Fotos: © Arnold Haberl

Vollgas muss klingen wie Vollgas

Mazen Kerbaj/Franz Hautzinger, Dieb 13 im rhiz am 18. Juni sowie Mazen Kerbaj/Didi Kern im MÖE am 10. Juni 2014.

Der Tontechniker schiebt die Scheinwerfer mit einer Eisenstange zur Seite und rollt die Markise hoch – die Reihe »der blöde Mittwoch« ist angesagt, im rhiz, der Wiener Musikbar Ihres Vertrauens. Erwartung. Mazen Kerbaj hat die größere Trompete als Franz Hautzinger. Schließlich kommt er ja auch aus Beirut und ist außerdem noch Comiczeichner. Trompetöses, trompetales Nachschlingern, hintereinander trompetöten, nachhängen, rumpel. Geräuschkulisse, sagt man. Und was, wenn die Geräusche im Vordergrund sind? Erwartungsfrohes Publikum. Hautzinger horcht in sich hinein und siehe, er findet Töne. Spielerisches Gefiepe, Getrodle, Gebläse. Röhrensongs, schau in die Röhre, Trompeten-Röhre, eine Röhre, röhren, sagt man.
Schöner Ton, ein einzelner, melodiös wie eine Stimme. Der macht wenig, der Turntabler, passt. Punkfrisur und schwarze Fingernägel, wie passt das zusammen? Na, vielleicht hat er sich mit dem Hammer drauf gehauen. Mazen saugt die Wangen ein, Hautzinger fiept. Hoher Ton … Spielerisch: autoähnlich. Autos rollen. (In Sandleiten lernte ich einen Typen kennen, der Motorräder tunt mit seinem Gehör, der stellt Motorräder soundmäßig ein. Angeblich lassen sich viele Motorradfahrer ihr Gerät musikalisch einstellen. Vollgas muss klingen wie Vollgas, sagte er!)
rhimoe3.jpegDer Motor stirbt ab, geht in ein Rollen über. Hautzinger geht noch mehr rein in seine Trompete, kletter, kletter, Mazen bleibt mehr oben drüber über seiner Trompete – schwebt drüber, hirnmäßig sozusagen. Vielleicht kann man sich in Beirut nicht so verlieren, in Selbstvergessenheit. Zu gefährlich. Immerhin zerlegt Mazen Kerbaj heute nicht seine Trompete und spielt mit den Einzelteilen, wie beim Konzert zur »Theoral«-Zeitschriften-Präsentation im MÖE vor ein paar Tagen, als Didi Kern seinen Kopf auf sein Schlagzeug legte. Mazen ist mehr spielerisch und distanziert, Hautzinger ernsthaft, er haucht Leben in seine Trompete. Trumpets und die Trompeten erschallen und erklangen jauchzend in der Höh‘ über Jericho. Hier nicht: Großstadtklänge. Blaues Licht. Gerade hat Chile Spanien besiegt und der Weltmeister muss nach Hause fahren. Juhu! Dieb 13 klingt wie ein Weltempfänger, bei dem man hin und her drehen kann, der leuchtet in der Nacht. Die ganze Welt in einem Kastl. Seine ganze Welt in einem Kastl? Hier: nur ohne babylonisches Stimmengewirr. Und aus. Keiner klatscht. Die trauen sich nicht.

Einbrecher und Autokino

Schallplatte legt die nächste Nummer vor, Dieb heißt die, Melodie im Hintergrund, eine gebrochene Melodie, Einzeltöne. Hautzinger hält sich zurück, nicht gut. Wer gibt hier den Ton an? Tragend. Industriegewitter. Der Dieb ist aus Steyr, der härtesten Stadt Österreichs. Nun klingt es wie Geige, Geigenstimme. Zwei Luftballone gingen Mazen kaputt bei dem anderen Konzert. Dann war es aus, schon nach zwei Nummern, gerade als die beiden locker wurden! Und Didi spielte Schlagzeug mit einer roten Lampe unten drunter, einem Spielzeug-Megaphon. Das sah toll aus, in dem kleinen MÖE-Bühnenraum, in dem das Publikum den Musikern fast auf dem Schlagzeug sitzt. (Hat acht Euro gekostet, sagt Didi später.) Lautstark, Lautstärke, Laut stark. Krawall, nö, geordnet laut im rhiz, dem eleganten Lokal, das aus zwei Glasscheiben besteht. Autokino, aber die Autos sind draußen. Hautzinger spielt erstaunlicherweise echte klare Trompetentöne, nur ein bisschen leise. Passt zum Autokino. Launiges Fingerspiel, ob diese kleinen Trompetendrücker von selber wieder rauf gehen? Schaut so aus. rhimoe1.jpegStilbruch. Disco. Der Dieb bricht in die Atmosphäre ein, ein Einbrecher. Urlaut-Schallplatte. Alle lachen und klatschen. Und aus.
Mazen holt seinen Luftballon, einen neuen beigen, keine blauen mehr wie für »Theoral« im MÖE. Trockenes Gegurgel. Mazen wendet sich zu Hautzinger. Dieb spielt mit den Turn-Reglern, den Knöpfen, tocker tocker, weiter geht’s. Ein Zipfel vom gedehnten Luftballonstrang pendelt hin und her, hehe. Schaut gut aus zu Schnurrbart aus Beirut. Mazen zeigte mir draußen sein braunes Tagebuch in seiner braunen Tasche her, das er immer bei sich trägt. Er würde auch gerne mal zeichnen, nur so für sich, ohne gleich an Veröffentlichung zu denken, sagte er. Das hätte er verlernt. Und dass er auch Angst hatte, dass die Polizei sein Tagebuch liest. Oder seine Mutter.
Der nächste Luftballon. Hautzinger lehnt sein abwesendes Gesicht an seine Trompete und hört bloß dem Knattern zu. Dröhnende Säge von hinten. »Das resümiert ganz eigen, wenn man in die Snare eine singt. Von der Seite. Die Schnorrseite kann man singend machen«, sagt Didi. Die Schnorrseite der Snare! Mazen läuft davon, seinen Koffer hinter sich herziehend. Auf nach Beirut!