Sterzinger Experience

»Ashanti Blue«

Rough Trade

Das einzig Vorhersehbare an »Ashanti Blue« war, dass Stefan Sterzinger stilistisch wieder Haken schlagen würde. Von der geballten Power der Akkordeons von Rock’n’Roll (2013) ist nichts mehr über, die Quetschn spielt auf dem Album keine dominante Rolle. Das quergebürstete Wienerlied macht Platz für einen begrifflich schwer fassbaren Stilmix. Instrumentiert wird der Bastard von Gitarre, Keyboards, Kalimba, Bass und Cardboard Beatbox, bedient von einer teils neuen Klasseband, aus der Ex-Tanz Baby! Kristian Musser mit seinen leiwanden Gitarrenlicks noch ein wenig herausragt. Diesmal gibt es auch angemessenes Medieninteresse für den verdienten Sterzinger, kaum ein Medium mit Breitenwirkung hat nicht über »Ashanti Blue« berichtet. ashantiblue.jpgSterzinger passt(e) nur schwer in das schablonenhafte Denken mancher Journalisten, fordert mit jedem Projekt Auseinandersetzung ein. Mit »Ashanti Blue« widmet er sich über weite Strecken »dem Fremden«, seiner Faszination und diffusen Ablehnung gleichermaßen (»zum goldenen bären«). Etwa anhand der Person des Angelo Soliman und seiner bewegten Geschichte im 18. Jahrhundert, der posthum im Kaiserlichen Naturalienkabinett konserviert als Kuriosität ausgestellt wurde. Oder der Ankunft der Aschanti in Wien 1896, die im Prater das Aschantidorf (in einem Tierpark!) bezogen, was von Sterzinger launig erzählt wird. Das perfekte Spektakel, gut 70 Jahre bevor Guy Debord »Die Gesellschaft des Spektakels« theoretisch durchleuchtete. Peter Altenberg war davon so fasziniert, dass er das Werk »Ashantee« (1897) dazu verfasste. Sprachlich holt der Grandseigneur die halbe Welt ins Boot: Das zackige »ouagadougu« etwa spricht Englisch, das hemmungslos romantische »ciantia da’mur«, auf dem Sterzinger fast wie Serge Gainsbourg klingt, (auch) Ladinisch. Zum Ausklang singt eine euphorisiert klingende Maria Craffonara das latent groovende »la chance est un’oiseau«. Der kräftige Soundteppich zu dieser lyrischen Wundertüte variiert zwischen Jazz, Chanson, Rock und Fusionen jeglicher Art, und ist dabei virtuoser Partner des Gesangs bzw. des Rezitativs. »Sterzinger zwischen den Stühlen« ist wieder ein kluges und kritisches Album, das bei aller Ernsthaftigkeit der Themen (Flüchtlingskatastrophe etc.) nicht auf den Schmäh verzichtet, geglückt. Was mag da nur als nächstes kommen?

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