Victoria Coeln: »Diachrome« © Christian Fürthner

»Der öffentliche Raum ist ein Menschenrecht«

Victoria Coeln und Žiga Jereb realisieren heuer zum zweiten Mal ihr Projekt »Wiener Lichtblicke«. An vier Standorten in Wien werden bis 10. März 2022 Lichtgrafiken gezeigt, die den öffentlichen Raum neu in Szene setzen. Was das in einer Zeit wie dieser bedeutet, erzählt Victoria Coeln im Interview.

Der Name NIPAS – kurz für »Nomadic Institute for Political Art and Sciences« – ist mehr als Programm: Mit ihrem Kunstprojekt, das sich ganz einer nomadischen Kontextualisierung des öffentlichen Raums verschrieben hat, schaffen Victoria Coeln und Žiga Jereb in diesem Jahr zum zweiten Mal in Folge Lichtlandschaften, die den öffentlichen Raum wortwörtlich »ins Licht rücken« sollen. Das Nomadische erklärt sich dabei schon im schieren Faktum, welche flexible Potenzialität das Medium Licht für Kunstprojekte im öffentlichen Raum aufzeigt. Gerade in einer Zeit, in der der öffentliche Raum gezwungenermaßen eine ganz andere Relevanz bekommt, wollen die »Wiener Lichtblicke« mit ihrem diesjährigen Motto »Zivilcourage im Licht der Kunst« nicht nur Hoffnung und einen Ort des Zusammentreffens schaffen, sondern auch ein gesellschaftspolitisches Zeichen setzen. Schon im vergangenen Jahr überbrückten die »Lichtblicke« trotz aller Restriktionen den gesamten Lockdown. Inwiefern diese Räume unseren Begriff von Freiheit hinterfragen können, welche Rolle Licht dabei spielt und warum sich Coeln womöglich als »Interventionistin« beschreiben könnte, erzählt sie uns im Gespräch.

skug: Stell dich bitte vielleicht kurz vor: Wer bist du und wie bist du zu Licht als Kunstform gekommen?

Victoria Coeln: Ich bin die Victoria Coeln, ich komme aus Wien, bin also »a waschechte Wienerin«, das werde ich nämlich wegen des Namens sehr oft gefragt. Zu Licht bin ich schon sehr früh gekommen. Mathematik hat mich am allermeisten interessiert, also schon mal ein technisches Fach, und aus dem heraus dann auch Physik und Quantenphysik und da kommt man zu vielen Themen des Lichts. Die zweite Seite war die ästhetische, also Malerei: Das hat mich fasziniert, aber wirklich der Anteil der Farbe. Das heißt: Wie mischt man Farben, woraus entsteht Farbe, wie findet man die allerintensivste Farbe der Welt? Sind das dann Pigmente, die man direkt mischt oder was ist es eigentlich? Und da wird man ganz automatisch auf das Licht geworfen, denn Farbe kann immer nur über Lichtwellen (Wellenlängen), über unsere Augen, wahrgenommen werden. Und schon bin ich beim Licht.

Wenn ich da noch eine Frage nachschießen darf: Was hast du denn tatsächlich »theoretisch«, also ausbildungsmäßig gemacht, dass du die unterschiedlichsten Aspekte des Lichts bündeln konntest?

Das ist eine sehr gute Frage! Mich hat am Anfang so viel interessiert und für mich war noch nicht klar, dass man mit dem Interesse für Licht, in der Form, wie ich es hatte, einen eigenen Weg bauen kann. Deswegen bin ich zuerst einmal zu Theater, Film und Bühne gekommen. Da musste ich mich nicht für ein Material entscheiden. Da konnte ich sowohl mit Literatur zu tun haben, also auch mit geistiger Auseinandersetzung, aber auch mit entsprechenden … also mit naturwissenschaftlichen und geisteswissenschaftlichen Fächern, Philosophie und so weiter, und gleichzeitig konnte ich über alle möglichen Materialien etwas lernen. Denn was gibt es Besseres als das Setting einer Bühne, wo alles vorkommt, vom Ästhetischen bis zum Politischen.

Gab es für dich einen bestimmten Moment, wo du sagtest: »Und jetzt bin ich Lichtkünstlerin!«?

Also ich würde das auch heut’ nicht sagen. Denn ich sehe mich stärker als Künstlerin allgemein. Für mich bedeutet »Lichtkünstlerin« eine unnötige Einschränkung. Für mich ist Licht nämlich weit mehr ein Trägermaterial und nicht das Ding schlechthin, das das Thema aufspannt. Es ermöglicht allerdings das Überschreiten von Grenzen und mit Licht, also wenn man Malerei und Grafik mit Licht kombiniert, dann ist es plötzlich möglich, überall zu malen und in jeder Dimension. Das ist eigentlich der Punkt, der mich besonders interessiert. Wo kann ich wie Grenzen überschreiten, wenn ich Licht in der Malerei, in der Fotografie, in der Entstehung von Räumen aber auch in der Literatur einsetze: Das ist ja wirklich umfassend!

Margot Pilz: »Göttin schuf Eva« © Helmut Prochart

Ich werde dein Stichwort »Grenze überschreiten« jetzt gleich einmal als Ausgangspunkt für meine nächste Frage nehmen, nämlich: Wieso hat dich Licht im Speziellen als Interventionsform im öffentlichen Raum angefangen zu interessieren? Wie hast du da angefangen, Grenzen zu überschreiten, oder warum ist es dir auch wichtig, Grenzen zu überschreiten?

Also der Ausgangspunkt, wenn man Grenzen überschreiten möchte, ist, dass man einmal die eigenen Grenzen überschreiten muss. Das heißt, man muss einmal schauen, dass man das eigene Denken erstmal so öffnet, dass man überhaupt Grenzen neu denken kann. Das ist schon ganz ein wichtiger Ansatz. Das heißt: Von welchen Grenzen reden wir überhaupt? Reden wir von den physischen Grenzen, die uns der öffentliche Raum, eine politische Landschaft, gibt? Oder Innenräume/Außenräume? Ist es die Grenze, wenn ich durch eine Tür rein gehe, bin ich dann drinnen geschützt oder draußen geschützt? Im Gefängnis sieht das wohl anders aus als im gemütlichen Heim. Es ist also eine riesige Frage, welche Grenzen. Wie weit überschreitet man außerdem Grenzen, ohne die anderen damit in die Enge zu treiben? Ein wichtiger Punkt ist die Definition von Freiheit. Also wie kommt das alles zusammen und was hat das letztendlich mit Licht zu tun. Ich glaube, Licht ist einfach deshalb so ein adäquates Mittel – also für mich das richtige Mittel –, weil es wirklich das älteste Medium ist und damit die Vorstellungskraft enorm fordert. Wir sehen Licht, das es nicht mehr gibt, das schon weg ist, das schon erloschen ist. Genauso ist es ein Präzisionswerkzeug, mit dem wir heut‘ operieren. Es kann aber auch ein absolut mystisches Element sein und wir haben ein bisschen vergessen, diesen Teil zu sehen. Denn Licht ist Teil aller Weltreligionen, wird als das Göttliche beschrieben: Ja, wie denn das? Warum erblicken wir das Licht der Welt, was passiert hier? Und das Licht am Ende des Tunnels? Ist das dasselbe? Welches Licht ist das wieder? Also das sind so die Fragen, die mich beschäftigen.

Also ich sehe in diesen Fragen auch dieses große Potenzial, dass Licht einerseits erdrücken, andererseits eröffnen kann, was du ja mit deinen Interventionen im öffentlichen Raum auch auslösen möchtest. Deswegen will ich jetzt einmal ein bisschen den Fokus einschränken – selbstverständlich ohne irgendwelche anderen Einschränkungen vorzunehmen –, aber wie hat sich spezifisch das Projekt »Wiener Lichtblicke« entwickelt und inwiefern funktioniert es mit diesen Ideen?

Also ein wichtiger Punkt dabei ist, von der Qualität des Lichts zu sprechen: Was passiert überhaupt? Was passiert mit dem technisch präzisen Licht, damit eben auch ein »Wiener Lichtblick« funktionieren kann? Dazu ist es erforderlich, erst einmal zu schauen: Was muss man mit dem Licht machen? Wie benützen wir es eigentlich? Und tatsächlich ist es so, dass wir durch die Filter, die wir setzen, und die Kunstwerke, die wir in diese Präzision einbauen, das Licht stören. Wie Staub oder Schmutz, der da reinkommt. Und plötzlich fängt das Licht, das so gebrochen wird, an, lebendig zu werden! Es funktioniert schon bei einer Kerze: Eine Kerze ist auch nicht technisch präzise. Da verbrennt etwas, das dann anfängt, einem dieses Licht näher zu bringen. Wenn ich also einen Lichtraum baue und er wird durch eine künstlerische Intervention, wie auch durch Tanz oder Performance, performative Kundgebungen gestört, dann plötzlich ist es nahe und plötzlich sollten wir vielleicht gar nicht mehr einfach von Licht sprechen, sondern tatsächlich von einer Malerei, einer Grafik oder einer chromatischen Lichtführung, die das überhaupt erst so erzeugt. Wenn man mal versteht, dass man die Welt tatsächlich nur über Lichtwellen und überhaupt nicht anders visuell wahrnehmen kann, dann ist es doch ganz einfach: Man muss ja nicht die ganze Welt umbauen, wenn man etwas Neues sehen will oder die Welt verändern möchte. Es genügt ja, wenn man dort eingreift, wo sich die Lichtwellen direkt verändern lassen. Und ich meine jetzt nicht digitale Bilder, denn die zeigen wiederum »nur« Bilder, ich meine tatsächlich, dass man die Wahrnehmung an ihrer ursprünglichsten Quelle verändert, nämlich dort, wo das Licht ins Auge trifft. Und genau das machen wir. Also wir setzen eine Lichtführung ein, die eingeschränkt ist auf wenige Linien, die ein*e Künstler*in gezeichnet hat wie Gabriele Stötzer, Deborah Sengl oder Carsten Busse: In dem Moment, wo da plötzlich diese Sprache hineinkommt und sich die Kunst mit der Sprache des Lichts, beides mit ganz viel Kraft, in den Raum vergrößern kann, in dem Moment habe ich einen neuen Raum, sehe ich etwas Neues und vielleicht erschließt sich eine neue Wirklichkeit und eine neue Form der Wahrnehmung.

Victoria Coeln: »Diachrome« © Christian Fürthner

Also, wenn ich das kurz zusammenfassen kann: Wenn man das Sehen transformieren kann, dann transformiert man auch seine Welt.

Ganz sicher. Und man kann vielleicht auch neu denken, wenn man vor Augen bekommt, dass man etwas anders sehen kann. Weil dann sieht man es neu und es ist/wird Neues möglich.

Erst mal danke, dass du diese Ideen so wunderschön präsentiert hast, aber ich würde jetzt gerne nochmal ganz praktisch nachfragen, wie die »Wiener Lichtblicke« – weil sie finden ja dieses Jahr zum zweiten Mal statt – konkret funktioniert haben und funktionieren werden.

Wir hatten schon 2019 in Leipzig ein Projekt realisiert, das gut funktioniert hat, zu »Dreißig Jahren friedliche Revolution«, und ich habe in dieser Zeit große Freundschaften geschlossen und das spiegelt sich auch im Projekt der »Wiener Lichtblicke« wider. Ich wollte 2020 eigentlich ein Projekt entwickeln oder hatte bereits ein Projekt entwickelt, das sich um die österreichische Verfassung drehen sollte, ihren 100. Geburtstag. Das war dann alles nicht mehr möglich durch Corona und ich konnte nicht mehr weiter. Im Herbst hat sich dann aber etwas sehr Schönes daraus ergeben, denn ich hatte mich zu dieser Zeit schon viel mit den Menschenrechten befasst und konnte dann tatsächlich mit Shams Asadi, der Menschenrechtsbeauftragten der Stadt Wien, dieses Projekt entwickeln. Aufgrund des Lockdowns konnten keine Konferenzen stattfinden. Doch unser Projekt im öffentlichen Raum, die »Wiener Lichtblicke«, konnten trotz strengem Lockdown durchgeführt werden. Und Hals über Kopf haben alle plötzlich mitgearbeitet, das hat irrsinnig gut funktioniert. Wir hatten innerhalb von sechs Wochen alles gebaut und fertiggestellt und diesen Weg entwickelt. Bei den ersten »Wiener Lichtblicken« konnte man zehn Stationen besuchen auf einem Weg von sieben Kilometern. Es war wichtig, das so auszudehnen, denn es war ja ein kompletter Ausnahmezustand und neben ersten Testmöglichkeiten gab es auch noch keine Impfungen. Also wir haben das dann komplett durch den gesamten Lockdown durchgezogen und zweimal verlängert bis zum 19. Mai, um wirklich alles über den Lockdown zu heben. Das hat uns sehr viele tolle Antworten gebracht. Es gab über 150.000 Views in Google Maps, dort ist das Projekt nämlich dargestellt, damit arbeiten wir auch diesmal! Wir konnten das Format der »Wiener Lichtblicke« unter den allerhärtesten Bedingungen entwickeln und vieles ausprobieren. Also wie man ein Stadtprojekt macht und im öffentlichen Raum natürlich, denn man muss sich vorstellen: Wenn man in der Nacht im Stadtraum arbeitet und es hat nicht mal irgendetwas offen, muss man zumindest wissen, wo die öffentlichen WC-Anlagen sind oder einen Camper dabeihaben, damit man überhaupt arbeiten kann.

Gabriele Stötzer: »Vorwärts« © Christian Fürthner

Damit hat es fast schon eine direkt gesellschaftspolitische Funktion eigentlich.

Ja, die soll’s auch haben: Es geht um diese gesellschaftspolitische Funktion, die ist ganz besonders wichtig. Also die ersten »Wiener Lichtblicke« hießen tatsächlich »Menschenrechte im Licht der Kunst«. Die haben nicht darüber informiert, welche Menschenrechte es jetzt genau gibt. Also nicht Theorie, sondern es war ein Statement: Es ist ein Menschenrecht, den öffentlichen Raum zu benutzen, es ist ein Menschenrecht, dass er uns gemeinsam gehört. Der öffentliche Raum, der ja teilweise geschlossen war zu dem Zeitpunkt, oder sogar wie eine Gefahrenzone angesehen wurde, war plötzlich fast eine Persona non grata. Wir brauchen ihn aber. Wir müssen uns doch im öffentlichen Raum auch versichern können, dass die Leute, denen wir zufällig begegnen, uns nichts tun. Das sind keine unangenehmen Fremden, die sind freundlich, vielleicht lächeln die sogar. Wann machen wir denn diese Erfahrung? Nicht wenn wir zu Hause sind. Aber wenn wir in die Öffentlichkeit gehen – und jeder von uns weiß mittlerweile, was für Schwierigkeiten wir hatten, nach der ganzen Covid-Situation in größere Gruppen zu gehen – glaube ich, dass diese Lichtblicke, wo man das im Kleinen ausprobieren kann, schon auch diesbezüglich nützlich waren. Und wir hatten so lustige Rückmeldungen! Eine Dame hat mich angerufen und gefragt: Sie würde gerne ihrem Mann zum 60. den Weg zu den Lichtstationen schenken, was sie ihm da einpacken könnte. Also da habe ich ihr das Plakat geschickt und sie hat es ausgedruckt und meinte: Supergut, sie gehen spazieren! Ich wusste, es haben etliche Geburtstagsfeste stattgefunden in den Lichtblicken. Also nicht, dass man sich dann an einen Ort setzt, sondern dass man als kleine Gruppe von Ort zu Ort geht. Von einer anderen Seite bekam ich die Meldung: Endlich ein Ort für Dates! Was sollen wir denn machen, wenn wir jemand frisch kennenlernen, wo treffen wir uns denn? In den Lichtblicken, es passte einfach!

Ich werde jetzt nochmal kurz zurückgehen auf die öffentlich-politische Funktion. Du hast das mit den WC-Anlagen etwa erwähnt. Wieso denkst du jetzt auch aus persönlicherer oder künstlerischer Perspektive, dass der öffentliche Raum uns entgleist und inwiefern kann man durch Lichtinventionen dieser Entgleisung etwas entgegensetzen?

Also ich weiß nicht, ob entgleisen jetzt das richtige Wort ist. Ich würde eventuell ein anderes Wort verwenden. Ich glaube, dass man schon von der Gefährdung des öffentlichen Raums sprechen kann, und der wird von ganz verschiedenen Seiten gefährdet. Indem z. B. viel zu viel versiegelt wird an Fläche, wobei wir als Menschen vielleicht lieber Grünraum hätten, wir könnten es uns ja aussuchen! Es gibt – nicht so sehr bei uns, aber in anderen Städten – sehr wohl das Konzept, dass der öffentliche Raum privatisiert wird, damit Private die Pflege desselben übernehmen. Was aber dann nicht besprochen wird, ist, dass es dann ein Versammlungsverbot gibt. Denn auf einem Privatgrund kann ich mich nicht versammeln. Im öffentlichen Raum schon. Wenn der öffentliche Raum zu einem Privatgrund wird, auch wenn ich keine Schranken habe, kann dort überwacht werden. Das geht nicht in einem allgemein öffentlichen Raum. Also es gibt dann verschiedene Methoden und Maßnahmen, die plötzlich möglich werden, wenn uns der öffentliche Raum abhandenkommt und Stadträume privatisiert werden. Und wo in aller Welt sollen wir denn einander begegnen, nämlich quer durch die Generationen, quer durch die Kulturen? In der Kirche? Im Kaffeehaus? Reden wir dort miteinander? Wo ist denn der Raum, wenn jetzt immer mehr Bubbles entstehen? Das ist nicht immer ganz gesund, weil am gesündesten für die Gesellschaft, aus meiner Perspektive, ist sehr wohl, dass wir miteinander reden. Aber wo treffen wir aufeinander, wo können wir das ausprobieren, wo reden wir miteinander? Ich glaube, dass die »Wiener Lichtblicke« Diskussionsthemen anbieten, sie geben aber auch Möglichkeiten, einmal über Kälte und Schnee zu reden. Denn klar sind wir draußen, aber eigentlich ist die Priorität sehr wohl: Was ist das, was bedeutet das, was habe ich hier gefunden? Dort war’s besonders schön, gehen wir dort auch noch hin? Also die Menschen, die einander in den Lichtblicken zufällig begegnen, die reden teilweise auch miteinander. Die geben einander Tipps zu den Lichtblicken und ich denke mir, wenn sich das etabliert, dann gibt es irgendwann vielleicht Menschen, die sich dann schon kennen, weil sie sich dort begegnet sind. Es ist ein Raum, der nicht belegt ist, in keiner Art und Weise, aber es ist ein Signal, dass das ein in sich doch markierter Raum ist, wo so etwas stattfindet, nämlich ein Lichtblick.

Kundgebung am Gaußplatz mit Žiga Jereb und Jasmin Avissar © NIPAS Institute

In diesem Jahr findet dein Projekt eine neue, andere Relevanz. Es gibt zwar wieder einen Lockdown, aber mit anderen Prämissen. Und über die letzten Monate hinweg haben wir ja gesehen, was es macht, wenn Reibungsflächen aktiviert, deaktiviert, intransparent oder eindeutig werden. Und da merke ich, gibt es auch ganz gespaltene Meinungen unter Künstler*innen, was das für die Kunst bedeutet, dass man hier Reibungsflächen verliert. Denn wir wollen ja keine komplett homogene Gruppe an Menschen haben, die über Themen diskutieren.

Also ich glaube, zu einer Lebendigkeit gehört Vielfalt und gehört auch das Äußern von unterschiedlichen Meinungen und wir haben diesmal ganz dezidiert als Subthema »Zivilcourage im Licht der Kunst« genommen. Also bei »Wiener Lichtblicke – Zivilcourage im Licht der Kunst«, da geht’s wiederum darum, dass man etwas vorlebt und nicht theoretisiert. Dass man in den Raum geht, dass man rausgeht, dass man ins Freie geht. Bei uns gilt kein G, weder 2G noch 3G, außer es wird für den öffentlichen Raum Maskenpflicht vorgeschrieben, aber mehr geht nicht. Es ist wie in die Straßenbahn einsteigen, so kann man in den Lichtraum einsteigen, den wird man nicht schließen können. Denn dort kann genau das stattfinden. Es ist ein Kunstangebot für alle, ohne Einschränkung – planungssicher. Und damit ermöglicht es, schwellenfrei, barrierefrei, ideologiefrei Äußerungen darin zu machen! Es ist immer noch besser, es wird gesprochen, als es wird nicht gesprochen. Je besser wir uns alle dessen bewusst sind, dass wir alle Macht ausüben können und auch ausüben, desto wichtiger ist es auch zu klären, was das bedeutet: Denn wenn sich die Macht der Liebe zuwendet, ist das eine Sache, doch wenn sich die Macht der Gewalt zuwendet, ist das eine andere Sache. Wenn Menschen sich nicht mehr zu helfen wissen, geht’s oft in Richtung Gewalt. Und wenn dann die Macht missbraucht wird von der Gewalt, dann ist es eine Katastrophe. Wird Macht aber der Liebe zugewandt benützt, dann hilft es uns allen. Das sind die Debatten, die ich auch in den Lichträumen führen möchte.

Die Eröffnung der »Wiener Lichtblicke« fand am 11. November 2021 am Gaußplatz 11 in Kooperation mit dem Aktionsradius Wien statt. Erstens: Wie ist es zu dieser Kooperation gekommen. Zweitens: Wieso der Gaußplatz? Und vielleicht kannst du uns ja dann auch im Detail erzählen, wie du zur Auswahl der anderen Lichträume dieses Jahr gekommen bist.

Ja, also »Wiener Lichtblicke« wird heuer auch von der Stadtteilkultur gefördert und von den Bezirken. Das ist neu. Das ist auch sehr schön. Denn es bedeutet auch Interesse an den Außenbezirken und nicht nur am Zentrum von Wien. Und genau das war der Punkt. Ich wollte für die heurigen »Wiener Lichtblicke« das Konzept etwas verändern. Es gibt eine große, zentrale, chromatische Lichtlandschaft und drei kleinere, die durchgehend bis zum 10. März bleiben. Die große, zentrale Lichtlandschaft ist eben im Stadtpark, denn da ist es zugänglich für absolut alle. Da fährt die U-Bahn rein und man kann von unten direkt rauf. Es ist der Kinderpark, wo wir auch Kinderrechte thematisieren, aber eben auch nur, indem man den öffentlichen Raum dafür weiterspinnt, und da war es eben wichtig: Gaußplatz, Yppenplatz, Keplerplatz. Das sind drei so Knotenpunkte, wo ganz besondere Dinge passieren, die viele gar nicht wissen. Und so bin ich auch an Uschi Schreiber vom Aktionsradius Wien herangetreten, eben mit dem Projekt, um sie zu fragen, worum es bei ihnen geht, was sie da überhaupt machen. Und als wir uns kennengelernt haben, war spontan klar: Das passt supergut zusammen. Und so haben wir die erste Eröffnung gleich mal dort geplant. Und deswegen haben wir die erste Eröffnung – den »Prolog der Zivilcourage« – genau bei ihr am Gaußplatz beim Aktionsradius gemacht.

Deborah Sengl: »ZebraTigerin« © Helmut Prochart

Aber weil wir vorhin auch übers vergangene Jahr, über deine Pläne und über deine Konzepte geredet haben: Vielleicht aus deiner persönlichen Einschätzung: Wie denkst du denn wird die zivile Bevölkerung dieses Jahr darauf reagieren? Ich weiß, das kann man nicht vorhersagen, aber ihr habt ja einen sehr guten Start gehabt im vergangenen Jahr, nur wie wird das dann vielleicht auch mit dem neuen Thema anders sein und mit der neuen Situation?

Der Unterschied zum vergangenen Jahr ist schon, dass letztes Jahr ein strenger Lockdown war und wir mit gar nichts rauskonnten. Wir konnten abgesehen von den Lichträumen keine Vermittlung bei den Lichträumen machen. Es war nur ein kurzes Zeitfenster offen, das wir genützt haben. Wir hatten dann Vermittlung auf den Plätzen stehen, die wir »Aufsicht« nannten. Denn die erste Aufgabe war, über die Corona-Regeln zu vermitteln, die zweite, Notfallkarten auszugeben, wenn jemand was braucht, weil ja psychisch die Menschen doch sehr belastet waren, und die dritte Aufgabe war, über die Kunst zu informieren, die hier stattfindet. Heuer überlegen wir schon die ganze Zeit: Wie wird das sein? Können wir das so planen? Wir planen Kundgebungen, denn das passt zu unserem politischen Format. Organisiert werden die »Wiener Lichtblicke« vom NIPAS, dem Nomadischen Institut für Politische Kunst und Wissenschaft: Das ist ein Kunstprojekt, aber auch ein gemeinnütziger Verein, hat also diese Rechtsstruktur des gemeinnützigen Vereins. Und dieses NIPAS kann sich eben bewegen, reist von Ort zu Ort, das ist schon intendiert mit dem »Nomadisch«, und genau das wollen wir jetzt stärker ausprobieren. Weil Pop-up-Lichträume sind nur dann möglich, wenn auch Menschen hinkommen dürfen und genau dann diesen Moment des friedlichen Miteinanders erleben. Und wir werden versuchen, ob das vielleicht ein Format ist, dass zur Zeit passt – das ist das Experiment daran. Ich denke, die permanenten Lichträume werden schon gut genützt werden. Den Stadtpark lassen wir nach der ersten Kundgebung unbespielt, jedoch ist jeder und jede dazu eingeladen, darin selbst etwas zu machen. Deswegen sagen wir jetzt gleich: Es bleibt bis zum 10. März 2022 und die Lichträume sind und bleiben offen. Jede*r kann kommen, darin performen, drin malen, Selfies machen, diskutieren, Menschen einladen, einander im Licht zu treffen. Man kann auch von Station zu Station gehen, es ist nicht so arg weit auseinander mit den U-Bahnen, das ist im öffentlichen Raum und bleibt. Schlussendlich werden wir erst danach sehen: Wie wird’s benützt? Und deshalb, nicht ganz strategisch oder uneigennützig gesagt: Der Gaußplatz ist natürlich ein sehr lebendiger Ort, wo ganz viel schon aufbereitet ist, und ich freue mich schon darauf, wie der Aktionsradius diesen Raum benützen wird. Denn es ist einiges Weiteres geplant. Dasselbe gilt für den Yppenplatz, für die Kooperation mit SoHo Ottakring, und am Keplerplatz ist tatsächlich dahinter die Kirche, also es ist der Kirchenvorplatz und es ist die Männerberatung ganz in der Nähe, aber auch LIFÖ, der Verein, der sich gegen den Verkauf von Frauen und Kindern einsetzt und das aushebelt.

»Wiener Lichtblicke« am Yppenplatz © NIPAS Institute

Man kann euch auch auf Facebook, Instagram und auf eurer Seite nipas.ac.at finden.

Auf Facebook ist es »NIPAS Institute«, auf Instagram auch.

Ich runde das jetzt einmal ab mit einer Schlussfrage, die sich jetzt nicht speziell auf das »Wiener Lichtblicke« Projekt bezieht, sondern sich auch an dich als Künstlerin richtet, an dich als … Interventionistin?

Interventionistin! Haha. Du erfindest gerade ein neues Wort!

Nun gut, also Interventionistin. Also für dich als Interventionistin, was sind deine Hoffnungen für die Zukunft, speziell auf die Thematik bezogen, wie sich die Bevölkerung den öffentlichen Raum zurückholt, gerade in so einer angespannten Zeit wie jetzt?

Es ist schon ein großes Anliegen, die breite Öffentlichkeit zu erreichen, damit sie diesen öffentlichen Raum auch nützt und belebt. Denn noch müssen wir ihn ja nicht zurückholen. Er gehört uns noch. Damit er uns aber nicht abhandenkommt und uns damit klar wird, dass wir das auch wirklich leben wollen oder ihn im besten Fall verantworten und sogar mitgestalten, ist das schon ein großes Anliegen, das wir haben. Dass es rüberkommt, dass wir die Lichträume für die Menschen bauen. Das Nützen des öffentlichen Raums durch die breite Bevölkerung – und zwar aller Gruppen –, das ist enorm wichtig.

Und gibt es irgendwelche weiteren Projekte und Ideen?

Eigentlich, wenn es gelingt, in diesen künstlerischen Räumen das eigene Kind wiederzuentdecken, die Fantasie, die man hat, und sie vielleicht sogar mal auf Selfies oder anderen Bildern festzuhalten, dann ist das eigentlich, was wir wirklich erreichen wollen. Und es ist großartig, dass hier jeder oder jede, der oder die kommt, selbst zum Kunstwerk wird. Das ist ein alter Frust, den wir als Kinder immer wieder erleben, nicht »richtig« zu zeichnen, zu malen, zu schreiben oder zu singen … und hier in den Lichträumen kann er abgebaut werden. Dementsprechend wird unser Publikationsformat auch eine Edition von Stickern sein. Wir werden die bald ausgeben und dann kann man ein eigenes Kunstbuch machen, mit diesen kleinen Miniaturkunstwerken in Stickerform. Das ist z. B. so ein Projekt im Projekt und klar wollen wir nächstes Jahr mit den »Wiener Lichtblicken« weitermachen, »Demokratie im Licht der Kunst« steht dringlich an.

Das ist ein wundervolles Schlusswort, würde ich einmal sagen! Ich danke dir vielmals und freue mich sehr auf die Eröffnung am Donnerstag vom Aktionsradius aus. Ich danke aber auch vielmals seitens skug und Radio Orange für dieses aufschlussreiche Gespräch.

Ja, ich danke dir auch! Ich danke dir für die guten Fragen!

Link: https://nipas.ac.at