Lonnie Holley © Timothy Duffy

Geschichten aus Fucked-Up America

Spiritualität, Intellektualtität und Realität: Das ist die Story von Lonnie Holley. Wie Sun Ra aus Birmingham, Alabama. Space, einmal mehr a place to be! Insbesondere auf dem dritten Album »Mith«. Eine Lobpreisung.

I’ve been thinking and thinking
and thinking and thinking
and thinking and think
How far?
How far is spaced-out?

I was in this band, I was in this band
I was doing all the funk that I can
I had did pop
And played around with hip hop
And then played the blues
How far?

(Lonnie Holley: »How Far is Spaced-Out?«)

Um das unglaubliche Musikuniversum von Lonnie Holley verstehen zu können, lohnt ein Einblick in sein schwieriges Leben. Mit eineinhalb Jahren gab ihn seine mit zwei weiteren Kindern unter vier Jahren überforderte, alleinerziehende Mutter (dem Mythos nach war Lonnie das siebte von 27 Kindern) einer Frau zur Obsorge, die mit ihm verschwand. Diese Burlesque-Tänzerin ließ sich gegen eine Flasche Whiskey dazu überreden, den unterernährten Vierjährigen in die Obhut der Familie McElroy zu übergeben. Bis zum Alter von elf Jahren wohnte er in direkter Nähe der Alabama State Fairgrounds in Birmingham, wo seine ehemalige Pflegemutter aufgetreten war. Mit Fünf überzeugte er die Besitzer davon, gegen geringe Bezahlung den Dreck, den die Konzertbesucher hinterließen, wegräumen zu dürfen. Dadurch hatte er Zugang zu Live-Bands, die unter anderem Country & Western, Big Band Sound, Bluegrass und Blues spielten. Vom Dach des Hauses seiner Zieheltern konnte er die Filme eines Autokinos mitverfolgen und außerdem war die Rockola Jukebox im Haus die Schule, die Lonnie zeitgenössische Popsound der Jahre 1955 bis 1961 nahebrachte.

Lonnie Holley © Timothy Duffy

Mit Elf machte er sich auf, seine Mutter zu suchen, wurde jedoch von der Polizei aufgegriffen und in die Alabama Industrial School for Negro Children in Mt. Meigs gesteckt. Die Kinder wurden für Farm-, Küchen- und andere Arbeiten verliehen, eigentlich eine verdeckte Form von Sklaverei, wobei auch hier die Musik nicht zu kurz kam und Lonnie sich heute noch an den »Mt. Meigs Stomp« erinnert. Sein kräftiges »Moaning« dürfte er sich beim Singen von Spirituals angeeignet haben und seine Großmutter väterlicherseits, die ihn aus der Industrial School herausholte, wollte, dass er Prediger wird. Mit Sechzehn nahm er jedoch Reißaus nach Florida, wo er unter anderem als Koch für die sich gerade etablierende Disney World jobbte. Danach lebte Holley wieder in Birmingham, weiterhin Musik aufsaugend, ehe ein Schicksalsschlag sein Leben verändern sollte. 1979 starben bei einem Brand im Haus seiner Schwester zwei ihrer Kinder. Da sie sich keine Grabsteine leisten konnte, fertigte Holley welche aus Sandstein – Rückständen der Stahlproduktion. Mit seinen Sandsteinskulpturen brachte er es in der Folge zu einiger Bekanntheit, sodass 1981 der Direktor des Birmingham Museum of Art darauf aufmerksam wurde. Und eine Wanderausstellung der Smithsonian Institution bewirkte, dass die interdisziplinäre Kunst Holleys nunmehr in namhaften Museen gezeigt wird.

»Great spirit of love« & Alienation
Einige Jahre nach seiner Grabstein-Initiation erstand Lonnie Holley auf einem Flohmarkt ein Casio Keyboard. Später kam ein Karaoke-Gerät hinzu und der Künstler begann, für sich selbst eine Unzahl von Kassetten aufzunehmen. Holleys Mentor Matt Arnett, der ihm 2006 zu ersten professionellen Aufnahmen verhalf, wovon ein Song auf der zweiten Scheibe »Keeping A Record of It« verewigt wurde, schreibt in den Liner Notes, dass es ihm um das Bewahren der zu verschwinden drohenden Gospel-Musiktradition in Gee’s Bend, Alabama, ging. Dazu verfügt Lonnie Holley über eine überragende Stimme, die greint, wimmert und wehklagt. Auch wenn Holley die Musik des 1914 in Birmingham geborenen und 1993 dort verstorbenen Herman »Sonny« Poole Blount aka Sun Ra nicht kennt, tun sich unzweifelhaft Referenzräume in musikalisch irgendwie ähnliche Galaxien auf.

Lonnie Holley © Timothy Duffy

Jedenfalls ist »Mith« die Vollendung, ein Bastard zwischen Songschreibekunst und freiem Jazz. Auch weil darin so viel Leid zum Ausdruck kommt. Lonnie Holleys Texte berühren zutiefst und die Musik gleitet frei, Sopransax-begleitet etwa in »Back for Me«. Sein Flehen um spirituelle Eingebung samt Forderung nach Menschlichkeit ist eine Anrufung des »Great spirit of love«! Und die Flucht aus dem real ständig bedrohten Leben ins Alienhafte ist extrem verständlich: »Coming Back (From The Distance Between The Spaces Of Time)« hebt wunderbar ab in Sphären, nicht von dieser Welt. Eine der schönsten galaktischen Kompositionen ever! Und doch, »How Far Is Spaced-Out?«, der zweite Song, ist noch viel mehr: Eine fabelhafte Reflexion über sein Leben als Künstler und Musiker. Letzerer Song lässt wegen der trunken das Leben feiernden Balladenhaftigkeit in gewisser Weise noch mehr an Van Morrisons epochales Album »Astral Weeks« denken als etwa »Back for Me«.

Recorded in Porto, Tucker/Georgia, Portland/Oregon, Brooklyn/NYC
Das unstete Musikerleben Holleys spiegelt sich auch an den Orten, wo die Studioaufnahmen stattfanden. Vom Duo bis zum kleinen Ensemble spielt Holley wolkig-zart bis vertrackt Piano, Fender Rhodes, Nord oder Microkorg und überlässt die Tasten dem sehr spirituell agierenden Laraaji, beispielsweise in »Back for Me«. Holleys Stimme nimmt unheimlich gefangen, hat eine Riesenbandbreite und wird im Hintergrund noch zusätzlich geloopt, um eine gespenstische Bedeutungsaura zu generieren. Das Mit-sich-selbst-im-Duett-Irrlichtern allein ist schon grandios, doch verstärken die weiteren Musiker den Drift in eine andere musikalische Dimension. Dave Nelson (Posaune/Loops), Marlon Patton (Drums, Percussion/Moog Synth Bass Pedals) und Shahzad Ismaily (Synthesizers) vermögen an den Kosmos einer Alice Coltrane zu gemahnen und kreisen mit ihrer Musik wie Sun Ra in einer eigenen Umlaufbahn.

… I would go all the way to stop
Saturn in a dreaming heart
I was spaced out ..

Dieses Album ist ein Meilenstein, und auch ein Meisterwerk in dramaturgischer Chronologie. Oder sollte man sagen Liturgie. Denn »Mith« ist eine Offenbarung, Klang & Lyrik bilden eine Einheit. Wobei Holleys Texte besonders lang sind und in die Tiefe gehen, den Überlegenheitswahn des weißen Amerika offenlegend. Bereits der Auftakt »Iʼ m a Suspect« ruft Gänsehaut hervor. Holley fühlt sich ständig als Verdächtigter und erst dann, wenn er ein Staubkorn sein wird, draußen in Mutter Universum, kommt die Erlösung. Track Nr. 4 ist der Nukleus des Albums. »I Snuck Off the Slave Ship« ist ein gigantisch-zeitlos-schöner Brocken von Klang. In 18 atemraubenden Minuten erzählt Lonnie Holley die Geschichte der Afroamerikaner von der Verschiffung der Sklaven nach Amerika über die Zwangsarbeit auf den Baumwollfeldern bis zur Industrialisierung, über die Maloche in den Fabriken bis zu den scheinbar besseren Zeiten bis vor Kurzem. Dieses Wehklagen zu hören, schmerzt zutiefst. »The Greatness of America« fußt auf der Ausbeutung und dem Leid, das den afrikanischen Sklaven (und Ureinwohnern) angetan wurde.

… Chains bound
Rope tied
Me down
Beating me bloody …
… And those that were rebellious
I saw them hanging
By the limbs
Of trees
I snuck off …

Vielen Nachfahren der afroamerikanischen Sklaven geht es heutzutage zwar besser, doch blanker Rassismus ist allgegenwärtig. Die Erfolge der Bürgerrechtsbewegung werden grauenvollerweise seit Trumps Machtübernahme zertrümmert. Klanglich führt ein unheilschwangerer Posaunenloop über in den Alptraum: »I Woke Up in a Fucked-Up America« ist musikalisch und lyric-wise das bislang überzeugendste Stück Popmusik, das die Zertrümmerung der ohnehin mangelhaften sozialen Grundlagen Amerikas bis in die Grundfesten des eigenen Körpers spüren lässt.

… I woke up
Yeah, humans fighting in the street
cellphone abuse
Computer misusers
Overdatafying
Ah, data feed to te cloud …
… I woke up, oh
As babies cried
Mothers cried
Fathers cried,
Humanityʼs crying
Women marching
in a fucked up …

Lonnie Holley © Timothy Duffy

 Lonnie Holley verkörpert jedoch keineswegs Verbitterung. Mit verqueren Stimmloops im Duett mit sich selbst besingt er die Magie des Allgemeinguts Wasser (»There Was Always Water«) und schöpft Zuversicht: »Copying the Rock«, ein schräges Duostück mit Drummer Richard Swift, und »Sometimes I Wanna Dance« sind wundervolle Ausgeburten der Fröhlichkeit. Letzteres Lied beschließt das Album, mit einem grandios über die Tasten des Fender Rhodes Piananos tänzelnden Laraaji, perkussive Würzigkeiten streuenden Shahzad Ismaily und Lonnie Holleys frohsinnigem Jauchzen. Die Freude am Leben lässt sich ein vom Leben Geprüfter wie Lonnie Holley also keineswegs verderben. Und trotzdem soll diese Lobpreisung mit dem enden, was sein Werk ausmacht. Holleys nicht korrumpierbarer, genauer Blick auf die Realität, der auf dem Wissen um die Vergangenheit baut, sei mit einem finalen Zitatbogen gewürdigt. Entnommen dem schaurig-schönen »Down in the Ghostness of Darkness«.

… I remember Dr. Martin Luther King Jr.
Singing about, speaking about, oh
Agape love
Agape love
That we as humans have to develop
By ways of memories
From the, oh, ghostness of darkness
Memory, yeah
Thatʼs wrapped around Mother Planet Earth
Oh, we have the air we breath
That be the reason for, oh, reality
Mother Earth going around
And all of her ghostness, oh
And all of her ghostness of darkness …

Lonnie Holley: »Mith« (Jagjaguwar/Cargo)