Das in den 1990er-Jahren initiierte Viertelfestival setzt von 6. Mai bis 19. Juli 2026 mit rund 180 Veranstaltungen wichtige Akzente in der niederösterreichischen Grenzregion zu Tschechien und der Slowakei. Unter dem Motto »Das geht ab!« wird heuer das Weinviertel mit insgesamt 53 Festivalprojekten bereichert. Seit 25 Jahren ist die Kulturvernetzung Niederösterreich Drahtzieher im Hintergrund, der als Partner der lokalen Kulturszene Impulse setzt. Eine Plattform davon ist auch »KunstStoff«, das Mitgliedermagazin der Kulturvernetzung. 2026 wurde dieses einer Layout-Reform unterzogen, integriert erstmals das ganze Festivalprogramm in grafisch ansprechendem, übersichtlichem Rahmen und bringt erläuternde Texte, etwa zum Festivalauftakt am 6. Mai 2026 in der Pfarrkirche Korneuburg und den Folgeaufführungen in den Pfarrkirchen von Laa/Thaya (21. Mai), Großrußbach (28. Mai) und Mistelbach (11. Juni). »Wenn der Kirchenraum zur Manege wird« setzt sich mit Bewegung als spiritueller Sprache auseinander, umgesetzt in Form des Zirkusprojektes »Plötzlich:Mensch« der vier Choreographinnen Alma Gall, Clara Zeiszl, Lisa Hochrainer und Rosa Dreher. Sie sind auf dem Foto von Elli Jegel zu sehen, die ihre Aufgabe, sowohl das Projekt als auch die jeweiligen Kurator*innen auf ein Bild zu bannen, mit meisterhaften Schwarz-Weiß-Bildern gelöst hat.

Leerstand, temporär gefüllt
Ein Zirkus-Workshop steht im Zentrum von »Brücken zwischen Generationen«, einem Projekt in der Volksschule Wullersdorf, das die Großartigkeit der nicht wenigen Schulprojekte (der Autor dieser Zeilen konnte 2008 selbst eines in Scheibbs mitgestalten) des Viertelfestivals mit einem Schulfest am 19. Juni um 17:00 Uhr bezeugt. Des Öfteren wird Bildende Kunst an Schulkinder herangeführt, etwa in »Kellergasse:Kindheit« wo Schüler*innen der 3. und 4. Klasse der Mittelschule Mistelbach Werke des Künstlers Franz Rudolf Kunz über die charakteristischen, heutzutage oft ungenutzten Erdkeller, die sich, in Schildform gemauert, an der das Dorf durchscheidenden Hauptstraße entlangreihen, in Bild und Ton interpretieren. Zu erleben von 11. bis 19. Juni im Urbanusheim Poysdorf.

Auf Reliquiensuche im Weinviertel
Konzeptuell herausragend ist auch die Spurensicherung »Reliquie Wein4« im Kunsthaus Laa an der Thaya, welche vom 20. Juni bis 19. Juli samstags und sonntags durch die Geologie des Weinviertels und in die Welt von Reliquien führt. Wie Gesteinsschichten werden diese mit Digitalem, Bildender Kunst, Embodiment, Performance und Installation zu einer Art schillerndem Gesamtkunstwerk verzahnt. Und Körpermobilität gibt es auch an eher ungewöhnlichen Orten zu finden: »Es Wird(d)t. Männer weinen nicht« thematisiert Leerstand im vom Abriss bedrohten Wirtshaus Stidl in Pillichsdorf. Anna Josefine Holzer zeigt am 13. und 14. Juni um 18:00 Uhr einen Film, der Tanz, Erinnerungsarbeit und Männlichkeit im Wandel der Zeit kombiniert. Live-Musik, Kino und ein Gulasch beamen das altehrwürdige Gebäude in ein lebendiges Hier und Jetzt, wo gesellschaftliches Zusammenkommen zelebriert wird. Eine gelungene Intervention ist demnach auch der »Yachtclub«, die Wiederbelebung einer ehemaligen Jugenderziehungsanstalt in Kirchberg/Wagram. Mars + Blum und zwei Raumarbeiterinnen inszenieren von 19. Juni bis 19. Juli ihre »Regatta radikaler Möglichkeiten« als sozialen Treffpunkt mit Gartenbar samt Konzerten, Lesungen und Ausstellungen.

Perspektiven auf Vergangenes
Einen Leerstand offerieren auch Peter Hofmann und Lydia Sumbera in Hollabrunn. »Passage, die Erste« öffnet zwei Tore eines ungenützten Gebäudekomplexes, wodurch sich nach 60 Jahren eine Perspektive auf Vergangenes ergibt, wenngleich das Treffen künstlerischer Positionen auf Zeitzeug*innen nur ein kurzes Intermezzo ist, beginnend am 19./20. Juni drei Wochenenden lang jeweils von 13:00 bis 16:00 Uhr. Einige Male mehr feiert die vorübergehende Überwindung von Leerständen fröhliche Urständ, wenn es um die Bespielung von einstigen Labstätten mit Musik geht. Großmugl, immerhin acht Katastralgemeinden umfassend, wies früher dreizehn Orte für geselliges Zusammensein auf. Bei »Do schau her« öffnen an den Wochenenden 27./28. Juni und 4./5. Juli drei ehemalige Gastwirtschaften vorübergehend wieder, darunter das Gratzl, wo am letzten Juni-Wochenende Skero und die Müßiggang aufspielen und nach einem Frühschoppen mit Blasmusik am Sonntag um 17:00 Uhr Der Nino aus Wien ein Konzert gibt.

Landmark Silo
An die Errungenschaften der Kunst am Bau im Roten Wien der 1920er-Jahre erinnert, ebenfalls in Hollabrunn, AIR InSILo. Diese in einem Silo befindliche internationale Artist Residency, betrieben von Martin Breindl, beschäftigt von Mai bis Juli die Künstlerin Anna Khodorkovskaya. In zehn kostenlosen Workshops können Interessierte gemeinsam mit ihr ein Mosaik-Bodenbild gestalten. »Gemeinsteine« als sinnlicher »Ort der Zusammenarbeit und des Austauschs«: Präsentation am 18. Juli um 14:00 Uhr. Silos nehmen als Landmarks breiten Raum ein: die landschaftstypischen, bis zu 50 Meter hohen Getreidespeicher des Weinviertels. Quasi ein Leuchtturm-Projekt ist die Einkleidung des Raasdorfer Hasitschka-Silos mit einem Gerüstnetz, auf das die Künstlerin Katharina Cibulka mit pinkem Tüll in traditionellem Kreuzstich in meterhohen Buchstaben einen essenziellen Satz formuliert: »Solange Gleichberechtigung eine ewige Baustelle ist, bin ich Feminist*in.« Nach Washington, Orléans oder Ljuibljana gastiert ihr internationales Kunstprojekt SOLANGE nun im Weinviertel. Cibulka fordert die Bevölkerung dazu auf, mit weiteren kurzen Sätzen Gleichstellung zu thematisieren, doch hat, obwohl die Ungerechtigkeit weiter bestehen wird, ihr »Groß denken und mutig sein«-Vorhaben titels »Wie lange noch? SOLANGE …« eine Ablaufzeit: Ab 27. Juni wird diese Intervention den öffentlichen Raum in der Marchfelder Straße 10 in Raasdorf nicht mehr dominieren, doch folgt Bemerkenswertes an diesem Tag: Nach der Netzabnahme werden Großformatbilder von Mariella Lehner enthüllt. Mit den Motiven Schleiereule und Falke wird sich der Silo nach einer Idee des Ornithologen Leander Khil als Vogelturm, an den Nistkästen befestigt sein werden, entpuppen. Mit Khil ausgeheckt haben diese Silobesiedlung Armin Knöbl und der Verein Silosophie.

Grenzgänge und Klangwanderungen
Michaela Vrbkova aus Prag und Alfred Hruschka aus Falkenstein ergründen im Kunsthaus Hruschka das Aufwachsen an der Grenze zwischen Tschechien und Österreich. »Mental Border« befasst sich anhand von Installationen, Bildern, Objekten und Texten damit, wie Staatsgrenzen unser Denken prägen, doch sollten die Grenzen im Kopf weichen. Bereits am 8. Mai steigt um 18:00 Uhr die Vernissage mit anschließender Lesung der Bachmann-Preisträgerin Natascha Gangl, die Erzählungen über das Leben im Grenzgebiet Südoststeiermark und Slowenien beisteuern wird. Mit künstlerischen Begegnungen will auch Franz Schaden mit einem neuen Festival des Retzbacher Kulturraumes RE.KU.RA die Austauschflaute zwischen dem Weinviertel und dem angrenzenden Mähren überwinden. »über die grenze – přes hranice« bietet von 5. bis 7. Juni ab 15:00 Uhr im Anger von Unterretzbach u. a. Konzertgenüsse mit dem Cembal Ensemble Antonin Stehlik, Kollegium Kalksburg und Attwenger. Daniel Muck hingegen lädt mit seinem Salonorchester, dem Streich-Holz-Quartett oder der Kletz’n Musi zu Wanderungen in den Nationalpark Thayatal in Hardegg, am 6. Juni ab 15:00 Uhr bzw. 4. Juli ab 16:00 Uhr. Die »Klang:Wanderung mit SOIL« in Kleinhöflein bei Retz startet am 23. und 24. Mai jeweils um 17:00 Uhr beim Weingut Georg Toifl und soll mit Sounds, die die Musiker*innen Flora Geißelbrecht, Anna Koch, Ralph Mothwurf, David Six und Simon Zöchbauer mit der Natur versöhnen, Aufmerksamkeit auf die Basis für eine nachhaltige Landwirtschaft lenken: »Wie klingt der Boden?« ist eines von nicht wenigen Projekten, die sich 2026 mit Biodiversität, Umweltschutz oder Upcycling auseinandersetzen.

»Female Voices«
Die Komponistin Johanna Doderer verführt zur mit Neuer Musik untermalten Märchenwanderung »Wo ist die Schmida?« und zwar am 17. und 18. Juli ab 17:00 Uhr an die von Kühnring bis zur Donau fließende Schmida, die ihren Namen von den einstigen Hammerschmieden, die ihre Ufer säumten, hat. In Frauendorf wird dann der nichtregulierte Zustand des Flusses dem Jetztzustand gegenübergestellt, mit Fotos von Josef Leitner im Romantikkeller. Naheliegend ist somit »Female Voices«, eine Veranstaltungsreihe im Alten Schlachthof Hollabrunn, welche Diversität und Frauen fördert. Ein Schnupper-Workshop mit Anna Lászlo (13. Juni, 14:00 Uhr) und die Doku »Rock Chicks – Wie Frauen den Rock’n’Roll erfanden« (11. Juli, 20:00 Uhr) soll dem female Nachwuchs Lust auf Bühne machen, die die Bands Baits, Kochkraft durch KMA und Erection am 29. Mai ab 19:00 Uhr und Frieda & Kinga Dula am 18. Juli ab 18:00 Uhr entern. Grandios auch »Techno in the Winery«: Winzer werden am 3. Juni ab 19:00 Uhr im Schloss Jedenspeigen zu Musikpionieren – alle Sounds werden aus Geräuschen von Weinbaumaschinen und Weinbauzubehör destilliert: Stapler, Pumpen, Gläser und Flaschen werden zu Rhythmusinstrumenten und Mieze Medusa und Elena Sarto slammen live den Vorgeschmack aufs Festival machenden Text »Was geht ab? Das geht ab!«
Link: www.viertelfestival.at











