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Slow Motion Music

Wieder einmal ist es Zeit, sich durch einen Stapel von Meditationsmusik für gehobene Gemüter zu wühlen. Mit CDs von Gintas K, dem Marsen Jules Trio, Seaworthy, dem Trio Marteau Rouge, Yannick Franck & Craig Hilton, Marc Behrens, Simon Whetham und RaviShardja.

Der in Litauen geborene Gintas Kraptavicius war Gründungsmitglied der ersten Industrialband des Landes, bevor er den Weg in Richtung »Klangkunst« einschlug. Dort stehen wir auch mit seiner schon zu Jahresbeginn erschienenen CD »Slow«, aber auf durchaus angenehme Weise. »Slow« ist ein sphärisches Spiel mit Mikrotexturen, flirrend und sphärisch zugleich, an der Grenze zwischen Ambient und Elektroakustik, immer wieder aber auch mita3914553179_9.jpg überraschenden Effekten und Einfällen ausgestattet (z. B. Take 4, »Dar«), was sich vielleicht mit der doch nicht ganz so strengen musikalischen Herkunft von Gintas K erklären lässt. »Slow« ist für Genrefreunde vor allem zu empfehlen. Das gilt zum Teil auch für »Présence Acousmatique« vom sich französisch gebenden, in Wahrheit aber deutschen Marsen Jules Trio. Es spielen Martin Juhls an der Live-Electronic und die Zwillingsbrüder Anwar Alam an der Violine und Jan-Philipp Alam am Piano. Wir hören gediegene Sphärik, die ein wenig Klassikhauch versprüht, vor allem aber waten wir hier knietief durch ein schimmerndes Moor aus Minimal und Ambient.

Noch eine Spur relaxter und verwehter geht es auf »Wood, Winter, Hollow« vom Duo Seaworthy (Cameron Webb und Taylor Deupree). Die meisten Tracks klingen wie ein kalter November- oder Februartag im Wald, draußen bei der Waldhütte. Zwischendurch legt Cameron Webb das Aufnahmegerät zur Seite und schlägt die Akustikgitarre an, dann knistert es wieder, Metall klimpert, ein wenig Elektronik erhebt sich vieldeutig. Irgendwo muss man ja auch ein bisschen Weltverlorenheitsatmosphärik unterbringen.
marteau_1.jpgWir verlassen diese Meditationsmusik für Aufgeschlossene mit der CD »Noir« vom Trio Marteau Rouge (Jean-Marc Foussat, Stimme, Jean-François Pauvros, Gitarre, Makoto Sato, Drums). Zwar fängt das Hörerlebnis hier auch zunächst sphärisch an, bald jedoch wird es düster und ein wenig bedrohlich. Auch das Wort »rätselhaft« schreit laut »Hier!«, was vor allem am unkonventionellen Umgang der drei Herren mit ihren Instrumenten liegt. Immer wieder fragt man sich, zu welchem schrillen Film diese Soundscapes wohl passen würden, was das ansonsten eher strenge bis karge Hörerlebnis doch erfreulich belebt.

franck_1.jpgFast zur Gänze in Richtung Ambient taucht die Kollaboration des Belgiers Yannick Franck mit dem Amerikaner Craig Hilton ab. Auf die wunderhübsch gestaltete, streng limitierte CD »Flowersfor L.P.« passen alle genretypischen Sprachbilder: mystische Reisen, fließende Gewässer, surreale Landschaften … all das schlägt der Hörerin in diesem elektroakustischen Soundteppich mit luftigem Fieldrecording-Support entgegen. Dasselbe gilt übrigens auch für die CDs »QueendomMaybeRise« von Marc Behrens und »Never So Alone« von Simon Whetham (beide auf Cronica erschienen). Düster sphärisches Flirren, schön gediegen, schön ereignislos, bei Whetham eine Spur ziselierter noch, darum auch ansprechender.

Ebenfalls fast perfekt in diese Soundwelten passt die CD/Doppel-LP »Grün ist Grau« vom Franzosen RaviShardja (gemeinsam mit GOL-Mitstreiter Jean Marcel Busson und Frederic Rebotier). Auch hier herrscht zunächst und immer wieder mal fröhliche Unterkomplexität, aber dass dann tatsächlich dahingehauchte Bollywood-Soundfetzen dazwischen flirren oder sogar ein dezenter, wenn auch arg soundverzerrter Groove einsetzt, macht die Sache herrlich entspannt. Ist das nun Ambient mit ethnischer Schlagseite oder im Kühlschrank vergessener Worldpop? Man weiß es nicht, will es auch nicht entscheiden – man befindet sich hier auf jeden Fall in einem Zwischenreich. Einen Bonuspunkt gibt es überdies für den Titel des vierten Tracks (Plattenseite D): »Gartenfest Fessenheim abgesagt« mit dem wir diese Review kurzerhand und damit ziemlich anti-ambientig abschließen.


cover_karu22.jpgGintas K: »Slow« / Baskaru
Marsen Jules Trio: »PrésenceAcousmatique«
/ Oktaf
Seaworthy & Taylor Deupree: »Wood, Winter, Hollow« / 12k
Marteau Rouge: »Noir« / Gaffer Records
Franck, Hilton: »Flowersfor L.P.« / Idiosyncratics
Marc Behrens: »QueendomMaybeRise« / Cronica
Simon Whetham: »Never So Alone« / Cronica
RaviShardja: »Grün ist Grau« / Grautag Records

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