Endlich kümmert sich wer um die echten Krisen! Sängerin Rahel verblüfft mit erfrischender Unkompliziertheit – so frei von Nuancen, das muss man sich erst einmal trauen! – und das Netz schäumt. Ernsthaft: Das aktuelle »trending« Instagram-Reel zu Ludwig Hirsch lässt einen etwas fassungslos zurück. Denn dieses Gebärden als moralische Instanz zeigt ein tiefgreifendes Unverständnis dafür, wie Gesellschaftskritik funktioniert. Es gehört zu den Eigentümlichkeiten unserer Gegenwart, dass wir zwar über immer mehr Informationen verfügen, zugleich aber immer weniger bereit scheinen, Ambivalenzen auszuhalten. Wo früher Interpretation begann, gibt es heute oft schon das (fertige) Urteil. Kunst wird nicht mehr gelesen, sondern gescannt; nicht mehr verstanden, sondern moralisch abgeklopft. Ein einzelner Satz genügt, um ein Werk zu diskreditieren, ein einzelnes Bild, um eine*n Künstler*in zur*zum Angeklagten zu machen.
Kritik ohne Kontext
Die Empörungswelle um Ludwig Hirsch, dem von Sängerin Rahel in einem Instagram-Reel vorgeworfen wird, in seinem Lied »Spuck den Schnuller aus« von seinem Album »Dunkelgraue Lieder« (1978) Pädophilie zu zelebrieren, ist durchaus »bemerkenswert«. Nicht deshalb, weil Kritik an Kunst unzulässig wäre – sie ist notwendig und Ausdruck einer lebendigen Kultur. Bemerkenswert ist vielmehr die Art der Kritik: Sie verzichtet auf Kontext, auf Interpretation und letztlich auf die grundlegende Fähigkeit, zwischen Darstellung und Zustimmung zu unterscheiden. Gerade diese Unterscheidung aber bildet schon seit Aristoteles das Fundament jeder Kunstbetrachtung und ignoriert das grundlegende Prinzip der Kunst, dass eine Perspektive eingenommen werden kann, ohne sie zu teilen.
Ein Dramatiker, der einen Mörder auftreten lässt, fordert nicht zum Mord auf. Shakespeare war kein Tyrann, weil Richard III. intrigierte. Dostojewski war kein Verbrecher, weil Raskolnikow tötete. Jelinek ist keine Pornografin, weil sie über sexuelle Gewalt schreibt. Und Tarantino verherrlicht Gewalt nicht, weil sie in seinen Filmen vorkommt. Wer Kunst mit ihrem Gegenstand verwechselt, löst jede Form von Theater, Literatur, Film oder Musik in moralische Protokolle auf. Diese Verwechslung von der Darstellung eines gesellschaftlichen Missstandes mit dessen Verherrlichung ist der intellektuelle Bankrott der Empörungskultur. Wer diese essenzielle Distanz zwischen Autor*in und Erzählfiguren einebnet, beraubt die Kunst ihrer wichtigsten Fähigkeit: Widersprüche, Abgründe und unbequeme Wahrheiten zu thematisieren, ohne sie dadurch gutzuheißen.
Ludwig Hirsch arbeitete mit Überzeichnung, schwarzem Humor und grotesken Bildern. Seine Figuren sprechen aus den Abgründen der Gesellschaft. Sie verkörpern das Verstörende, nicht das Erstrebenswerte. Sein Lied »Spuck den Schnuller aus« ist natürlich kein pädophiles Manifest, sondern ein satirischer Blick auf die gesellschaftliche Übersexualisierung, manifestiert als makabrer Totentanz durch die deformierte Welt der Märchen und ihrer Schattenseiten. Gerade die Übertreibung erzeugt Distanz. Sie zwingt Hörer*innen dazu, über das Dargestellte nachzudenken. Wer darin Zustimmung erkennt, verwechselt die künstlerische Bühne mit der Wirklichkeit. Das wirkt ungefähr so, als würde man dem*der Wetteransager*in vorwerfen, für den Regen verantwortlich zu sein.
Die Algorithmen der Empörung
Der französische Philosoph Paul Ricœur sprach von der »Hermeneutik des Verdachts«. Gemeint war ursprünglich die Fähigkeit, hinter das Offensichtliche zu blicken und kritisch zu denken. Heute scheint daraus eine Hermeneutik des Misstrauens geworden zu sein. Nicht mehr die Frage »Was will dieses Werk zeigen?« steht im Mittelpunkt, sondern »Welches moralische Vergehen lässt sich darin entdecken?« Das ist symptomatisch für eine Debattenkultur, die Kunst nicht mehr im Kontext ihrer intendierten Aussage versteht, sondern anhand isolierter Motive – oder in diesem Falle Zeilen – moralisch bewertet.
Das Reel von Sängerin Rahel wirkt weniger wie der Versuch einer ernsthaften kulturhistorischen Einordnung, sondern wie klassischer Ragebait – zugespitzte Vorwürfe, maximale Empörung und eine Dramaturgie, die vor allem darauf ausgelegt scheint, Klicks zu generieren. Diese Empörungskultur ist das Produkt einer Aufmerksamkeitsökonomie, in der moralische Entrüstung zur Währung geworden ist. Diese Kultur benötigt Täter*innen und Opfer, Schuldige und Ankläger*innen. Algorithmen verstärken dieses Prinzip. Empörung ist längst nicht mehr das Nebenprodukt von Debatten – sie ist das Geschäftsmodell.
Paradoxerweise ähnelt diese Form der Kulturkritik genau jenem Denken, gegen das sie sich richtet. Fundamentalismus beginnt immer dort, wo Mehrdeutigkeit als Gefahr empfunden wird. Totalitäre Systeme hatten stets Schwierigkeiten mit Ironie, Satire und Ambivalenz. Denn wer nur eine zulässige Lesart akzeptiert, macht Interpretation überflüssig. Eine Gesellschaft, die Verstehen durch Verurteilen ersetzt und nur noch moralisch einwandfreie Kunst zulässt, verliert am Ende nicht nur ihre Kunst. Sie verliert ihre geistige Freiheit. Eine Gesellschaft, in der Linke andere Linke »canceln« und dabei die Mechanismen bedienen, die sonst von rechten Kulturkämpfer*innen bedient werden, zeigt auch, wie weit sich Teile aktueller Debatten von einer differenzierten Kunstbetrachtung entfernt haben. Und am Ende einer solchen Entwicklung gewinnen nicht diejenigen, die für eine gerechtere Gesellschaft kämpfen, sondern jene, die von der gesellschaftlichen Spaltung profitieren!











