Foto: © www.myspace.com/rebolledosound

Aus dem Elektronähkästchen ...

R&S kompiliert von Blop-Step bis Space Funk, Boo Williams‘ »Home Town Chicago«, »kafkatrax« von Wolfgang Voigt, Luke Slater aka Planetary Assault Systems, Geschmackvolles von Rebolledo, Silence Music aus Litauen.

ks1.jpg»Orpheus« von Pariah im Oneohtrix Point Never-»subliminal cops edit« – wie das schon auf der Nerd-Zunge zerschmilzt! Ist es einfach nur der Wohlklang der Worte oder spielt uns ihre semantische Aufladung und der Kontext schon beim Lesen der Trackliste einen Streich? Dass R&S RECORDS in den vergangenen Jahrzehnten ein zentraler Anlauf- und Ausgangspunkt für elektronische Visionäre wie Aphex Twin und Model 500 war, macht die Freude darüber umso grö&szliger, dass das belgische Label sich wie ein Phönix aus der Versenkung erhoben hat und wieder kontinuierlich ein ums andere Klangschmiedetalent aus dem Hut zaubert. »IOTDXI« hei&szligt die aktuelle Doppelcompilation, eine Werkschau von this and last years finest Stiljongleuren zwischen Blop-Step und Space Funk. James Blake, Pariah, Blawan, Lone, Space Dimension Controller, mehr muss man eigentlich nicht mehr sagen. Gegenwarts- wie zukunftsweisend.

ks2.jpgDas neue, britische Label Anotherday Records widmet sich dem Wiederveröffentlichen vergessener Schätze aus der elektronischen Musikgeschichte und tut mit BOO WILLIAMS‚ »Home Town Chicago« aus dem Jahr 1996 als ersten Release gleich einen Glücksgriff. Wie man unschwer erkennen kann, kommt der Mann aus Chicago und zählt zu der Riege von Produzenten rund um DJ Sneak oder Derrick Carter, die als zweite Generation der House-Veteranen aus der windy city bekannt wurden. Eine astreine House-Platte, die auch nach fünfzehn Jahren nichts an Funk und Soul eingebü&szligt hat.

ks3.jpgKafkazitate als »Literatur-Rap« mit Techno-Beats, da könnte auch Schlimmes herauskommen. Da diese Idee aber nicht von einem Germanistikstudenten mit Clubambitionen stammt ,sondern vom Konzeptaltmeister WOLFGANG VOIGT, ist das Album »kafkatrax« (Profan) wieder einmal ein Meisterwerk im wortwörtlichen Sinne. Unter einem bedrohlichen Sog aus Wortfetzen und verhallten Stimmen pumpt bedingungslos ein Techno-Beat, den man wohl auch mit geschlossenen Augen und aus dem Kontext gerissen seinem Urheber zuordnen könnte. Schläge, Piano, Stimmen, viel mehr braucht Wolfgang Voigt nicht für eine der au&szligergewöhnlichsten Technoplatten des Jahres, wieder mal.

ks5.jpgDer Terminus »Berghain-Techno« ist bekanntlich mittlerweile Begriff, Musikstil, wahrscheinlich auch Lebenseinstellung. »Dunkel«, »vielschichtig« oder »kompromisslos« lauten in etwa die Attribute, die mit ihm und also den Platten des hauseigenen Labels und den Veröffentlichungen der Freunde und Residents des Berliner ?ber-Clubs assoziiert werden. Als ein solcher reiht sich in diese Serie auch Techno-Veteran Luke Slater unter seinem Alias PLANETARY ASSAULT SYSTEMS mit »The Messenger«, seinem zweiten Album für Ostgut Ton, ein. Die Beats treiben auf hoher bpm-Zahl, bauen sich im Laufe der Platte immer weiter auf und werden umspült von nervösem Flickern oder Rauschen. Hinzu gesellt sich allerlei Gesause, Bohrgeräusche oder, wie in »motif«, fast schon schmerzhafte, bis ins Mark gehende Knarzer. Ein Energierausch, ein Technoabenteuer, das nicht zimperlich ist.

ks4.jpgDas Album des Chilenen und Mathias Aguayo-Spezis REBOLLEDO, »Super Vato« (Cómeme/Kompakt) ist schon einige Monate herau&szligen und man hat schon viel Gutes gehört und gelesen. Es zu beschreiben, ist nicht leicht, so ungewöhnlich sind teilweise die Soundentwürfe, die der Mexikaner hier schafft. Irgendetwas an ihnen war einmal Italo Disco oder Techno, aber da flirren auch noch Stimmen herum, tribalistische Chöre und spanischer Gesang, Trommeln und Polyrhythmen, Motorengeräusche und kreisende Synthie-Loops. Das Wort »organisch« würde einem zu »Super Vato« vielleicht trotzdem nicht einfallen, denn insgesamt pumpen die Songs doch immer von selbst unerbittlich weiter. Ein Album wie eine klebrig-sü&szlige, aber gefährliche Frucht, die wie der übersetzte Labelnamen »Iss mich« ruft. Ein Geschmack wie eine Versuchung, die man nie wieder vergisst, die es aber auch faustdick hinter den Ohren hat. Alles an diesem Sound ist mutig, aber man muss ihn mit Humor nehmen. Rebolledo selbst blickt uns vom Cover herausfordernd in die Augen: »Iss mich doch, wenn du dich traust«.

ks6.jpgGleich auf ein Doppelalbum setzt das litauische Produzentenduo MARIO & VIDIS und das Label Silence Music gibt ihnen dafür Raum. »Changed« ist in eine ruhigere, vocallastige und eine tanzbarere CD geteilt. Unter den soulfulen House-Popsongs der ersten Hälfte finden sich wie etwa mit »Changed« featuring Ernesto am Mikrophon einige feine Momente, auch wenn ein paar der Tracks gerne auch mal in etwas loungige Beliebigkeit abdriften, an der dann etwa auch die Vocals der britischen Discoqueen Kathy Diamond (bei »In My System«) nicht viel ändern können. Die clubtauglicheren, instrumentalen Nummern, oft mit Oldschool-Touch, weisen eine ordentliche Portion mehr Knackigkeit und Deepness auf und können von »Black Boogie« bis »Plastic People« ziemlich begeistern.

ks7.jpgDas 2009 gegründete Label Little Helpers setzt dezidiert auf DJ-Tools, auf Musik abseits von Clubhits, die noch dazu speziell für Laptop-DJs interessant ist. Damit sind jedoch nicht die iPod-AnsteckerInnen und SongauswählerInnen in einer x-beliebigen Bar gemeint, die von Vinylfetischisten oft genug und nicht selten ungerechtfertigterweise, weil sie ja einen anderen Zweck erfüllen, gedisst werden, sondern die professionellen Software-Jongleure und -Jongleusen, die mit Effekten, Loopen, Schichten und Neuarrangieren einzelner Tracks und Spuren etwas anfangen können. Das macht die Musik des Labels keineswegs beliebig, aber es richtet den Fokus in den Nummern mehr auf die einzelnen Bausteine als auf, sagen wir, catchy Pianomelodien, und gibt den Digital DJs dadurch ihre Freiheit. Selbstredend, dass Label-Co-Boss BUTANE – er führt Little Helpers gemeinsam mit Someone Else – für seine erste Werkschau »Little Helpers Mixed: Volume One« auf ebenjene Techniken zurückgreift, ganze 43 Tracks aus dem Labelkatalog zusammenwürfelt und aus ihnen einen 14-stelligen, tighten Mix zusammenstellt. Schwer in Ordnung, halt eher was für Puristen.