Dora Schimanko © Christian Schreibmüller

Dora Schimanko †

Die jüdische Autorin, Zeitzeugin und engagierte Antifaschistin Dora Schimanko war in vorbildlicher Weise unbequem. Mit ihr stirbt eine engagierte Stimme für die Demokratie in Österreich.

Geboren 1932 als Dora Kaldeck, gelang Dora Schimanko mit ihrer Familie 1938 die Flucht nach Großbritannien. Hierzu meinte sie: »Wir haben es uns aussuchen können. Ob sie uns als Linke oder als Juden verfolgt hätten, wäre in unserem Fall völlig egal gewesen.« Zu ihren Leitsprüchen zählte daher u. a. – und dies ist im Zusammenhang mit der aktuell stets wiederkehrenden Forderung nach »Assimilation« von Flüchtlingen bemerkenswert: »Niemand war besser assimiliert als die Juden in Wien. Genützt hat ihnen das 1938 gar nichts!«

Nach ihrer Rückkehr nach Wien 1946 engagierte sich Dora zunächst in der überparteilichen »Freien Österreichischen Jugend« (FÖJ) und später in der KPÖ, wurde Gärtnerin und dann Sekretärin. Als Pensionistin begann sie die Geschichte ihrer Familie niederzuschreiben. Sie war u. a. Urenkelin des Kaufmanns und kaiserlichen Ratsherren Max Schiff und Nichte von Sir Karl Popper. Ihr Großvater Walter Schiff initiierte 1914 öffentliche Ausspeisungen für arme Menschen, war Mitbegründer des ersten Realgymnasiums für Mädchen und Begründer des »Warenkorbs«, des heutigen statistischen Zentralamts.

Erinnerung und Utopie
Doras Schimankos Buch »Warum so und nicht anders. Die Schiffs: Eine Familie wird vorgestellt« erschien 2006 im Verlag der Theodor-Kramer-Gesellschaft. Zugleich schien sie in ihrem schriftstellerischen Werk Versäumnisse aus ihrer Jugend nachzuholen, indem sie wie besessen Jugendgeschichten verfasste, die stets von einer Utopie einer besseren, sozialeren Gesellschaft handelten. Etwa ihre Novelle »Zeiten« (edition tarantel, 2015), eine utopische Geschichte, in der spekuliert wird, in welcher Weise sich die Verhältnisse verändern würden, wenn ein Rechtspopulist (der sogenannte »Wahre Vater«) an die Macht käme …

Dora nahm die Losung »Nie wieder!« sehr ernst. Wo und wann immer sie befürchtete, dass »vergessliche Nazirelativierer« aktiv würden, engagierte sie sich beispielsweise bei Demonstrationen und Kundgebungen als Rednerin. Gegen den zunehmenden Rechtsruck im Land schrieb sie anlässlich des »Akademikerballs« 2014 in einem offenen Brief an Bürgermeister Michael Häupl: »Ich halte es für einen Wahnsinn, wenn mir offiziell mitgeteilt wird, das Parlament und die Regierung hätten keinerlei Mitspracherecht, wer in der Hofburg was veranstaltet. Die Republik Österreich und die Stadt Wien machen sich lächerlich vor der ganzen Welt. Sollen sie tanzen, wo sie wollen, aber in offiziellen Räumen der Republik bitte nicht.«

Aktivistin und Zeitzeugin
Sie war überall dort zu finden, wo mehr Demokratie eingefordert wird und demokratiefeindliche Tendenzen bekämpft werden, wie etwa bei der Initiative »Rassismusfreie ZoneN«. Als Zeitzeugin erinnerte sie Schüler*innen daran, wie damals alles begann und wie Gegner der bürgerlichen Demokratie ganz demokratisch die Basis der Demokratie zerstörten, infolge dessen viele ihrer Verwandten in KZs ermordet wurden und nur wenigen die Flucht vor den Nationalsozialisten gelang. Zu ihren Hauptanliegen der letzten Jahre zählte bei Gesprächen und Aufrufen immer wieder, dass nur eine »geeinte Linke«, die inhaltliche Differenzen hintanstellt, der Rechtsentwicklung wirksam entgegentreten kann.

Unvergessen bleibt dem Autor dieser Zeilen ein Erlebnis während einer Lesung von Dora im Rahmen der KriLit (Kritische Literaturtage). Während des Vortrags begannen plötzlich zwei junge Leute zu weinen. Verwundert fragte ich sie nach dem Grund. Das Mädchen antwortete: »Frau Schimanko war an unserer Schule und berichtete aus ihrem Leben. Seither gehen wir überall hin, wo sie liest oder erzählt. Und jedes Mal würde ich mir wünschen, dass sie meine Großmutter wäre.« Dora Schimanko verabschiedete sich für immer am Samstag, dem 24. Oktober 2020 im Maimonides-Zentrum Wien. (Gerald Grassl)

Ergänzung von Tochter Anna Femi
Dora kommt aus dem Bildungsbürgertum, zwar wohlhabend, aber dennoch mit klaren sozialistischen Visionen. Die schweren Traumatisierungen der Flucht und der unfreiwilligen Rückkehr nach Wien sowie der massive Antisemitismus auch nach 1945 haben verhindert, dass sie maturieren und studieren konnte. Zudem hatte Sie in ihrer ersten Pflegefamilie in England sehr viel gelitten und war auch in viel zu kleine Schuhe gezwängt worden. Durch die starken Schmerzen ihrer verkrüppelten Füße konnte sie nicht Gärtnerin bleiben, sondern wurde Fremdsprachenkorrespondentin, wegen ihrer perfekten Englischkenntnisse.

Für sie war die Familie Schiff – und vor allem ihr Großvater Prof. Dr. Walter Schiff, ein fester Anker. Obwohl ihr Vater sicher auch eine Kraftquelle gewesen wäre, gibt es über dessen Familie leider kaum Informationen. Dora Schimanko ist durch dieses Buch ein wenig zu ihren tief verschütteten Traumatisierungen vorgedrungen. Und sie hat sich eigentlich gegen ihren Willen mit der Opferrolle auseinandersetzen müssen, denn Opfer waren für sie ausschließlich KZ-Häftlinge oder, wie Hanna Schiff (die Malerin), Gestapo-Häftlinge. Zu Hause hieß es immer: »Nie wieder Krieg – wehret den Anfängen.« (Ulli Fuchs)