VOILER © Johann Redl
VOILER © Johann Redl

O-Sounds mit VOILER

In Kooperation mit Radio Orange 94.0 und Res.Radio veröffentlicht skug die »Nachlese« zu den Live-Auftritten aus der Sendereihe O-Sounds. Die Sendung vom 21. März 2021 beschert uns ein Live-Set von VOILER inklusive Interview.

VOILER ist eines der zahlreichen Projekte der in Wien lebenden All-around-Musikerin und Tausendsassarin Kristina Pia Hofer. Erstmals in Erscheinung getreten ist sie unter diesem Namen bei einer Tanzperformance von Elizabeth Wards »Dancing’s Demons« Anfang letzten Jahres im Tanzquartier Wien. Das Debüttape »000« erschien daraufhin im August 2020 beim Wiener Label Cut Surface. Eine Live-Performance samt Interview im Rahmen der Sendereihe O-Sounds am 21. März 2021 gibt’s jetzt hier zum Nachschauen und Nachhören – inklusive der Premiere des neuen Tracks »Statute«, der am 11. April 2021 auf der Compilation »The VHS Heritage Society Project – Vol. 1« erscheinen wird – mehr Infos dazu unter https://echoraeume.klingt.org. Viel Vergnügen!

O-Sounds: Soweit ich es verstanden habe, entstand VOILER ja im Zusammenhang mit einer Performance von Elizabeth Ward?
VOILER: Ja, das ist richtig. Die Tracks, die ich heute gespielt hab’, außer dem letzten Track, der historisch ein bisschen nach diesem Tanzstück kommt, sind alles Remixes oder Variationen über die 30 Minuten Musik, die ich für das Stück »Dancing’s Demons« von Elizabeth Ward gemacht hab’. Das Stück wurde Ende Jänner/Anfang Februar 2020 noch live im Tanzquartier gespielt. Ich habe in dem Stück auch selbst performt, nicht als Live-Musikerin, sondern als »Tänzerin«, also mit meinem Körper. Ich habe die Tanzmusik vorproduziert und dann selbst dazu getanzt. In diesem Stück ging’s darum, dass Elizabeth, die ja seit ihrer Kindheit Ballettprofi ist und als junge Erwachsene zur Contemporary Performance gewechselt hat, sich mit diesen Dämonen des europäischen Nationalismus auseinandersetzt, die in vielen modernen Tanztraditionen sehr spürbar sind in den 1920er- und 1930er-Jahren. Und es ging darum, wie das alles weiterwirkt in zeitgenössischen Performancekulturen – wenn auch oft nur als Abgrenzungsfolien.

Wie bist du mit elektronischer Tanzmusik erstmals in Berührung gekommen? Was ist da dein Bezug dazu? Ist es etwas, das du aus Neunzigern noch kennst?
Ich höre ultraviel Wave- und Goth-Synth-Zeug. Solche Sachen sind sehr nah an meinem DIY-Herz und das ist mein Hauptzugang zu elektronischer Tanzmusik. Wie du richtig anmerkst, bin ich auch in der Generation, die die Neunziger noch mitbekommen hat als (Pre)Teen, und ich kann mich tatsächlich erinnern, dass ich oft als 14-Jährige in Linz, wo ich aufgewachsen bin, vor der Stadtwerkstatt gestanden bin und auf eine Jungle-Party wollte. Ich habe mich dann auch dementsprechend hergerichtet und bin in die entsprechenden Locations gegangen, nur musste ich halt um Zehn wieder zuhause sein. Dann war ich halt zwischen Acht und halb Zehn auf Partys dort und hab’ gesehen, wie Leute was aufgebaut haben. Und dann musste ich wieder heimfahren und habe Tricky gehört. Sonst höre ich auch gern Classics wie Carl Craig oder Drexciya.

Es gibt in der elektronischen Musik diese Vorstellung vom Club als utopischem Raum. Was hältst du davon? Für wie realistisch hältst du diese Vorstellung, wenn Menschen wie POC oder Schwarze Menschen durch eine Türpolitik ausgeschlossen sind? Und das, obwohl von der Community zum Großteil die Musik kommt, die es dort spielt?
Es ist ultraproblematisch und es ist echt ein einziges Trauerspiel. Dadurch, dass ich selber kaum mehr in Clubs gehe, vielleicht auch aufgrund meines Alters, kann ich hier jetzt nichts aus meinen direkten Erfahrungen hier beisteuern. Aber ich brauche auch nicht weiter schauen als in die Szene, in der ich mich viel bewege. Gerade, wenn es darum geht, wer die Akteur*innen und das Publikum sind. In der Szene, in der ich mich verorte, sind sowohl die Akteur*innen als auch das Publikum sehr einschlägig homogen. Und es liegt nahe warum, denn wenn sich eine Szene nicht aktiv und suchend mit ihrer Verstricktheit in Ausschlussmechanismen auseinandersetzt, dann wird nichts passieren. Man kann noch so oft sagen, dass die Szene offen ist und jede*r kann kommen und etwas tun, aber das wird nicht passieren, wenn sich nicht eingeschliffene Verhaltensweisen und Kanons ändern.

Du wirkst auf mich in deinen Performances auch wahnsinnig cool und schlagfertig. Mir kommt es deshalb vor, als wäre es schwer, dir etwas anzuhaben. In der letzten Sendung mit Zosia sprachen wir auch über Verletzlichkeit. In welchen Momenten fühlst du dich verletzlich?
Heute ist ein Moment, in dem ich mich sehr verletzlich fühle, weil es mir zurzeit nicht gut geht und ich auch Angst hatte, hier live zu performen. Ich glaube nicht, dass ich mich weniger verletzlich fühle als andere Menschen. Es tut mir fast ein bisschen leid, wenn das dann so unnahbar wirkt. Ich glaube, das ist dann eine Copingstrategie, die ich entwickelt habe. Ich bin in den Neunzigern sozialisiert in Punk- und Hardcore-Kontexten. Wenn es darum ging, wer ein*e Akteur*in ist und wer nicht, ging es ganz stark um Geschlechterfragen und ich glaub schon, dass das ein Resultat aus dieser Sozialisierung ist.

Inwiefern würdest du sagen, hängt Gender mit Verletzlichkeit zusammen? Oder kann sie ein Weg sein, Gender auszudrücken, abseits von Rollenklischees?
Da war Zosia sicher ein*e gute* Gesprächspartner*in, auch wegen der Kollaboration mit Claire Levèvre. Ich entdecke eine Wertschätzung von Verletzlichkeit immer mehr als Ressource, musste dafür aber sehr viel unlearnen. Meine Strategien, dieses Sich-nichts-anmerken-Lassen und Durchpowern, hat sehr viel mit meiner Verortung – als weiße europäische Frau, die in den Neunzigern mit liberalem Second Wave Feminism aufgewachsen ist – zu tun und das funktioniert in manchen Kontexten besser und in anderen schlechter. Nicht nur Gender profitiert davon, sich die Verletzlichkeit und Verflochtenheit vor Augen zu führen. Zu wissen, dass ich allein nie auf dieser Welt überleben würde, führt mich persönlich zu dem Wunsch, dass ich mehr accountable werde in meinen Handlungen. Und dass ich daran interessiert bin, dass andere, die nicht dieselben Interessen haben wie ich, überleben. Vielleicht ist dieses Bewusstsein um Relationalität und Verletzlichkeit ein guter erster Schritt.

Die ganze Sendung lässt sich hier nachhören:

Diese Sendung von O-Sounds wurde gefördert durch Stadt Wien Kultur (MA7) und die SKE. Die nächste Sendung mit Zion Flex findet live am 18. April 2021 um 17:00 Uhr auf Radio Orange 94.0 statt. Das Archiv der Sendung befindet sich im Cultural Broadcasting Archive: https://cba.fro.at/series/o-sounds

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