I/II

»Earthquakes Usually Come Around At Night«

Totally Wired Records

Aus Anlass von Ivan Antunovics Residency im Wiener quartier21/MQ würdigte Michael Gieblin skug #99 den Künstler als »halbes Gesamtkunstwerk«, der in einer Welt des Unvollkommenen und mit großer Schlagseite zum Pop das Fragment zum Hauptmotiv erklärt. Ende 2014 erschien nun mit »Earthquakes Usually Come Around At Night« ein Mini-Album eines seiner zahlreichen Musikpro- jekte, in diesem Fall I/II, und ich möchte ergänzen: Ivan Antunovic, bekannt als »Ein-Mann-Szene« Zagrebs, ist nichts weniger als der Morrissey der Bassmusik. Soulful-sämig liegt seine Stimme auf den fünf Tracks über einem drängenden Elektro-Soundbett, das an den Minimalismus des New Wave anschließt. Wie wir im Grundkurs »Philosophische Postmoderne im Anschluss an Lyotard und Vattimo« gelernt haben, ist das Neue keine Ûberwindung des Alten, sondern dessen Ver-Windung, statt einer Ûberarbeitung eine Durch-Arbeitung im Sinne Freuds. Ähnlich geht I/II bei der Betrachtung diverser Idole des Sounds der 1980er vor. Auf dem hier sowohl digital als auch – wie viele Releases des Wiener Labels Totally Wired – als Gesamtkunstwerk gestaltete Vinyl-Ausgabe vorliegendem Album finden so postavantgardistisches Experiment, DIY und Liebe zum Pop zusammen. Und dass eine Platte sowohl die Zeilen »Under the neon lights / we call it a day« als auch einen Song präsen- tiert, der den Frauen gewidmet ist, die in Pakistan Opfer von Säureattentaten werden, ist so selten, dass sie – auch wenn sie musikalisch eher Fußnote denn Großtat (modernistischer Quatsch, ja eh!) ist – alle Aufmerksamkeit wert sein muss.