Zuli © CTM Festival

Ägypten im Fokus, kühne SHAPE-Artists

Die 51. Ausgabe des musikprotokolls im steirischen herbst (4.–7. Oktober 2018) bietet einmal mehr großartige Klangvielfalt. skug konzentriert sich in einem E-Mail-Interview auf die Auswahl von Co-Kuratorin Susanna Niedermayr.

Ein neues Werk von Georg Friedrich Haas wird vom Talea Ensemble uraufgeführt und auch das concert grandiose mit dem RSO Wien und Klangforum Wien verspricht ein Highlight zu werden. Die elektronische Klangproduktion kommt aber keineswegs zu kurz. Ein Garant dafür ist Susanna Niedermayr, die mit Christian Scheib, Elke Tschaikner und Fränk Zimmer dem Kurator*innenteam des musikprotokolls angehört. Die ORF-Musikjournalistin (co-verantwortlich für den Ö1-Zeit-Ton) betreut die SHAPE-Schiene (Sound, Heterogeneous Art and Performance in Europe) und holt ägyptische Artists nach Graz. »The Magma«, die 360 Grad umspannende Videoprojektion von Ahmed El Ghazoly aka Zuli, beamt Besucher der Akademie Graz in die Megametropole Kairo, deren Bewohner menschenunwürdige Lebensumstände beklagen. Zuli wird als Live-Act am 6. Oktober im Dom im Berg seine avantgardistische elektronische Clubmusik ein klein wenig orientalisch einfärben. Zuvor spielen in der »One night in Cairo« mit Maurice Louca, Sam Shalabi und Alan Bishop wahre Kapazunder der experimentellen Musikszene der ägyptischen Hauptstadt. Alle drei bewohnten ein Mietshaus im Stadtviertel Agouza und benennen deswegen ihr Trio The Dwarfs of East Agouza. Zu erwarten ist ein spannendes Gebräu aus Krautrock, Free Jazz, asiatischen, arabischen und ägyptischen Shaabi-Sounds. skug hat Susanna Niedermayr im E-Mail-Interview befragt.

skug: Seit wann ist dein Focus auf ägyptischen Künstler*innen und wie hat sich das überhaupt ergeben?
Ich interessiere mich schon seit Langem für die Szenen neuer und experimenteller Musik in anderen Ländern. In Ägypten war ich für Ö1 Zeit-Ton das erste Mal 2010 und nun erneut wieder mit meinem Kollegen Rainer Elstner im April dieses Jahres. Wir haben Interviews für mehrere Zeit-Ton-Sendungen gemacht, die im Rahmen der Ö1-Reihe »Nebenan. Erkundungen in Europas Nachbarschaft« ausgestrahlt wurden. So kam es zu diesem Schwerpunkt.

Heißt Ägypten gleich Kairo oder gibt es auch bemerkenswerte Musikszenen in Alexandria, Port Said oder Assuan?
Kairo ist sicherlich das Zentrum, aber auch etwa in Alexandria gibt es interessante Künstler*innen und engagierte Veranstalter*innen.

Mittlerweile hat beispielsweise Nadah El Shazly bei Heart of Noise in Innsbruck gespielt und auch am Donaufestival. Gibt es da Weiterempfehlungen oder präsentieren die anderen Festivalkurator*innen unabhängig davon ihre Artists? Jedenfalls kommt mir vor, dass du meist eine der Ersten bist, die Neues präsentiert?
Es ist eine Mischung. Einige Künstler*innen kenne ich schon lange, manche habe ich das erste Mal bei unseren ICAS Partnerfestivals oder auch anderen Festivals live gesehen. Auf spannende Projekte werden interessierte Kurator*innen oftmals zur selben Zeit aufmerksam.

ZULI war bereits im Ö1-Kunstradio zu genießen. Was wird die Nacht mit ihm und dem Trio The Dwarfs of East Agouza bieten?
Im Ö1-Kunstradio wurde die Radiofassung von »The Magma« ausgestrahlt, bei unserem Festival ist nun die audiovisuelle Installation zu sehen, die erstmals beim diesjährigen CTM Festival gezeigt wurde. Zuli ist der Gewinner des letztjährigen CTM Radio Labs, einer Kooperation zwischen eben dem CTM Festival, dem Ö1-Kunstradio, dem musikprotokoll, der Sendereihe »Hörspiel/Klangkunst« von Deutschlandfunk Kultur und dem Goethe-Institut. Nachdem ich im April nun selber in Kairo war, kann ich sagen, »The Magma« vermittelt wirklich einen sehr lebhaften Eindruck von der angespannten Stimmung dort. Nachdem Zuli auch einer der derzeit spannendsten Vertreter der experimentellen, elektronischen Clubmusik-Szene Ägyptens ist, wollten wir ihn auch noch für ein Konzert einladen. Dieses wird nicht zuletzt eine Vorschau auf sein demnächst erscheinendes Debütalbum bieten, auf das wir natürlich auch schon sehr gespannt sind. Das ägyptisch-kanadisch-amerikanische Trio The Dwarfs of East Agouza sind Maurice Louca, Sam Shalabi und Alain Bishop, drei großartige Improvisatoren, die neben handwerklicher Meisterschaft auch ein Hang zum Surrealen und eine gute Portion Humor verbindet. Die Aufmerksamkeit sei aber auch noch auf die ägyptische Klangkünstlerin Jacqueline George gelenkt, die zum Abschluss des musikprotokolls am Sonntag im Ö1-Kunstradio ein akustisches Porträt von Kairo zeichnen wird. Seit bereits vielen Jahren sammelt sie deren vielgestaltigen Klänge, die sie zu ihren ganz persönlichen Geschichten verwebt.

The Dwarfs of East Agouza © The Dwarfs of East Agouza

Das Festivalnetzwerk ICAS der International Cities of Advanced Sound ist ja recht umtriebig. Ist für 2019 dann mit ugandischen Künstler*innen beim musikprotokoll zu rechnen? Unlängst gab es ja eine Reportage-Reihe im Ö1-ZeitTon dazu.
Es gibt noch keine konkreten Pläne, im Moment sind wir erst einmal mit der heurigen Festival-Ausgabe voll und ganz beschäftigt. Auf alle Fälle war es sehr spannend in Uganda, wie man in den Zeit-Ton Sendungen hoffentlich auch hören konnte.

Das musikprotokoll ist Teil von SHAPE und SHAPE wiederum Partner des 3-Jahre-EU-Plattformprojektes für innovative Musik und audiovisuelle Kunst. 15 europäische Festivals und Kunstvereinigungen nominieren jedes Jahr 48 vielversprechende Musiker*innen und Künstler*innen. Wie gestaltet sich da der Auswahlprozess? Mittels einem Vorschlagprozentschlüssel?
Über SHAPE haben wir alle schon viele Entdeckungen gemacht und mittlerweile hat sich die Plattform, glaube ich, ganz gut etabliert. SHAPE befindet sich nun im vierten Jahr. Nach unserem dreijährigen Projekt wurde die EU-Förderung erfreulicherweise um weitere vier Jahre verlängert. Es sind insgesamt 16 Festivals beteiligt. Einmal im Jahr schlagen wir alle spannenden Projekte vor, durch ein internes Verfahren werden dann jeweils drei Projekte pro Festival ausgewählt. Und dreimal 16 ergibt 48.

Gibt es die Bedingung, junge, unbekannte Künstler*innen zu forcieren oder ist das Alter egal? Stefan Fraunberger und Battle-ax wurden vom musikprotokoll für andere an SHAPE teilnehmende Festivals entdeckt. Heuer ist das wer beispielsweise?
Heuer wurden Kimyan Law, Jung an Tagen und Tomoko Sauvage vom musikprotokoll für SHAPE nominiert. Der Fokus liegt auf spannenden neuen Projekten aus dem Bereich der Musik und audiovisuellen Kunst, das Alter spielt hier keine Rolle. Oft sind es jüngere Künstler*innen, die ausgewählt werden, aber nicht ausschließlich. Auch auf anderen Festivals treten die von uns nominierten Künstler*innen auf und das freut uns dann natürlich immer besonders. So spielt Jung an Tagen dieses Jahr etwa bei Skanu Mesz, Unsound, Schiev und CYNETART und wir kooperieren mit dem Next Festival in Bratislava, das zwar nicht bei SHAPE, aber bei ICAS dabei ist. Auch dort wird Jung an Tagen auf Miteinladung des musikprotokolls auftreten. Kimyan Law war mit uns Anfang September beim SHAPE-Showcase bei unserem ICAS Partnerfestival Nyege Nyege in Uganda und wird im Oktober beim Insomnia Festival in Tromsø live zu erleben sein. Auch Tomoko Sauvage war in Uganda mit und ist soeben beim Sonica Festival und beim UH Fest aufgetreten, sie wird u. a. auch bei Unsound zu Gast sein. So weit zu den SHAPE-Künstler*innen dieses Jahr. In jedem Jahr gibt es Auftritte bei Partnerfestivals. Besonders viel herumgekommen ist vergangenes Jahr Andreas Trobollowitsch, der auch dieses Jahr wieder beim Maintenant Festival dabei sein wird.

Und als interessanter SHAPE Artist gilt nach wie vor Fred Frith mit seiner Duopartnerin, der auf La Réunion geborenen Komponistin und Elektronikmusikerin Bérangère Maximin. Bálint Szabó aka Gosheven als E-Gitarren-Sound-Erweiterer ist ebenso bestens ausgewählt. Trifft die Kür das gesamte musikprotoll-Kurator*innenteam und gibt es eine Mindestanzahl von heimischen und internationalen Künstler*innen, die das musikprotokoll zu präsentieren hat?
Fred Frith ist nicht bei SHAPE dabei, aber seine Duo-Partnerin Bérangère Maximin. Das Projekt SHAPE wurde als Unterstützung für Künstler*innen geschaffen, die noch nicht so etabliert sind. Auch auf Gosheven freuen wir uns schon und Kathy Hinde ist ebenfalls in Graz zu Gast. Das esc medien kunst labor zeigt gleich mehrere ihrer Installationen und sie wird weitere gemeinsam mit Daniel Skoglund »Palimpsest« präsentieren, Donnerstagabend im Dom im Berg. Die Liste der 48 schauen sich auch die anderen musikprotokoll-Programmgestalter*innen an und gemeinsam treffen wir dann eine Auswahl. SHAPE-intern haben wir uns auf eine Mindestzahl geeinigt, wobei nicht alle Künstle*innen notwendigerweise bei unseren, sondern eben auch bei anderen Festivals auftreten, wie zum Beispiel im Rahmen unserer SHAPE-Showcases oder im Rahmen von Kooperationen mit anderen (ICAS) Festivals.

Jacqueline George © Jacqueline George

Manches aus dem vielfältigen Programm des musikprotokolls 2018 ist dankenswerterweise auch live auf Ö1 nachzuverfolgen bzw. in den Zeit-Ton Spezialsendungen nachzuhören. Etwa Jacqueline George am 7. Oktober ab 23:00 Uhr im »Ö1 Radiokunst Kunstradio« mit Großstadtklängen aus Kairo.

Links:
https://oe1.orf.at/
https://musikprotokoll.orf.at/