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Von den Rändern: Touch

CM VON HAUSSWOLFF war einige Zeit in der äthiopischen Stadt Harar, dafür bekannt, dass sich Arthur Rimbaud dort die letzen Jahre seines Lebens aufgehalten hatte und mit dem Vater des späteren Königs Haile Selassie befreundet war. Hausswolffs CD »800000 Seconds in Harar« könnte man über diesen Umweg als eine symbolistische Soundstudie sehen, in der sich Vergangenheit und Gegenwart dieser heiligen Stadt permanent durchmischen. Verglichen zu seinem sonstigen Output, kommt diese CD überraschend ruhig daher, es ist eine rituelle Klangmeditation, die zwischen atmosphärischen und urbanen Geräuschkulissen pendelt. Während in der Nummer »Day« geschäftiges Treiben zu hören ist, ist bei »Night« nokturne Versenkung angesagt. Endloses Schweben in Zwischenzuständen mit ultrareduzierten Drones, wie sie höchstens von Phil Niblock stammen könnten. Tipp: Hören Sie sich vor- oder nachher eine CD der Mastermusicians of Joujouka an. »800000 Seconds« schärft nicht nur die Ohren sondern auch die Zirbeldrüse für das Wesentliche.

Ebenfalls eine Klangreise nach Afrika gewährt »Cross Pollination« von CHRIS WATSON & MARCUS DAVIDSON. Nach diversen VÜs Watsons über die nordeuropäischen Gefilde ist nun Schwitzen an der Reihe. Das Stück »Midnight at the Oasis« entführt den Hörer in die nächtliche Kalahariwüste. Das riesige, aus rotem Sand bestehende Becken verfügt über eine der vielfältigsten Faunen der Welt, des Nächtens geht es hier lauter zu als auf einem arabischen Bazar. Insekten nehmen dabei den bedeutendsten Platz ein. »Midnight« mit Kopfhörer gehört, gibt Einblicke in bizarre Welten, die sich binnen Sekunden von heimelig zu bedrohlich ändern können. Die zweite Nummer, »The Bee Symphony«, untersucht vokal-harmonische Korrelationen zwischen Menschen und Bienen, Aufnahmen von schwirrenden Bienen treffen auf onomatopoetische Chorgesänge.

Von der Hitze des schwarzen Kontinents geht es diretissima zu den Gletschern der Barentssee an den südlichen Ausläufern des arktischen Ozeans. Die norwegische Klangkünstlerin JANA WINDEREN, die 2008 den Soundtrack für eine DVD von Sigur Ros produzierte, hat sich auf Aufnahmen mit Wassermikrofonen spezialisiert und taucht auf »Energy Field« in die Tiefen des arktischen Schelfmeeres ein. Ebenso hier ist die Natur unsichtbar aber alles andere als stumm: Krustentiere und Fische jagen, orientieren sich und kommunizieren miteinander, Unterwasserturbulenzen erwecken den Eindruck von Erdbeben. An Land wird man Zeuge davon, wie sich grönländische Gletscher bewegen, das Eis ist, wie das Wasser, permanenten Veränderungsprozessen unterworfen. Eben ein Energiefeld. »Energy Field« wurde heuer mit einer goldenen »Nica« der Ars Electronica ausgezeichnet.

Nicht Fieldrecordings, aber viel Atmosphäre bietet auch PHILIP JECK. »An Ark For The Listener« ist eine klangliche Meditation über das Gedicht »The Wreck of the Deutschland« von G.M. Hopkins über die Havarie des Schiffs »Deutschland« von 1875, bei der fünf Nonnen ertrunken waren. »An Ark« reiht sich ein in Jecks vorangegangene Touch-CDs »The Sinking of the Titanic« und »Suite: Live in Liverpool« (beide mit Gavin Bryars). Jeck ist ja nicht nur Turntablist, sondern auch Produzent von Tanz- und Theaterstücken. So in etwa muss man sich »An Ark« vorstellen. In den dichten atmosphärischen Clustern passiert nur wenig, vielmehr setzt Jecks durchdringendes Rauschen das Kopfkino in Rotation. Gelegentlich sind Phrasen von alten Vinyls zu hören, diese Soundarchäologie transzendiert »An Ark« in den Zustand unbestimmter oder vielmehr unbestimmbarer Erinnerungen. Spielen sich diese Szenen nun über oder doch unter Wasser ab?

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