Beyoncé

»Renaissance«

Parkwood Entertainment/Columbia/Sony Music

Was ist von einem weiblichen Popsuperstar zu erwarten, der die volle Kontrolle über sein Schaffen innehat? Empowernder Feminismus erfreut, etwa gleich auf dem Opener »I’m That Girl«, doch sollen auf das aktuelle Einfließenlassen von Queerness in Zukunft noch weitere Akte folgen. Zunächst ist »Renaissance« eine Huldigung der Disco-Ära und die Feier des Lebens nach der allmählichen Überwindung der Corona-Pandemie. Zwar ist digitaler R&B auch Dance, doch Disco und House ermöglichten die Emanzipation des Queeren. 2022 wühlt sich Beyoncé mit ihren Produzent*innen akribisch durch einen Zitatenschatz (das Cover ist Bianca Jagger nachempfunden, als sie 1977 nackt in die New Yorker Disco Studio 54 einritt). Auch House Music aus Wien, von Peter Rauhofer mit Sängerin Kim Cooper, wird gesamplet: Danube Dances’ »Unique« aus dem Jahr 1991 ist im knackigen »Alien Superstar«, das im Chorus Right Said Freds »I’m Too Sexy« enthält, und im lasziven »Cozy«, letzterer Track mitproduziert vom queeren Black DJ Honey Dijon, zu erkennen. Noch besser kommt Bounce, ein Stil aus New Orleans, der dank vulgärer Lyrics und Call-and-Response-Gesänge als Drag Rap schwer beeindruckt und ein Sample der Bounce-Queen Big Freedia auf der uplifting Singleauskopplung »Break My Soul« featured.

Beyoncé greift auf die Crème de la Crème von Dance-Produzent*innen zurück. Die prächtige Palette reicht von Skrillex (Dubstep) zu Grammy-Gewinner The-Dream (HipHop) bis zu natürlich Drake, The Neptunes und Nile Rodgers, die in diesem Dance-Universum Tüpferl aufs i machen. Sheila E., Prince-Drummerin, ist auch dabei und Tems, Nigerias weibliche Afrobeats-Stimme schlechthin, brilliert mit Grace Jones im famosen »Move«. Und doch klingt Manches auf dem 62-minütigem Album zu lau, trotz fetter Produktion plätschert’s des Öfteren doch etwas brav dahin. Schlussendlich sei noch erwähnt, dass Beyoncé wie viele Popacts zwar das Diverse, das Anderssein zelebriert, jedoch infolge eines Übermaßes an Selbstbezogenheit vergessen wird, dass auch ein Fight gegen soziales Gefälle und Klassenunterschiede thematisiert werden könnte. Was mit dem Produkt an sich zusammenhängen mag. Pop ist ein Zweig des Kapitalismus. Einige Acts der Funk- und Soul-Ära waren politischer, haben so etwas wie »Eat the rich« artikuliert bzw. gefordert. Leider dräut speziell in den USA Ungemach, das die Freiheit des Queeren fatal einschränken könnte: Sollte die Einhegung des Finanzkapitals durch die Politik nicht gelingen, droht ein Faschismus, der erzielte Fortschritte zertrümmern wird. Fazit: Ein Tanz auf dem Vulkan mit teils großartigen Highlights, die im Rausschmeißer »Summer Renaissance« kulminieren. Prächtig werden die repetitiven Synth-Schleifen von Donna Summers »I Feel Love« eingeschleust. Giorgio Moroders queere Munich Disco rules, 2022 im Wettstreit mit knackigen Subbässen.