Juliane Streich, Herausgeberin © Christiane Gundlach
Juliane Streich, Herausgeberin © Christiane Gundlach

Tanzt das Patriarchat!

Drei Bücher, unzählige Musikerinnen und eine ziemlich einfache Erkenntnis: Musikgeschichte wurde viel zu lange aus einer männlichen Perspektive erzählt. Juliane Streichs »These Girls« macht sichtbar, was dabei verloren ging – und vereint vergessene Soundschätze, große Ikonen und aktuelle Stimmen.

»There are two kinds of drummers: Moe Tucker and everybody else.« Lou Reed soll das über die Schlagzeugerin von The Velvet Underground gesagt haben. Ein ziemlich großartiger Satz – und vielleicht auch eine ziemlich gute Einleitung in die Welt von »These Girls«. Denn Moe Tucker steht exemplarisch für das, worum es in Juliane Streichs Buchreihe geht: Musikerinnen, die ihren eigenen Sound gefunden, Konventionen ignoriert und Musikgeschichte geprägt haben – auch wenn ihnen die offizielle Musikgeschichte dafür oft – sehr oft! – nicht den gebührenden Platz eingeräumt hat. 2019 erschien »These Girls«, 2022 folgte »These Girls, Too« und Anfang September 2026 nun »These Girls Forever!«. Alle drei Bände wurden im Mainzer Ventil Verlag veröffentlicht. Drei Bände, die nicht den Anspruch erheben, die weibliche Musikgeschichte abschließend zu erzählen. Im Gegenteil: Sie öffnen sie. Hier stehen Ikonen neben Pionierinnen und Wegbereiterinnen, die vergessen, übersehen oder unterschätzt wurden. Musikerinnen vergangener Jahrzehnte treffen auf Frauen, die heute die Charts prägen, Preise abräumen und den Sound der Gegenwart bestimmen. Es geht um große Namen und (mir) völlig unbekannte Künstlerinnen, um Lieblingsplatten und musikalische Obsessionen, um neue Blickwinkel auf weibliche Popkultur – und einfach auch um Lebensgeschichten, die es verdienen, erzählt zu werden. 

Juliane Streich (Hg.): »These Girls. Ein Streifzug durch die feministische Musikgeschichte«, Ventil Verlag, Broschur, 344 Seiten, € 20,00

Wer ist Subjekt, wer Objekt?

Dass der dritte Band ausgerechnet jetzt erschien, ist dabei fast programmatisch: Denn während Taylor Swift, Beyoncé, Billie Eilish oder Rosalía die globale Popkultur prägen wie kaum eine Generation von Musikerinnen zuvor, erinnert die Reihe daran, dass die Branche abseits der weiblichen Superstars männlich dominiert bleibt. Die Frage lautet nicht nur: Wer fehlt in der Musikgeschichte? Sondern auch: Warum fehlen diese Frauen? Wer hat entschieden, wer wichtig ist? Und was hören wir anders, wenn wir den Blickwinkel verändern? Das sind keine rein musikhistorischen Fragen. Sie führen mitten hinein in eine der großen Fragen feministischer Theorie: Wer darf Subjekt sein – und wer wird zum Objekt der Erzählung? Simone de Beauvoir hat es in »Das andere Geschlecht« als Verhältnis zwischen »Subjekt« und »Anderem« beschrieben: Der Mann erscheint als das Allgemeine, die Frau als das Besondere, als die Abweichung vom vermeintlich neutralen Maßstab. Übertragen auf die Musikgeschichte bedeutet das: Der männliche Musiker konnte einfach »Musiker« sein. Die Frau war sehr viel häufiger »Starlett«, »Rockröhre«, »Muse« oder »Freundin von«.

Und genau hier wird die feministische Dimension von »These Girls« interessant. Die drei Bücher holen Frauen nicht einfach nachträglich in eine bereits fertige Geschichte hinein. Sie stellen die Geschichte selbst infrage. Linda Nochlin hat 1971 in ihrem berühmten Essay »Why Have There Been No Great Women Artists?« genau diesen Perspektivwechsel gefordert: Nicht fragen, warum es angeblich so wenige große Künstlerinnen gibt – sondern untersuchen, welche gesellschaftlichen und institutionellen Bedingungen darüber entscheiden, wer überhaupt die Chance bekommt, als groß zu gelten. Die Frage »Warum gibt es keine großen Frauen?« verrät also bereits, wer den Maßstab gesetzt hat.

Ein wunderbares Mixtape

Die Idee für die Reihe war fast schon punkig unakademisch. Juliane Streich stieß im Netz auf eine Liste der besten Punkmusikerinnen und beschloss: Das muss größer gedacht werden. Genreübergreifend. Nicht als Rangliste und schon gar nicht als endgültige Auswahl, sondern eher wie ein Mixtape: persönlich, leidenschaftlich, widersprüchlich. »So viele bemerkenswerte Musikerinnen, mit denen man ganze Plattenregale füllen könnte« schreibt sie – genau dieses Gefühl vermitteln die drei Bücher. Am besten ständig am Nachtkastl liegen haben und immer wieder reinblättern!

Die Texte stammen von zahlreichen Journalist*innen, Musiker*innen, Freund*innen und Fans, darunter Autor*innen wie Anja Rützel, Jens Balzer, Kristof Schreuf und viele mehr. Sie schreiben über Künstlerinnen, die sie geprägt haben, über Bands, Songs und Lieblingsplatten, über Konzerterlebnisse, Obsessionen und Lebensgeschichten. Der Ventil Verlag beschreibt die Beiträge als persönliche Texte über Frauen, die »Musikgeschichte geschrieben haben – oder einfach gute Songs gemacht haben«. Und dieses »oder« ist entscheidend. Denn Musikgeschichte muss nicht immer dort beginnen, wo die großen Namen stehen. Manchmal beginnt sie mit einem Song, den kaum jemand kennt. Mit einer Band, die zu ihrer Zeit übersehen wurde. Mit einer Musikerin, die nie zum Superstar wurde und trotzdem für andere den Weg freigemacht hat. Gerade diese Mischung ist wunderbar: Weltstars treffen auf Außenseiterinnen, große Popdiven auf Newcomerinnen, Kanonisiertes auf Wiederentdeckungen. Die Texte folgen dabei bewusst keiner vermeintlich objektiven Hierarchie, sondern oft persönlicher Begeisterung und musikalischer Obsession. Tatsächlich also ein Mixtape – eines, bei dem dich nach jedem Song schon der nächste interessiert. 

Juliane Streich bringt diese unterschiedlichen Geschichten zusammen. Ihre These ist dabei schlicht: »Die Frau in der Musik ist so vielfältig wie die Musik an sich.« Deshalb sind gerade die Namen am Rand so wichtig. Delia Derbyshire etwa, die als Mitglied des BBC Radiophonic Workshop den ikonischen »Doctor Who«-Sound erfand und die elektronische Musik mitprägte; Limpe Fuchs, deren Arbeit zwischen experimenteller Musik, Klangkunst und Performance jede Schublade sprengt; Malaria! aus Berlin; Kleenex/LiLiPUT aus Zürich; Yeastie Girlz; Team Dresch. Dazu kommen Musikerinnen wie Karen Dalton, Pauline Oliveros, Cosey Fanni Tutti oder Terre Thaemlitz. Sie sind keine Fußnoten zu einer Geschichte, die von anderen handelt. Sie sind Mittelpunkt der Geschichte.

Juliane Streich (Hg.): »These Girls, Too. Feministische Musikgeschichten«, Ventil Verlag, Broschur, 304 Seiten, € 24,00

Sichtbarkeit ist Macht

Das ist vielleicht die wichtigste Erkenntnis der Reihe: Die Frauen fehlen nicht. Der Blick auf sie fehlt. Natürlich gab es Sängerinnen und Songwriterinnen, Schlagzeugerinnen und Bassistinnen, Produzentinnen und Gitarristinnen. Sie gründeten Bands, Labels und Szenen, entwickelten Sounds und beeinflussten Generationen. Sie standen auf Bühnen, saßen in Studios, schrieben Songs und produzierten Platten. Nur wurden sie sehr viel seltener bekannt und noch viel seltener zu Superstars oder Genies erklärt. Und das ist kein rein historisches Problem. Noch immer ist die Musikbranche strukturell männlich geprägt. Ein besonders drastisches Beispiel lieferte Rock am Ring 2025: Rund 92 Prozent der Acts waren männlich besetzt. Der Blick auf jedes x-beliebige zeitgenössische Festival enthüllt kaum ein ausgewogeneres Geschlechterverhältnis.

Gleichzeitig scheint die Gegenwart auf den ersten Blick längst weiblich dominiert: Beyoncé, Taylor Swift, Billie Eilish, Lady Gaga, Rosalía und viele andere Frauen füllen Stadien, brechen Streaming-Rekorde und gewinnen Preise. Das Paradox ist offensichtlich: Frauen sind sichtbar wie nie – und trotzdem ist die Struktur dahinter noch immer männlich. Wer wird gebucht? Wer produziert? Wer sitzt hinter dem Mischpult? Wer bekommt Festival-Slots? Wer schreibt die Musikgeschichte? Und wer schreibt über die Musikgeschichte? Jenseits der Megastars bleiben Produktionsstrukturen und Aufmerksamkeiten in vielen Bereichen weiterhin ungleich verteilt. Denn Sichtbarkeit ist niemals nur eine Frage des Gesehenwerdens. Sie ist eine Frage der Macht. Wer sichtbar ist, kann als Vorbild existieren; wer unsichtbar bleibt, kann schwerer erinnert, zitiert und ja, auch schwerer entdeckt werden. Feministische Theorie hat deshalb immer auch mit Archiven zu tun: mit der Frage, wessen Leben, Arbeit und Stimme aufgehoben werden und wessen Spuren verschwinden.

Feminismus hat viele Gesichter

Virginia Woolf hat für die Literatur die berühmte Forderung formuliert: »A woman must have money and a room of her own if she is to write fiction.« Ein eigenes Zimmer steht dabei für weit mehr als einen physischen Raum. Es geht um Zeit, Geld, Bildung, Unabhängigkeit und die Möglichkeit, sich der eigenen Arbeit zu widmen. Übertragen auf die Musik könnte man fragen: Wie viele Frauen hatten tatsächlich ein Studio, ein Instrument, Zugang zu Technik, Geld für eine Tour, Zeit zum Proben – und die Freiheit, einfach als Künstlerinnen ernstgenommen zu werden? Wer konnte tatsächlich ihre Geschichte erzählen?

Eine der klügsten Entscheidungen der Bücherreihe ist auch, dass nicht jede porträtierte Musikerin einen feministischen Gesinnungstest bestehen muss. Denn feministische Wirkung und feministische Selbstbeschreibung sind nicht zwangsläufig dasselbe. Eine Frau kann Räume verändern, ohne ein Manifest zu schreiben. Sie kann für andere Frauen zum Role Model werden, ohne sich selbst als solches zu bezeichnen. Sie kann einfach eine Bühne betreten, ein Instrument nehmen und etwas tun, das nicht vorgesehen war. Manchmal ist Feminismus ein politischer Song. Manchmal eine Gitarre. Manchmal ein Schlagzeug. Manchmal ein Körper, der sich weigert, den Erwartungen anderer zu entsprechen. Und manchmal sind es eben fünf Frauen in Miniröcken, die »Girl Power« zum globalen Popbegriff machen. Die Spice Girls sind dafür ein perfektes Beispiel. Man kann ihre Vermarktung kritisieren, ihre Inszenierung, die Mechanismen der Popindustrie. Aber man kann nicht ignorieren, was es für Millionen Mädchen bedeutete, Frauen auf einer Bühne zu sehen, die Selbstbehauptung, Freundschaft und weibliche Eigenständigkeit zum Popereignis machten.

Wie tief die alten Rollenbilder reichen, zeigen auch die Geschichten, die in der Reihe sichtbar werden. »Die deutsche Frau raucht nicht, trinkt nicht …« – so lautete einmal die gesellschaftliche Vorstellung von weiblicher Anständigkeit. Mit Sex, Drugs & Rock’n’Roll hatte das wenig zu tun. Gerade deshalb war Musik für viele Frauen auch ein Ort der Selbstermächtigung. Sie konnten damit laut sein, sich selbst bestimmen, ihre Geschichte erzählen. Die drei Bände sind deshalb weit mehr als eine Sammlung von Musikerinnenporträts. Sie verändern den Blick auf die gesamte Musikgeschichte. Denn sobald vergessene Namen auftauchen, verschieben sich auch die bekannten. Amy Winehouse erscheint nicht mehr nur als tragische junge Frau mit einer außergewöhnlichen Stimme, sondern als hochbegabte Songwriterin und Musikerin mit einer ganz eigenen musikalischen Tradition. Joan Jett ist nicht nur die Rockikone mit Lederjacke, sondern eine Frau, die sich in einer zutiefst männlich geprägten Rockwelt behauptete. Und Moe Tucker ist eben nicht »die Frau am Schlagzeug von The Velvet Underground«, sondern Moe Tucker. 

Juliane Streich (Hg.): »These Girls Forever! Ikonen feministischer Musikgeschichte«, Ventil Verlag, Broschur, ca. 240 Seiten, € 24,00

Frauen als Role Models

Vielleicht braucht es genau diese Haltung: nicht mehr fragen, ob Frauen in der Musikgeschichte ihren Platz verdienen. Sondern endlich erkennen, dass sie längst einen hatten. Denn genau hier liegt die eigentliche Pointe feministischer Erinnerungspolitik: Es geht nicht darum, Frauen nachträglich zu Heldinnen zu machen. Es geht darum, die Bedingungen sichtbar zu machen, unter denen manche zu Held*innen erklärt und andere vergessen wurden. Es geht auch darum, den Begriff des Genies selbst zu hinterfragen. Warum erscheint musikalische Größe so oft als männlicher Schöpfungsakt – und so selten als Ergebnis von Zusammenarbeit, Szene, gegenseitiger Inspiration, Care-Arbeit oder kollektivem Wissen?

Warum das so wichtig ist, zeigt sich nicht nur rückblickend, sondern auch in der Gegenwart. Ein Mädchen, das eine Frau auf der Bühne sieht, bekommt nicht bloß ein Vorbild. Es bekommt eine Vorstellung davon, was möglich ist. Role Models sind deshalb keine hübschen Zusatzfiguren der Popgeschichte. Sie sind Infrastruktur. Und genau deshalb ist es so wichtig, dass die drei Bände nicht nur die berühmten Namen versammeln. Sie zeigen auch jene Frauen, die zu ihrer Zeit zu laut, zu wütend, zu sexy, zu schwierig, zu glamourös, zu politisch oder schlicht »zu viel« waren. Frauen, die nicht in das Bild passten. Frauen, die ihren eigenen Weg gingen. Frauen, deren Musik geblieben ist, auch wenn ihr Name aus den großen Erzählungen verschwunden ist. 

Und: Sichtbarkeit erzeugt Möglichkeit. Wer keine Vorbilder sieht, muss sich seine Möglichkeit erst selbst erfinden. Weibliche Musikgeschichte besteht nicht aus einigen wenigen Ausnahmefrauen. Sie ist dicht, widersprüchlich und riesig! Eine sehr schöne politische Qualität dieser musikalischen Streifzüge ist auch: Sie sind kein neuer starrer Kanon. Sie erreichen etwas viel Spannenderes: Sie wecken Neugierde. Und plötzlich möchte man Bessie Smith hören, Little Simz, Vashti Bunyan oder Betty Davis. Man möchte Namen googeln, Platten suchen, Playlists anlegen und auch die eigene Musikgeschichte neu sortieren! Man kann die drei Bücher lesen wie eine Musikgeschichte – oder wie eine Einladung zum Weiterhören. Ergänzend zu den Büchern bietet sich die Begleit-Playlist auf Spotify an, die diesen vielstimmigen Kanon direkt ins Ohr bringt.

Musikgeschichte ist weiblich

Eine der größten Stärken von »These Girls«: Die dreiteilige Reihe fügt der Musikgeschichte nicht einfach ein paar Frauen hinzu. Sie verändert die Frage, was überhaupt als Musikgeschichte gilt. Und plötzlich ist da nicht mehr nur eine Geschichte der großen männlichen Rockstars, der Genies und Gitarrenhelden. Da sind Édith Piaf und Billie Holiday, Patti Smith und Joan Jett, Nina Simone und Aretha Franklin, Björk und Kim Gordon, Beyoncé und Missy Elliott, Peaches und Lauryn Hill, Neneh Cherry und Billie Eilish. Da sind Punkerinnen, Popstars, Produzentinnen, Avantgardistinnen, Chansonnières, Rapperinnen, Rockmusikerinnen. Ikonen. Wegbereiterinnen. Pionierinnen. Wiederentdeckte Heldinnen. Und Frauen, die gerade erst dabei sind, ihre eigene Geschichte zu schreiben. Und mit dem dritten Band kommen noch weitere Stimmen hinzu – von Barbra Streisand und Betty Davis über Malaria! und Sinéad O’Connor bis zu Paula Hartmann und Zaho de Sagazan. Die Geschichte ist also noch lange nicht abgeschlossen. Sie wird immer größer. Und sie wird, hoffentlich, immer selbstverständlicher. Die Musik war immer da. Die Frauen auch. Jetzt müssen nur noch alle zuhören. Oder wie Herausgeberin Juliane Streich es formulierte: »Gründet Banden und Bands … tanzt das Patriarchat!«

Links: https://www.ventil-verlag.de/titel/these-girls/
https://www.ventil-verlag.de/titel/these-girls-too/
https://www.ventil-verlag.de/titel/these-girls-forever/ 

favicon

Unterstütze uns mit deiner Spende

skug ist ein unabhängiges Non-Profit-Magazin. Unterstütze unsere journalistische Arbeit mit einer Spende an den Empfänger: Verein zur Förderung von Subkultur, Verwendungszweck: skug Spende, IBAN: AT80 1100 0034 8351 7300, BIC: BKAUATWW, Bank Austria. Vielen Dank!

Ähnliche Beiträge

Nach oben scrollen