Tja, die Zeit ist zwar unaufhaltsam, Musik ist aber doch eine der besten Möglichkeiten, deren Verlauf zumindest zeitweise Einhalt zu gebieten. Als zeitbasierte Kunst ist sie immer in Bewegung und vergänglich, gleichzeitig hören wir nach wie vor Werke, die 35, 60 oder mehrere hundert Jahre alt sind, und werden davon beeinflusst. Jerry Garcia meinte einmal, er hätte beim Betrachten der Watts Towers die Eingebung gehabt, dass er keine Kunst machen wolle, die ein unvergängliches Monument hinterlässt, sondern solche, die im Moment existiert. Ich denke, ich verstehe, was er meint, und sehe es auch so, dennoch habe ich mir vor Kurzem ein neues 20-CD-Box-Set einer einzigen Grateful-Dead-Tour bestellt. Also um das wieder auf dein Eingangsstatement zurückzuführen: Auf die Frage nach der Vergänglichkeit ist raus in die Pampa, Platten aufnehmen oder auch hören und besprechen und mit den Hunden spazieren gehen sicher nicht die verkehrteste Antwort, denke ich.

Holger: War das jetzt schon das Schlusswort?

Ulrich: Wie du meinst, ich denke, wir haben eh die wichtigsten Punkte erwähnt und von der Länge her sollte es wahrscheinlich auch passen. Oder fällt dir noch was ein, was wir ansprechen sollten?

Holger: Hm … was mich immer umtreibt, ist die Frage danach, wer eigentlich von diesen Veröffentlichungen angesprochen wird? Wir sind mit Nick durch eine Szene und Aktivitäten darin verbunden und haben ja auch daher nicht zufällig diese Art des »erweiterten« Reviews gewählt. Unser spezieller Zugang mag dann entsprechend tongue-in-cheek bzw. ein wenig verklausuliert wirken, aber andererseits ist diese Art der Thematisierung vielleicht gerade deshalb interessant. Das ist ja auch ein Effekt des Provinziellen: Wir sitzen alle Tausende von Kilometern entfernt und haben verhältnismäßig wenige Kontakte zu den Szenen, auf die sich unsere Interessen beziehen, bzw. stellen wir immer wieder Verbindungen her oder erhalten sie aufrecht: Reviews schreiben, Gigs oder Festivals veranstalten (wie du kürzlich in Waidhofen) etc. Aber die Frage bleibt: Wer wird jetzt aufmerksam auf dieses hybride und eigenwillige, aber organische Blues-Rock-Americana-Country-Funk-und-was-weiß-ich-noch-Album eines Exil-Engländers in Spanien? Auf Schallplatten kleben ja manchmal so Hinweise »für Leute die … mögen«: In Nicks Fall vielleicht The Flying Burrito Brothers, The Grateful Dead, Royal Trux, Little Feat und so weiter – noch Ergänzungen?

Ulrich: Ich denke, so etwas wie Szenen, selbst solche, die sehr regional geprägt sind, sind heutzutage ohnehin oft hybride Gemische aus tatsächlichem Zusammentreffen bei Gigs und weltweiten Verbindungen über soziale Medien, aber auch klassischeren Wegen wie Tape Trading. Zur Frage nach dem angesprochenen Publikum: Ich würde auf jeden Fall noch Los Lobos ergänzen und Fans des 1970er-Outputs der Rolling Stones könnten sicher auch Gefallen an dem Album finden. In Nicks Fall ist auch die durch einen gewissen britischen Blickwinkel gebrochene Adaption von US-Musik eine Parallele, wie ich finde.

Holger: Stimmt! 

Nick Mitchell Maiato: »Náquera« (Kith & Kin)

Link: https://nickmitchellmaiato.com/ 

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