Lithiummine am Salar de Uyuni in Bolivien © Oton Barros, Wikimedia, CC BY-SA 2.0
Lithiummine am Salar de Uyuni in Bolivien © Oton Barros, Wikimedia, CC BY-SA 2.0

Zeitenwenden in einer Epoche multipler Krisen (Teil 2)

Nach dem Kolonialkrieg in der Ukraine (Teil 1) ein Plädoyer für die Überwindung bis heute fortwirkender Macht- und Ausbeutungsverhältnisse. Voraussetzung für eine ökologische und friedliche Welt ist das Primat der Politik über Großgrundbesitz, Wirtschaft und den militärisch-industriellen Komplex.

Geopolitik ist die Herrschaft, über Bodenschätze zu verfügen. Die Ukraine hat enorme Rohstoffvorkommen an seltenen Erden, Lithium, Titan, Beryllium etc., die für den grünen Ökokapitalismus bedeutend sind: Laut »Konkret 1/2023« (»Nachhaltig plündern« von Tomasz Konicz), wird ihr aktueller Wert auf 6,7 Billionen Euro geschätzt. Eine Partnerschaft mit der EU über die Erschließung der für eine Energiewende nötigen Ressourcen, abgeschlossen mit der Ukraine Mitte 2021, ist sicherlich ebenso ein evidenter Kriegsgrund. Zunächst soll dieser Essay aufzeigen, dass egal, um welche Großmacht es sich handelt, die Interessen des Kapitals im Vordergrund stehen und nicht jene der lokalen Bevölkerung, die von der Extraktion der Rohstoffe oft nichts hat. Aus dieser Misere der Machtkomplotte von Großkapital und Regierungen einen Ausweg zu finden, ist schier hoffnungslos, doch will dieser Essay (Teil 1 hier) zumindest Ansätze dazu aufzeigen.

Die Schuld der Imperien …

Bereits im 19. Jahrhundert kam es zu Hungerkatastrophen und Massenvernichtung. Es ist, wie später der Holodomor in der Ukraine, kaum bekannt, dass die Industrialisierung der Landwirtschaft in den Kolonien europäischer Großmächte zig Millionen Todesopfer forderte. Der Beginn von Monokulturen mit erzwungenen Agrarexporten nach Europa und Übersee (die Gründung der EG beruht ebenfalls auf der Ressourcenausbeutung insbesondere Afrikas, zunächst vor allem Öl aus der damals noch französischen Kolonie Algerien) wird in Mike Davis’ Buch »Die Geburt der Dritten Welt« (Assoziation A; 2004) eindringlich geschildert. Gemäß dem im vergangenen Jahr 76-jährig verstorbenen Soziologen und Historiker aus San Diego gab es zwar auch klimabedingte Dürren, hauptsächlich ist die hohe Mortalitätsrate aber darauf zurückzuführen, dass im imperialistischen Zeitalter bislang lokal funktionierende Dorfgemeinschaften und binnenstaatliche Institutionen durch koloniale Zwangsverwaltung zerstört wurden.

Die Kolonisierung war und ist Antriebsriemen des Kapitalismus, der sich als expandierender Profitmoloch die Überseeterritorien einverleibte und diese nach wie vor ausplündert. Die europäischen Kolonisatoren erfanden den Begriff der Rassen, um die Ausbeutung zu legitimieren. Das Herrenmenschentum hatte so die Rechtfertigung zur Sklaverei und praktischerweise konnten damit nicht nur die afrikanische »Menschenimportware«, sondern auch die indigenen Bevölkerungen als minderwertig bezeichnet werden. In Lateinamerika (eurozentristische Benennung) wirkt diese unheilige Allianz aus militärischer Gewaltherrschaft, feudalem Großgrundbesitz und katholischer Kirche (besonders perfide: christliche »Bekehrer*innen« trieben den autochthonen Völkern die Identität aus) in der Gegenwart fatalerweise fort. Ging es einst noch um Sklaverei auf den Plantagen, hat die immer noch herrschende Ideologie des Neoliberalismus auch von der eigenen Haustür (Amazon & Co.) einen Niedriglohnsektor geschaffen. Der Konnex zwischen tiefschürfenden sozialen Problemen und ökologischen Missständen wird teils zu wenig erkannt. Im Kapitalozän wird übersehen, dass Macht- und Ausbeutungsverhältnisse nachwirken und führenden Industrienationen nach wie vor systemische Gewalt nach innen wie außen ausüben.

Verhungernde Bauern am Straßenrand in Charkiv 1933 © Alexander Wienerberger, Wikimedia, gemeinfrei

… am Beispiel Bolivien

In postkolonialen Zeiten führt dies nach wie vor zum Sturz von demokratisch gewählten Regierungen in sogenannten Entwicklungsländern und zu Knechtschaft von Bewohner*innen, die zur Extraktion von Bodenschätzen als Billigarbeitskräfte ausgebeutet werden. Leider zeigen die Regierungen des Westens noch keine Einsicht, dass sie mit ihrem Eigennutz-Handeln (Fischfang vor Afrikas Küsten, Export von subventionierten Nahrungsmittelüberproduktionen, die lokale Märkte ruinieren etc.) Flüchtlinge produzieren. Solches Herrschaftsdenken und -handeln nur zum eigenen Vorteil führt zu Staatsstreichen, wie etwa in Bolivien im November 2019 gegen den Präsidenten Ivo Morales, dem zu Unrecht Wahlfälschung – belegt wurde diese Lüge vom MIT in Cambridge (USA) – vorgeworfen wurde. Dankenswerterweise hat das Schweizer »Untergrundblättle« die schäbige Denkweise von Gabriel Felbermayr, seit 2021 Direktor des Österreichischen Instituts für Wirtschaftsforschung (WIFO), bezeichnenderweise 1927 von Friedrich von Hayek und Ludwig von Mises, die die Grundlagen für den Neoliberalismus lieferten, gegründet, mit dem Text »Kolonialismus 2.0« von Emil Berger entlarvt.

Nach der rechten Regierung Áñez, die mittels eines von Teilen der »Staatengemeinschaft« orchestrierten Putsches an die Macht kam, hat das bolivianische Volk wieder eine linke Regierung gewählt. Der MAS (Bewegung zum Sozialismus) geht es um Verarbeitung des Lithiums vor Ort, womit regionale Arbeitsplätze geschaffen werden können, damit zumindest ein Teil der Wertschöpfung in Bolivien bleibt. Fertigprodukte wie Akkus etc. sollen zur Entwicklung des Andenstaates beitragen, doch wollen die europäischen Regierungen das reine Metall, damit ihre Unternehmer Autobatterien etc. herstellen können. Felbermayr, vormals auch Berater der deutschen Regierung, faselte in diesem Gespräch mit dem Infokanal des Bayerischen Rundfunks über die Folgen des Krieges in der Ukraine auf die Globalisierung von einer »Stabilisierung« Boliviens und meinte, mit »Druck aufbauen müssen über sehr viele Kanäle … um einen politischen Wandel hinzukriegen« die hinterlistige Zusammenarbeit befreundeter Staaten des globalen Nordens, um die Versorgung mit einem Rohstoff militärisch abzusichern.

Salar Uyuni, Bolivien © Anouchka Unel, Wikimedia, FAL

Eigeninteressen

Eine radikale Forderung sollte ein Umdenken befördern: Enteignet nicht die Indigenen, sondern die Bergbaukonzerne, die eigentlich nie für eine gerechte Kompensation für die ökologischen Verheerungen, die sie anrichten, aufkommen! Joseph Stiglitz, Nobelpreisträger für Wirtschaftswissenschaften, formulierte in seinem Eröffnungsvortrag für das Vienna Humanities Festival am 27. September 2022 eleganter und kritisierte u. a. die Impfstoff-Apartheid des Westens, die Südafrika oder Indien aufgrund von Patenten keine Impfstoffe produzieren ließ, obwohl diese Länder dazu in der Lage gewesen wären. China und Russland aber haben ihre Impfstoffe weitergegeben. Ein Riesenfehler, weshalb der globale Süden im Ukraine-Krieg eher auf Seiten des Putin-Regimes steht.

Stiglitz zerlegt den neoliberalen Irrweg und konstatiert, nachzulesen in der gekürzten Fassung seiner Rede in der »IWM Post« No. 130, Herbst/Winter 2022: »Als Wirtschaftstheoretiker habe ich mich oft mit der Frage beschäftigt, warum das Verfolgen von Eigeninteresse – wie durch eine ›unsichtbare Hand‹ – zum Wohlergehen der Gesellschaft führen sollte. Adam Smiths ›unsichtbare Hand‹ ist unsichtbar, weil sie nicht existiert. Das Verfolgen von Eigeninteressen, die Gier, führt nicht zum Wohl der Gesellschaft«.

Die Crux ist nun, dass leider die meisten Staatsbürger*innen im reichen Westen ihren auf Ressourcenverschleuderung basierenden Wohlstand nicht verringern wollen. Die überalterten Besitzstandswahrer*innen wählen daher eher rechte Parteien und nicht jene, die den Ursachen der Krisen auf den Grund gehen und eher dazu bereit wären, rohstoffreichen, aber armen Ländern eine Kooperation auf Augenhöhe anzubieten. Im Sinne eines weltweit gerechten, solidarischen Zusammenlebens.

Schüler*innen in Burundi tragen Masken zum Schutz gegen Corona © Godiolla Akimana, Wikimedia, CC BY-SA 4.0

Degrowth

Die von der kapitalistischen Wirtschaftsweise verursachten ökologischen Desaster rückten erst mit »Die Grenzen des Wachstums. Bericht des Club of Rome zur Lage der Menschheit« (1972) in das öffentliche Bewusstsein. Darin prognostizierten Donella und Dennis Meadows, Jørgen Randers und William W. Behrens das Ende der Menschheit in 100 Jahren, doch konnten die Verfasser vor 50 Jahren nicht wissen, dass die Entfesselung des (Finanz-)Kapitalismus ab Mitte/Ende der 1970er-Jahre zum noch rasanteren Finale beitragen würde, sofern nicht doch noch die Notbremse Richtung Degrowth, der Verringerung von Produktion und Konsum, gezogen werden kann.

2022 gab es nur minimale Fortschritte bei der Klimakonferenz in Sharm el-Sheikh in Form einer Zusage von Kompensationszahlungen für vom Norden verursachte Klimaschäden an südliche von Klimakatastrophen geplagten Staaten. In seiner Erklärung zum Abschluss der COP27 bemühte UN-Generalsekretär António Guterres die örtliche Nähe zum Berg Sinai und sprach vom Klimachaos als Krise von biblischem Ausmaß. »Wir befinden uns auf dem Highway in die Klimahölle und haben den Fuß noch auf dem Gaspedal.« Und stellte klar: »Unser Planet befindet sich immer noch in der Notaufnahme.«

Obwohl spätestens mit dem ersten UN-Earth Summit, abgehalten 1992 in Rio de Janeiro, das akute CO2-Problem weltbekannt wurde, hat die fossile Industrie Patente aufgekauft, die eine Klimawende früher ermöglicht hätten und massiv lobbyiert, damit die Profite weiterfließen. Es ist unmöglich, das angepeilte 1,5-Grad-Ziel zu erreichen, weil der Energieverbrauch steigt, statt zurückgeht. Und leider hat die EU in Sachen Industriepolitik komplett versagt. Zahlreiche im Sektor Sonnen- und Windenergie tätige europäische Firmen wurden nicht genügend gefördert und mussten Konkurs anmelden. Die chinesische staatsgelenkte Industrie bot billiger an und gerade auf diesem für eine Energiewende so wichtigen Bereich besteht nun eine riesige Abhängigkeit gegenüber chinesischen Lieferanten.

Weltraumansicht der Ölpest nach der Explosion der Deepwater Horizon im Golf von Mexiko, 2010 © Revent, Wikimedia, CC BY-SA 3.0 IGO

Macht-Komplotte verhindern ökologischen Wandel

»Wenn Recht zu Unrecht wird, wird Widerstand Pflicht«, sagte einst Freda Meissner-Blau, Umwelt-Ikone und Gründungsmitglied der Grünen. Die Stopfenreuther Au hat eine wunderbare Biodiversität, das Kraftwerk Hainburg wurde nicht gebaut, doch wegen des Turbokapitalismus hat sich die Weltlage verschlimmert. Klarerweise führt dies zu einer Radikalisierung. Letzte Generation nennen sich nach Extinction Rebellion Aktivist*innen, die mit Schüttprotesten mehr Aufmerksamkeit erregen als mit Protesten gegen Konzernzentralen. Zielt der Protest aber eindeutig gegen den Flugbetrieb, wie in Berlin Tempelhof, dann ist die Staatsmacht sofort mit Terrorvorwurf und drakonischeren Strafforderungen präsent. Diese Proteste sind überaus legitim, doch Adressat sollte nur die Politik und das eine, überreiche Prozent sein.

Im Buch »Komplott an der Macht« führt die Philosophin Donatella di Cesare aus, dass leider nichts eindeutig ist, und populistische Vereinfachungen die Multikrisen nicht lösen, sondern verschärfen. Die Verfilzung von Politik und (Finanz)-Wirtschaft ist extrem fortgeschritten, weswegen die korrumpierten Demokratien erodieren. Zukunftsversprechen sind over & out. Nicht Aufbruch, sondern Niedergang wird erlebt. Das Gefühl, dass wir das Leben selbst gestalten können, geht verloren. Unterwerfung und Ohnmacht gegenüber diesem System, das als ausweglos erlebt wird, verursachen vielerlei Wunden, machen depressiv. Es ist nicht klar, wer die Fäden zieht, letztlich Verantwortung trägt.

Dies führt zu Verschwörungstheorien. Als Staatsbürger*in fühlt man sich dem Komplott einer technokratisch-ökonomischen Macht, die kein Gesicht hat, ausgeliefert. Komplottismus erzeugt Angst und mit Manipulationen bedienen superreiche Medieneigner und Internetkonzerne ihre profitmaximierenden Eigeninteressen. Das Wahre, die Wahrheit ist zertrümmert. Dass EU-Abgeordnete käuflich sind (Katar bestach das Umfeld der Vizepräsidentin des EU-Parlaments Eva Kaili), verwundert nicht, und generell muss Lobbyismus extrem eingeschränkt werden und sollte fünf Jahre ein Verbot für Politiker*innen gelten, in große Konzerne zu wechseln. Die Politik muss viel stärker regulieren, um wieder Glaubwürdigkeit zu erlangen.

Ausgetrockneter See im Altai-Gebirge, Russland © Stephan Kühn, Wikimedia, CC BY-SA 3.0

Überreichtum

Ein Change kann nicht durch moralische Appelle erreicht werden, sondern nur durch Maßnahmen gegen den überschießenden Reichtum Weniger. Weltweit stiegen die Verdienstsummen von Topmanager*innen und CEOs im Zeitraum 1998–2021 um 1.460 % gegenüber den Löhnen von Angestellten, die nur um 18 % zulegten (Quelle: EPI, Economic Policy Institute). »Es ist wichtig zu verstehen, worum es bei politischer Vermögensverteilung geht: Recht, Macht und Ressourcen. Dass diese Verteilung transparent und demokratisch stattfinden sollte, muss außer Frage gestellt werden. Vermögensungleichheit zerreißt das Miteinander«, heißt es im Vorspann des Readers »Geld« der Millionenerbin Marlene Engelhorn, die sich u. a. für eine Erbschaftssteuer einsetzt. Der Erbfall trat 2022 auch bei ihr ein und angesichts weiterer verstorbener Milliardär*innen wie Didi Mateschitz oder Heidi Horten wurde vom ÖGB-Magazin »Solidarität« recherchiert, welche Milliardenbeträge dem laschen Staat Österreich entgehen. Red-Bull-Boss Mateschitz hinterließ nach einer Berechnung des AK-Chefökonomen Markus Marterbauer 25 steuerfreie Euro-Milliarden, die bei einer existierenden, nicht allzu hoch berechneten Erbschaftssteuer dem Staat 3 Milliarden Euro Einnahmen beschert hätten. Geld, das an allen Ecken und Enden (Bildung, gerechteres Sozialsystem, Klimaförderungen usw.) fehlt.

Fies wäre es, dem einzelnen Individuum alle Verantwortung für den Klimawandel zuzuschieben, doch hat nicht nur das ominöse 1 % Anteil am Öko-Desaster. Zu beobachten außerhalb der eigenen Blase: Verwöhnte Österreicher*innen schaffen es nicht einmal, ihre Gewohnheiten zu ändern. Auch wenn im Dayjob verlautbart: Statt die Fenster für fünf Minuten zum Stoßlüften zu öffnen, werden diese eine Stunde lang gekippt oder die Heizung nach Büroschluss auf vollem Anschlag aufgedreht belassen. Erwähnt nur als kleines Beispiel. Viel Energieverschwendung ließe sich vermeiden, doch der Durchschnittsmensch bleibt bequem, ohne Reflexion, ganz zu schweigen von Solidarität gegenüber Ausgebeuteten in rohstoffreichen Ländern oder der Ukraine.

Red-Bull-Konzernzentrale in Fuschl am See © Marco Almbauer, Wikimedia, gemeinfrei

Vermögens- und Konzernbesteuerung

Sozialverträglich können die Mittel für die Dekarbonisierung nicht durch weitere Staatsverschuldung, sondern nur durch eine massive Besteuerung von Finanzmärkten, Konzernen und Überreichen erreicht werden. Z. B. muss eine Steuer auf Finanzmarktransaktionen eingeführt werden. In Deutschland würde eine geringfügige Steuer von 0,1 % auf Finanztransaktionen und 0,01 % im Hochfrequenzhandel 40 Milliarden Euro jährlich bringen. Da ist noch enorm viel Luft nach oben! Außerdem muss von Konzernen, die mit fossilen Produkten exorbitant hohe Gewinne anhäuften und nie für Umweltschäden aufkamen, eine Tributleistung eingefordert werden. Alle Einnahmen müssen in Staatsfonds bzw. international verwaltete Fonds einfließen, damit zweckgebunden für Klimaschutz und ökologische Infrastrukturen investiert werden kann.

Joseph Stiglitz plädiert für einen eingehegten, progressiven Kapitalismus mit strikt regulierten Märkten und der Demokratie als wichtigem Bestandteil davon. Der Politologe Alexander Behr teilt sicherlich Stiglitz’ Anliegen und liefert in seinem im oekom Verlag erschienenem Buch »Globale Solidarität – Wie wir die imperiale Lebensweise überwinden und die sozial-ökologische Transformation umsetzen« Material für die Bewältigung der Krisen, die soziale wie ökologische Ursachen haben. Es geht um die Herstellung eines besseren Gleichgewichtes. Um ein globales Bündnis, das Protest- und Basisbewegungen, NGOs und Zivilgesellschaften ebenso einschließt wie fortschrittliche Parteien, Gewerkschaften, Kulturschaffende, Journalist*innen usw. Eine klassenkämpferische, feministische ökologische und für Menschenrechte eintretende Internationale, die allen von oben verursachten Aspekten der Multikrisen Widerstand entgegensetzt.

Mumifizierter, von einem Geisternetz strangulierter Basstölpel neben brütender Artgenossin (Helgoland, 2011) © Engelberger, Wikimedia, CC BY 3.0

Adieu Neoliberalismus

Zum Abschluss seien einige der nötigsten einzufordernden Maßnahmen, allesamt von Expert*innen längst thematisiert, zusammengefasst, um eine Wende zur Einhaltung von Klimazielen und für eine sozialere Welt zu ermöglichen. Neben der Besteuerung exorbitant hoher Vermögen ist eine strikte Regulierung aller Börsen am allernötigsten, was die Entstehung von solchen asozialen Vermögen verhindern würde. Am besten wäre ein Börsenhandelsverbot für Güter wie Nahrungsmittel, Wasser und Strom, die menschlichen Grundbedürfnissen dienen. Dass Europa nichts aus dem neoliberalen Strommarktdesaster in Kalifornien gelernt hat, hat sich vorigen Sommer angebahnt und ist immer noch nicht ausgestanden. »Sobald Kalifornien einen regulierten Strommarkt hatte, gab es auch keine Engpässe mehr … Eine Zufallsgewinnsteuer erfasst nur die Produktion fossiler Brennstoffe, während der Handel ausgenommen bleibt. Diese Riesengewinne haben jedoch mit dem Stromhandel zu tun«. (Joseph Stiglitz).

Des Weiteren: Strikte Lobbyismus-Verbote, rigorosere Verfolgung von Korruptionsverbrechen, Verbot von Giftstoffen, Begrenzung der Plastikproduktion, Erschwerung von Bodenversiegelung, Rückbau in eine ökologische Landwirtschaft mit Nur-Noch-Subventionierung kleiner Einheiten, Flora und Fauna sind keine Sachen mehr, sondern bekommen Rechtsanspruch. Somit weltweites Verbot von Investitionsschutzabkommen, die bislang vor allem Bergbaukonzernen eine Art Paralleljustiz, inklusive eigener Gerichte ermöglichten, wenn eine Bevölkerung aufgrund bevorstehender Umweltschäden beispielsweise gegen die Inbetriebnahme einer Goldmine abstimmte. Nicht Demütigung von durch Transformation geschwächten Staaten, sondern Anbieten von Wirtschaftshilfen. Derart kann Migration stark reduziert werden. Rechtzeitige Diplomatie und Verhandlungen ohne Überlegenheitsgehabe verhindern Kränkungen und beugen Konflikten und Kriegen vor. Das mag visionäres Wunschdenken sein, angesichts vieler hochgerüsteter Diktaturen, die ihre Waffen aus Industriestaaten des Nordens beziehen. Jedenfalls muss Europa auch seine moralische Glaubwürdigkeit wieder erlangen.

Neoliberalismus führt in eine Sackgasse. »Wenn’s der Wirtschaft gut geht, geht’s allen gut«, ist eine illusionäre Redewendung. Die Politik und die Ein-Prozent-Eliten müssen von der Zivilgesellschaft und Verbündeten dazu gebracht werden, die Wirtschaft nicht mehr über alles zu stellen. Es ist höchste Zeit, die Abhängigkeit von Ökosystemen ins Bewusstsein zu rücken und Wohlstand nicht materiell zu definieren. Weniger ist mehr, Wachstum führt ins Verderben. Mit Zuversicht sollte dem Endlich-mehr-Zeit-Haben (Arbeitszeitverkürzung statt Expansion und Verschleiß) fürs tatsächliche Leben entgegengesehen werden. Kooperation auf Augenhöhe, internationale Vernetzung statt Aufrüstung, Verbundenheit mit der Natur statt Konkurrenz und kapitalisierte Natur. Die Transformation der Wirtschaft ist möglich, geteilte Güter und Recycling machen Sinn. Reduktion von Konsum macht glücklich. Gerechtigkeit macht Frieden möglich.

»Wiener Zeitung« © WZ, Moritz Ziegler

Österreichische Unsitten

Zum Finale noch ein Plädoyer gegen die Unkultur und Unsitte der österreichischen Regierungsparteien, die allzu oft Wissenschaftsgremien ignorieren. Die Grünen handeln wider ihre eigenen und demokratischen Prinzipien, werden zu Kompliz*innen und Erfüllungsgehilfen, wenn sie nicht durch Kündigung der Koalition endlich einen Selbstreinigungsprozess ermöglichen. Viele Gesetze können aufgrund der starren Interessen der korrupten VP, die auch außenpolitisch mit ihrem Boykott des Rumänien-Bulgarien-Schengen-Beitritts tiefstes Niveau erreicht, nicht beschlossen werden und trotzdem droht ein Beschluss Schwarz-Grün, der die »Wiener Zeitung«, als älteste Tageszeitung der Welt, Weltkulturerbe und öffentlich-rechtliche Bastion, verschwinden ließe.

Die Medienförderung erfolgte großteils immer noch intransparent und würde das Leben gewisser privater Medien, deren Quotenidotie Qualität killt und deren Medienrechtsverstöße sie nicht von Regierungsinseraten ausschließen, verlängern und eventuell sogar zementieren. Dass dann ORF-intern überhaupt darüber nachgedacht wird, FM4 und die Ö1-Sendungen »Zeit-Ton«, »Kunstradio«, »Jazznacht« einstellen zu lassen, ist der Gipfel der Frechheit. Es besteht zwar Reformbedarf, aber abgeschafft beziehungsweise gerupft werden dürfen weder FM4 (projektiert als »Ö3 für Junge«, da lachen ja die Hühner!), noch die erwähnten Ö1-Sendungen. Die ORF-Führung bräche das ORF-Gesetz § 4, welches die »Vermittlung und Förderung von Kunst, Kultur und Wissenschaft sowie eine angemessene Berücksichtigung und Förderung der österreichischen künstlerischen und kreativen Produktion« garantiert. Was schlussendlich zu einer weiteren Forderung einer hoffentlich sich in Zukunft konstituierenden internationalen Opposition gegen den krisenanfälligen Zustand der Welt führt: Ein weltweites, unabhängiges öffentlich-rechtliches Internet muss noch gegründet werden!

Teil 1 des Essays zeigt auf, dass der Ukraine-Krieg verhindert hätte werden können, wenn der Westen nach dem Kollaps der Sowjetunion konstruktive Transitionshilfe beim Übergang in eine soziale Marktwirtschaft geleistet hätte.

Quellenverzeichnis

  • »Nachhaltig plündern« von Tomasz Konicz (»Konkret« 1/2023)
  • Mike Davis: »Die Geburt der Dritten Welt. Hungerkatastrophen und Massenvernichtung im imperialistischen Zeitalter« (Assoziation A, 2004)
  • »Kolonialismus 2.0« von Emil Berger, streifzuege.org, fürs »Untergrund-Blättle«, 30.12.2022: https://www.xn--untergrund-blttle-2qb.ch/wirtschaft/bolivien-lithium-kolonialismus-2-0-7414.html
  • Joseph Stiglitz’ Eröffnungsvortrag für das Vienna Humanities Festival: »IWM Post No. 130«, Herbst/Winter 2022
  • Donella Meadows, Dennis Meadows, Jørgen Randers, William W. Behrens III: »Die Grenzen des Wachstums. Bericht des Club of Rome zur Lage der Menschheit« (Universe Books, New York 1972; Deutsche Verlags-Anstalt, Stuttgart 1972)
  • Erklärung von UN-Generalsekretär António Guterres zum Abschluss der COP27 in Sharm el-Sheikh: https://unric.org/de/cop27guterres21112022/
  • Letzte Generation
  • Donatella di Cesare: »Komplott an der Macht« (Verlag Matthes und Seitz, Berlin 2022)
  • Alexander Behr »Globale Solidarität – Wie wir die imperiale Lebensweise überwinden und die sozial-ökologische Transformation umsetzen« (oekom, München 2022)
  • Marlene Engelhorn: »Geld« (Kremayr & Scheriau, Wien 2022)
  • Lohngefälle Topmanager vs. Angestellte (EPI, Economic Policy Institute)
  • Entgangene Erbschaftssteuern (»Solidarität« 12/2022, Monatsmagazin des ÖGB)
  • Älteste Tageszeitung der Welt: »Wiener Zeitung«
  • Ö1-Sendungen: »Zeit-Ton«, »Kunstradio«, »Jazznacht«
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