Lingua Ignota © Donaufestival

Eruption vs. Erosion

Das Leitmotiv des diesjährigen Donaufestivals lautet »New Society«. Der Erosion demokratischer Gesellschaften soll mittels Eruption neuartiger Dispositionen vorgegriffen und Einhalt geboten werden. Wir werden sehen, was da noch alles möglich ist.

Fast wäre es noch schief gegangen, indes wählte man mit »New Society« doch ein angemessenes Leitmotiv aus dem Œuvre des unsterblichen John Cale aus. Nicht auszudenken hätte man sich auf Themen wie »Words For The Dying«, »Fear Is A Manʼs Best Friend« oder gar »Walking On Locusts« verabredet. Gewiss hätte man da dörflich in die Pampe treten können.

Dank des langjährigen Leiters des Festivals, Tomas Zierhofer-Kin, erlangte das Donaufestival international einen fabelhaften Ruf. Den will Thomas Edlinger (FM4 »Im Sumpf«) freilich auch im dritten Jahr seiner Leitung nicht verspielen. So ist Weltoffenheit nach wie vor ein zentrales Anliegen, wobei der Fokus im Musikbereich oft auf Berlin gerichtet wird. Recht so, solange das avantgardistische Fest nicht zum Kopierapparat gerät. Denn ostentative Retro-Future verortet das Gros des Pop ohnehin ins unsägliche Geschäftsviertel. Doch die fortschrittliche Kremser Plattform für Kunst im pop- und subkulturellen Kontext leistet nach wie vor gegen jeglichen Zerfall Widerstand. In Zeiten wie diesen zweifellos absolut notwendig. Siehe auch den hier anschließenden Programmpunkt »Theorie & Talk«.

Katharina Ernst © Michael Breyer

Weekend 1, Freitag, 26. April 2019
DJ-Line: Day 1 | SISTERS U.S.Q. – United Sisters of Queertopia
Katharina Ernst, die exzellente multidisziplinäre Wiener Schlagzeugerin, nun in Berlin lebend, wartet mit abstrakten Kompositionen und einer polyrhythmischen Solo-Performance auf. Ihr Drum-Set erweitert sie mit Gong und viel Tamtam, Drum-Synthesizer sowie allerlei Krimskrams und dabei fabriziert sie zweifellos Erstaunliches. Ihr abwechslungsreiches Spiel ist einerseits komplex, beinhaltet andererseits aber auch repetitive Trance-Parts. Ernst versteht es, auf fantasievolle Weise und mit unprätentiöser Gewandtheit, ihrer Aufführung Leben einzuhauchen. Ihr Solo-Debütalbum »Extrametric« war im Vorjahr auch in unsrer skug-Bestenliste vertreten. • Als Giant Swan beschäftigen sich Robin Stewart & Harry Wright (Bristol) ausgiebig mit aggressivem Industrial Dance und hypnotischen Techno-Beats, wovon man sich bereits im Berghain und beim Unsound-Festival überzeugen konnte. • Die aus Norwegen stammenden Årabrot sind eine der führenden kontinentaleuropäischen Alternative-Rocker. Obwohl sie auch auf ihrem aktuellen Album »Who Do You Love« Portionen von Noise anbieten, warten sie nunmehr, nicht zuletzt dank einem Cover des traditionellen amerikanischen Negro Spirituals »Sinnerman« (dereinst Nina Simone) sowie der Bereicherung um Karin Parks Vocals, mit einem breiteren musikalischen Spektrum auf. • Tyondai Bracton war bis 2010 Mitglied der Band Battles, die hierorts bereits zugegen war. Seitdem kollaboriert er bei diversen Projekten (u. a. mit Mouse On Mars oder Dirty Projectors) und konzentriert sich solo auf Komposition und Synthesizer. Album: »HIVE1« (2015); EP: »Oranged Out« (2016). • Das Musikprogramm eröffnet in der Minoritenkirche der aus Israel stammende und in New York ansässige avantgardistische Gitarrist und Komponist Yonatan Gat mit The Eastern Medicine Singers, einer Gruppe von Trommlern aus dem Volk der Algonkin, nun in Rhode Island beheimatet. Sein diverse Traditionen verschmelzendes, psychedelisches Gitarrenspiel gleicht mitunter auch einem Faksimile rebellischer malischer Bands. • Den musikalischen Reigen im Stadtsaal eröffnet die düstere, schwedische Sängerin und Pianistin Anna von Hausswolff: »My feet are not enough, my love is not enough… to save me« (aktuelles Album: »Dead Magic«. Welch Mirakel.

Anna von Hausswolff – »The Mysterious Vanishing of Electra«

Katharina Ernst – »Extrametric X_01«

Weekend 1, Samstag, 27. April 2019
DJ-Line: Day 2 | DJ Engelsharfen & Teufelsgeigen
Auch der erste Samstag geizt keineswegs mit Höhepunkten: Holly Herndon wird, so wie hierorts bereits im Jahre 2013 und beim Hyperreality im Rahmen der Wiener Festwochen 2017, Techno und Neue Musik vereinen und ihre Stimme(n) zerfieseln bzw. vervielfältigen. Ihr brandneues Album: »Proto« wird im Mai veröffentlicht! • Lonnie Holley, einst Totengräber und Müllsammler, wachte im fucked-up America bei wieder erstarktem Rassismus auf. • Als in Paris lebende und in Teheran aufgewachsene und einstige NYC-Bewohnerin kann LAFAWNDAH überzeugend Globalisierungspop auswerfen. • Weiters: Khalab (»Black Noise 2084« vom italienische DJ/Produzenten). Feldermelder plays Erratic (Schweizer Produzent transformiert Alltagsgegenstände in psychedelische Soundscapes). Ben LaMar Gay (eklektischer Jazz-Gitarrist verspricht »Downtown Castles Can Never Block The Sun«). N-Prolenta (Transgender-Künstler aus North Carolina erforscht Black Identity mit Industrial Drones im Multimedia-Setting). Lingua Ignota (Mit nicht weniger als Exorzismus in Black und Doom Metal wartet die US-amerikanische Sängerin/Produzentin Kristin Hayter auf. Nicht nur Hildegard von Bingen rotiert.)

Holly Herndon – »Eternal«

Lingua Ignota – »all bitches die (bitches all die here)«

Lonnie Holley – »I Woke Up…«

Weekend 1, Sonntag, 28. April 2019
Als AAA operiert ein australisches Trio (»A marriage made in heaven«, lt. Realtime) namhafter Avantgardisten: Oren Ambarchi (Gitarrist, von Sunn O))) bis Free Jazz), Robbie Avenaim (Sonic Drummer) und Chris Abrahams (Pianist von The Necks) geben freie Drone-Improvisationen und extremen Noise zum Besten. • Mit außerirdischem Art-Rock und Affinität zu The Knife sowie unerbittlichen Ansagen wie »Patriarchy over & out« und »Misogyny Drop Dead« wartet Planningtorock auf. • Lasst uns nicht von Bankencrashs oder Inseltransfers reden, diffuse Angst und das wirklich Böse kommen noch immer aus Russland: Shortpairs bringen verstörenden Elektro aus St. Petersburg und kritisieren staatliche Institutionen mit beinahe schon vergessener New-Wave-Disco und unerbittlichem Industrial. • Weiters: Nada (Dream-Pop und Schlamm-Drones aus Berlin). Punktum (italienischer DJ/Producer Giuseppe Maffei demonstriert Synthesizer und Drum-Computer der Firma Roland in Retro-Future). Insecure Man (Happy Tunes im Gruselkabinett, Northern Soul und Exotic-Synthpop von Saul Ademczewski und Ben Romans-Hopcraft).

Planningtorock – »Transome«

AAA »Live at Unsound Festival 2017«

Eartheater © Samantha West

Weekend 2, Freitag, 3. Mai 2019
DJ-Line: Day 3 | DJ Heap & Bocksrucker (Neubau)
Yves Tumor, der in Tennessee aufgewachsene, experimentelle Popproduzent, werkt mal in Berlin, mal in Turin und tourte mehr als zwei Jahre lang mit Mykki Blanco in Europa und Asien. Im Jahre 2016 unterschrieb er für PAN Records; sein aktuelles Album erschien auf Warp. Nach enorm eklektischen frühen Werken fand Tumor schließlich seinen Dreh, wie er Alternative Music und schräge Entwürfe treffend zu Easy Listening Experimental Music bündelt: »Safe in the Hands of Love« (Warp, 2018). • Gleichfalls für ihre sonische Palette beliebt ist die nun ebenfalls auf PAN Records in Berlin veröffentlichende Eartheater: als autodidaktischer Alien bevorzugt sie introspektive Wortspiele, ungezwungen zwischen Gender, Sex und Monster, denn Vereinheitlichung ist nicht ihr Ding. • Auch die aus Senegal stammende, in Kuwait aufgewachsene und nun in New York beheimatete Fatima Al Qadiri hat eine Beziehung zu Berlin, wo sie übrigens im Februar am CTM Festival auftrat. »Iʼve never been to China. I only know what the West is telling me about China,« sagte sie über ihr Debütalbum, auf dem sie uns in ihr »Imagined China« entführte. Bereits im Jahre 2016 konnte man sie am Donaufestival live erleben. Nun wartet sie zudem mit ihrer EP »Shaneera« (2017) auf: Eine Art Liebesbrief an böse sowie gutherzige Göttinnen aller Welt. • Lucrecia Dalt, die in Berlin lebende, kolumbianische Produzentin, vereint Experimentelles und traditionelles Songwriting, schaurige Balladen und entfesselnde Schallereignisse. Mit ihren surrealen Soundscapes ist sie bereit für einen weiteren Höhepunkt in der Minoritenkirche. • Weiters: Ark Noir (in Tenorsaxofonist Moritz Stahls Quintett trifft Big Band Jazz auf Club Music). Rafael Anton Irisarri (der fragile, amerikanische Ambient-Architekt bringt spartanisch dunkle Drones sowie breit gefächerte Soundscapes). Hüma Utku (Dark Electronic von der aus Istanbul stammenden, in Berlin ansässigen Goth- und Industrial-Anhängerin). Godflesh (Industrial Metal-Urgestein mit aktuellem Album »Post Self«).

Yves Tumor – »Noid«

Eartheater – »Infinity«

Lucrecia Dalt – »Tar« (Jan Jelinek Remix)

Weekend 2, Samstag, 4. Mai 2019
DJ-Line: Day 4 | Misonica (femdex, noods radio), Gischt (ventil records), Jens Balzer
Apparat verbindet analoge Instrumente (Drums, Posaune, Sax, Harfe u.a.) mit digitalen Soundscapes und Geknistere. Sascha Rings aktuelles Album »LP5« wurde vom Resident Advisor zwar gedisst, die treue Gefolgschaft des in Berlin ansässigen Techno- und Electronica-Musikers sollte das aber kaum tangieren. »Goodbye«, der Opener zum Soundtrack der Netflix-Serie »Dark« (feat. Soap&Skin), zählt zweifellos zu seinen kostbarsten Stücken. • Hyph11E ließ ihre markerschütternde Dystopia jahrelang in einem Club namens The Shelter, einem einstigen Luftschutzkeller, reifen. Ihre repetitiven Chants, War Dances und gerne auch geloopte Apocalyptica entfaltete sie nun in Berlin. • Flotation Toy Warning gilt seit vielen Jahren als Liebkind von FM4 »Im Sumpf«. Nicht ganz so aufgeregt wie aufgelegt, aber doch recht ok, mit schwelgendem Pop, megaloman, aber noch nicht restlos übergeschnappt. Was nicht ist, kann ja noch gut werden. Aktuelles Album: »The Machine That Made Us« (2017). • Weiters: Benjamin Shaw (melancholische, betrübte Popsongs vom Album »Megadead«). Lisa Stenberg (die langatmigen Drones, gespielt auf einem EMS Synthi 100, sollten das Album der Schwedin in der Minoritenkirche voll zur Geltung kommen lassen: »Monument«, 2018). Guttersnipe (extremer, nachgerade angsteinflößender Noise vom Duo aus Leeds). Grim Lusk (psychedelischer Dub-Techno mit Boogie-Disco aus Glasgow).

Apparat – »Goodbye« (feat. Soap&Skin)

Hyph11E – »M&B010«

Weekend 2, Sonntag, 6. Mai 2019
Um im heutigen Musikbusiness überleben zu können, tut man gut daran, sich als Tausendsassa zu etablieren: Kate Tempest wird als beste britische Rapperin gehandelt, nahm früh schon an Poetry Slams teil (2006), veröffentlichte ihre erste Gedichtsammlung »Everything Speaks in its Own Way« im Jahr 2012, ihr erstes Theaterstück »Wasted« erschien 2013 und ihren ersten Roman »The Bricks That Built The Houses« legte sie 2016 vor. Und politisch ist Kate auch noch: »Europe Is Lost«, daran ändern auch Auftritte im Vorprogramm von Billy Bragg beziehungsweise beim Glastonbury Festival nichts. • Die in London ansässige Nkisi veröffentlicht ihre hyper-modernen Club-Sounds auf Lee Gambles UIO Label. Aufgewachsen ist Melika Ngombe Kolongo in Belgien. Kürzlich spielte sie in Berlin treffenderweise im Salon Zur Wilden Renate. Ihre Tracks werden gerne als Full-Throttle/Vollgas-Tunes bezeichnet und hören auf Titel wie »Destruction of Power«, »Violence Tendencies» sowie »Darknoise«. Nkisi sind übrigens Geister oder ein Objekt, das ein Geist bewohnt. Und Eklektizismus ist sowieso ihre Chose. • Garage Rock’n’Roll, Psych aber auch Gothic-Dub nennt man die energetischen Stile von Rakta, dem brasilianischen Quartett aus Sao Paulo. Repetitive Drum-Rhythmen, eingängige Mantras und hypnotische Grooves, mit Vorbildern aus Krautrock sowie Anarcho- oder Post-Punk. • Irreversible Entanglements nennt sich die rebellische Formation, in der man den Slaveship Punk von Moor Mother, diesmal in ihrem Free-Jazz-Quartett, zu hören bekommt. • Weiters: Schtum (heimisches Duo von zeitgenössischer, improvisierter Musik bis zur Neuen Volksmusik). Deafkids (brasilianische Hardcore Punks mit »Configuracao Do Lamento«, 2016).

Nkisi – »Hard Dance LDN DJ Set«

Kate Tempest – »Europe Is Lost«

Theory & talk
»Gesellschaft als Phantomschmerz« lautet der exzellente Artikelbeitrag von Isolde Charim (vertreten bei Talk II) in dem auch dieses Jahr empfehlenswerten Festival-Reader »New Society». Darin heißt es, dass die Rede von der neuen Gesellschaft selten Hoffnungen erweckt. So what? Werden die Sixties als Befreiungsdiskurs abgetan und Isolation und Verelendung als unausweichlich postuliert? Zu hoffen, dass wir uns doch noch aus der Geiselhaft der leidigen Opferrolle befreien werden. Get it on!

Talk I – »Propaganda Art from Steve Bannon to Pan-Europeanism«
Jonas Staal (EN) Moderation: Astrid Peterle.
Samstag, 27. April 2019, 14:00 Uhr, Kino im Kesselhaus

Talk II – »No Society oder Next Society: Löst sich die Gesellschaft auf oder baut sie sich um?«
Heinz Bude und Isolde Charim (DE). Moderation: Thomas Edlinger.
Sonntag, 28. April 2019, 15:00 Uhr, Kino im Kesselhaus

Talk III – »The gender of machines – feminism in an algorithmic society «
Christian Höller in conversation with Helene Hester (EN).
Samstag, 4. Mai 2019, 14:00 Uhr, Kino im Kesselhaus

Talk IV– »Black Quantum Futurism«
The Temporal Disruptors sind Moor Mother & Rasheedah Phillips (EN).
Sonntag, 5. Mai 2019, 15:00 Uhr, Kino im Kesselhaus

Link: https://www.donaufestival.at