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»Conchitas Teufelskralle: Erneuerung des Teufels-Pakts?«

»Wir können uns ein Finale nicht leisten«, monierte der ORF-General Wrabetz im Vorfeld, hoffend, Conchita Wurst möge den ESC eh nicht gewinnen. Erstens kam es anders, zweitens Gratulation an Conchita & ihr Team zum riesigen pop-medialen Bums. Als »bearded Drag-Queen« und »Queen of Europe« ist die Kunstfigur für viele nun von unschätzbarem Wert. Ophra, Lady Gaga, Elton John und unser Präsident, Sie alle wollen Conchita. Mal sehen, wie lange noch, und wohin die Ressourcen dann wandern.

»Jetzt hat uns die (=Conchita Wurst) den Schas (=ESC) gewonnen«. Erschreckend peinlich für dies Land, dass jener österreichische Eurovision-Contest-Moderator, der diesen Satz – der übrigens symbolhaft für den Zustand einer gestrigen heimischen Seele stehen könnte – zum Zeitpunkt der Verlautbarung Conchitas fulminantem Siege aus der ORF-Röhre röchelte, nun trotzdem als Favorit für den Moderator-Job des ESC 2015 gehandelt wird. What the heck, oder, »a Heckl«, wie Wiener und Wienerin zu sagen pflegen.

Nun aber flugs zum Teufelspakt: Gegenwärtig wird mittels altbekannter Umkehr-Strategie (Täter=Opfer, Opfer=Täter) versucht vom brisanten Thema – die Stellung des ORF und der Kulturpolitk zum Thema heimische Popmusik – mit dem »Shitstorm«-Thema abzulenken versucht. Doch bereits in der ORF-Diskussionsrunde »Im Zentrum« mit dem Titel »Conchita-Mania – über alle Grenzen« (So., 11. Mai 2014) stellte sich heraus, dass man im ORF gerne von einem »großen Fest der Toleranz in Europa« und von »Zukunft ohne Abgrenzung und Diskriminierung« palavert, in der gegenwärtigen Praxis es aber lieber noch anders hält. Zum Plausch über den überwältigenden Erfolg der Kunstfigur Conchita Wurst wurden keine Pop-Experten (Kulturwissenschaftler, Musikkritiker oder Musiker), von denen mehr als euphorische Plattitüden hätte kommen können, geladen. Conchita Wurst blieb übrigens der Sendung ebenfalls fern …
Doch halt. Ein wesentlicher Punkt wurde in dieser Sendung – nicht zuletzt dank der Aussagen von Künstler Andre Heller – verdeutlicht: Conchita Wurst ist das Produkt eines ORF, der seit Jahrzehnten (bis dato erschreckend erfolglos) das Konzept des privilegierten Künstler-Genies verfolgt, das eigentlich diametral (=das komplette Gegenteil) einer sozialdemokratischen Kulturpolitik per Definition steht/ist. Der Genie-Kult führte diesmal zwar, welch Freude, zur super-positiven Kunstfigur Conchita Wurst, in der Vergangenheit bescherte er uns bekanntlich aber schon mal einen teuflischen Genie-Wahn. Mit einem staatlichen Mäzenatentum für privilegierte Protektionskinder das als Vor/Zuarbeit dem Raubtierkapitalismus dient, ist es hier jedoch nicht getan. Sozialdemokratische Kulturpolitik sollte, per Definition, nicht einige wenige (privilegierte), als übertalentiert akklamierte (fast hätte ich gesagt Ûber-) Menschen fördern, sondern vielmehr eine Vielzahl kreativer Musikschaffender die z. B. in diversen DIY-Bewegungen (gestern Independent Music, heute advanced Electronic-Music u. a.) aus einer »kranken österreichischen Musikszene« (Copyright eines einstigen Blue-Danube-Moderators) eine wünschenswerte machen könnten. Aber selbst das kostet Geld, denn von Musik alleine leben auch kreative Musikschaffenden nicht. Hinweis: Ein restaurativer, innerösterreichischer Austro-Pop alleine greift als desirable Identifikationsmöglichkeit perfiderweise zu kurz.
cw1.jpgWie es kürzlich Musikarbeiter Rainer Krispel ausdrückte, sollte »Musik als Teil der geistigen Landschaftspflege zur Psychohygiene der Republik Österreich beitragen«. Am Montag, 19. Mai, findet im Parlament ein Runder Tisch zu »Österreichische Musik im ORF« statt. Sieht man sich die sogenannte »All-Star-Formation der Musikbranche« an, welche die SPÖ-Kultursprecherin Elisabeth Hakel zusammengetrommelt hat, kommt man schwer umhin, dies simpel als Versammlung einiger Musikwirtschafts-Player anzusehen. Betrüblich. Denn so wird das wohl nix. Machen wir doch nicht auch fürderhin die Rechnung ohne den/die Wirten.
Die könnten mit einigen Strukturverbesserungsvorschlägen aufwarten, wie z. B.: Popmusikdiskursförderung (Symposien), mehr direkte Förderung, statt indirekte (= mehr Förderung der Musikschaffenden, anstatt der Häuser/Institute), ein wirkliches Stadtradio, Aufwertung und Umstrukturierung der ORF-Regionalstrukturen, eine Aufwertung des SKE-Fonds, höher dotierte Öffentliche Gelder, mehr Respekt, usf. Oder sollen wir etwa die nächsten fünfzig Jahre den Laden lieber zusperren, und darauf hoffen, dass dann unsere nächste Ûber-Kunstfigur kommt? – Aber nein, auf unsere sozialdemokratische Kulturpolitik ist Verlass!

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